Technology Review 2/2019
S. 3
Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Verliert die Vernunft an Boden? Die Befürchtung ist schon lange zu hören, aber inzwischen ist sie lauter denn je. Ein verlässliches Zeichen dafür wäre, wenn das Vertrauen in die Wissenschaft als Institution der Rationalität abnehmen würde. Wer sich jedoch die Umfragen dazu anschaut, gelangt zu einem anderen Schluss: In den vergangenen Jahren hat sich der Ruf der Wissenschaft keineswegs verschlechtert, weder in den USA noch in Deutschland (siehe Seite 38 ).

Woher kommt dann dieser Eindruck? Forscher sehen sich tatsächlich stärker als früher öffentlicher Kritik ausgesetzt. Aber die Ursache ist eben genau kein Rückzug der Aufklärung, sondern im Gegenteil ihr Fortschreiten. Gerade weil die Menschen besser informiert sind und gelernt haben, selbstständig zu denken, stellen sie mehr Fragen. Der blinde Glaube verschwindet. Die angenehme Autorität, die auf dem Unwissen des Rests der Menschheit beruhte, schrumpft.

Bis heute fällt es der Wissenschaft schwer, darauf eine Antwort zu finden. Allzu oft macht sie lediglich ein recht arrogantes Angebot: Wir reden mit dir, um dich von unserer Wahrheit zu überzeugen. Man will einen Wissenschaftsdialog anregen, aber eigentlich einen Monolog führen. Insgeheim steht das Ergebnis schon fest: Wir haben den Beweis, ihr habt nur ein Gefühl.

Ich gebe gern zu, dass die Debatten mitunter unsachlich verlaufen. Aber erstens hat niemand behauptet, das Zeitalter der Aufklärung sei bereits abgeschlossen. Und zweitens lassen sich Gefühle nur schwer wegrationalisieren, so rational die Argumente auch sein mögen. Wenn Forscher darauf nur mit einer Klage über den Rückzug der Vernunft reagieren, begehen sie einen Fehler. Das Wissenschaftssystem kann Emotionen naturgemäß nicht in seine fachliche Auseinandersetzung aufnehmen. Aber es sollte sie ernst nehmen.

Wenn die Skeptiker im Gegenzug die Fakten ernst nehmen und subjektive Sichtweisen nicht als allgemeingültig erklären, kommen wir wirklich weiter. Denn in der Debatte kann es nicht darum gehen, Verschwörungstheoretiker salonfähig zu machen oder Fake News als subjektive Wahrheit zu etablieren. Sondern darum, das Zeitalter der Aufklärung fortzuschreiben.

Ich begrüße Sie in unserer Februar-Ausgabe.

Ihr

Robert Thielicke

Unterschrift