Technology Review 2/2019
S. 50
Horizonte
Medizin
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Grafik: Shutterstock

Dr. Watson weiß nicht weiter

Mit künstlicher Intelligenz wollte IBM die Medizinbranche aufmischen. Das klappte nicht wie gedacht. Eine Geschichte darüber, wie sich eine neue Technologie am Gesundheitssystem die Zähne ausbeißt.

Hochmut kommt vor dem Fall. Fragt sich nur, wer der Hochmütige in dieser Geschichte ist. „Schätze aus dem Datendschungel heben“ – das war der Plan, den IBM und das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) auf der Cebit 2011 angekündigt hatten. Watson, IBMs künstliche Intelligenz, sollte maßgeschneiderte Krebstherapien in den Bergen ärztlicher Befunde aufspüren, die am DKFZ lagern. Doch wie im vergangenen Jahr bekannt wurde, lief der Rahmenvertrag ganz ohne Ergebnis aus. Das Projekt habe „nie richtig begonnen“, erklärt die Presseabteilung des DKFZ auf Anfrage. Bei IBM will man „nicht schon wieder“ über Heidelberg sprechen.

Dabei ist Heidelberg kein Einzelfall. Auch am Universitätsklinikum Gießen-Marburg sollte Watson Ärzten als virtueller Experte zur Seite stehen, in diesem Fall bei der Diagnose seltener Krankheiten. Losgehen sollte es im Februar 2016. Doch auch dieses Projekt endete vorzeitig, im September 2017. „Die Performance war inakzeptabel, das medizinische Verständnis bei IBM nicht da“, sagte Stephan Holzinger, CEO der Rhön-Klinikum AG, zu der die Uniklinik gehört, dem „Spiegel“ im August 2018.

Woran war Dr. Watson gescheitert? Lag der Hochmut wirklich nur bei IBM und seinen werbewirksamen Versprechen? Oder auch bei einem medizinischen System, das sich nach wie vor nicht von Computern helfen lassen will – trotz gegenteiliger Beteuerungen? Wie sich zeigt, ist die Geschichte von Dr. Watson auch eine über die lahmende Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems.