MIT Technology Review 10/2019
S. 66
Horizonte
10 Technologien
Illustration: Shutterstock, Collage: Technology Review

Wenn Kameras wissen, was du tun wirst

In Mannheim nutzt die Polizei Videoüberwachung, die erkennen soll, wer ein Verbrechen begehen wird. Weitere Städte werden folgen.

Von Boris Hänßler
Ein Polizist in Mannheim beobachtet sein Revier per Video­kamera.
Foto: Uwe Anspach/DPA Picture-Alliance

Im Lagezentrum des Polizeipräsidiums Mannheim sitzen Polizisten an Bildschirmen und nehmen Notrufe entgegen. Zwei junge Männer fallen in dem Raum auf: Jeder von ihnen starrt auf sechs Bildschirme, auf denen die Livestreams von derzeit 57 Kameras alternierend eingeblendet werden – ein Blick auf den Alltag der Stadtbewohner. Zwei in Violett gekleidete Foodora-Lieferboten essen gerade ein Sandwich. „Zoom heran“, sagt der Polizist, der hinter den beiden steht. Er will mir die Auflösung der Kameras demonstrieren. Sie liefern Bilder in Full HD, ganz im Gegensatz zu den meist schlecht aufgelösten heutigen Überwachungskameras in Bahnhöfen oder Parkhäusern. Die Beobachteten unterhalten sich ungestört weiter. Ich ­könnte ihre Lippen lesen, hätte ich das gelernt, oder ihre Zähne ­zählen. Der Polizist schwenkt die Kamera plötzlich gen Boden auf ­einen seltsamen violetten Fleck direkt vor den Foodora-Leuten. ­„Einer von denen ist wohl explodiert“, scherzt einer der ­Beamten. Alle lachen – Mars Attacks!

Normalerweise gibt es hier wenig zu lachen. Die Polizei überwacht die Brennpunkte der Stadt: Bahnhofsvorplatz, Breite Straße, Alter Meßplatz. Insgesamt hatte die Polizei 2018 in ihrem Einsatzgebiet – zu dem auch Heidelberg und einige ländliche Regionen gehören – 849 gefährliche Körperverletzungen im ­öffentlichen Raum zu verzeichnen. Hinzu kommen Raub­überfälle, sexuelle Übergriffe, Diebstähle, Sachbeschädigungen. Allein auf den Straßen Mannheims ergeben sich im Schnitt ungefähr 18 Straftaten pro Tag. Weil zwei Polizisten viel zu wenig sind, um 57 Kamerabilder im Auge zu behalten und möglichst viele solcher Taten aufspüren zu können, haben sie eine künstliche Intelligenz an ihrer Seite. Sie soll gefährliche Situationen automatisch erkennen und den Beamten das entsprechende Bild einblenden.