Technology Review 9/2018
S. 80
Fokus
Science-Fiction
Aufmacherbild
Illustration: Studiostoks/ Shutterstock

Weißmalerei

Viele Science-Fiction-Werke zeichnen ein düsteres Bild von der Zukunft. Aber müssen neue technische Möglichkeiten wirklich zu Unterdrückung und totaler Kontrolle durch Staaten oder Unternehmen führen? Was wäre, wenn doch alles gut wird? Jens Lubbadeh hat sich drei bekannte Romane vorgenommen und ihre Geschichten umgeschrieben.

George Orwell, NINETEEN EIGHTY-FOUR

Es war ein strahlend kalter Apriltag, und die Uhren schlugen dreizehn. Winston Smith, das Kinn an die Brust gezogen, um dem scheußlichen Wind zu entgehen, schlüpfte rasch durch die Glastüren der Victory-Mietskaserne, doch nicht rasch genug, um zu verhindern, dass mit ihm auch ein grießiger Staubwirbel hereinwehte. Am Ende des Flurs hing ein riesiges Plakat. Es zeigte das Gesicht eines 45-jährigen Mannes mit wuchtigem schwarzen Schnurrbart und kernigen, ansprechenden Zügen. Es war eines jener Bilder, die einem mit dem Blick überallhin zu folgen schienen. DER GROSSE BRUDER SIEHT DICH, lautete die Textzeile darunter.

Winston lächelte, als er das Gesicht sah, es hing fast überall. Dem Großen Bruder verdankte Mrs. Parsons ihr Leben. Sie wohnte gegenüber, allein. Die 113-Jährige hatte ihre beiden Kinder überlebt, und obwohl sie allein war, passte der Große Bruder auf sie auf. Er hatte durch ihren Televisor gesehen, als Mrs. Parsons letzte Woche gestürzt war und hilflos am Boden lag. Sofort kam eine Ambulanz, sonst hätte sie wohl stundenlang allein in ihrer Wohnung gelegen. Winston kam immer sehr spät von der Arbeit.