Technology Review 7/2019
S. 102
Meinung

» Bewertungssysteme schließen Lücken «

Ab 2020 will die chinesische Regierung das Verhalten aller Bürger, Firmen, Organisationen und Behörden mit einem zentralen Reputationssystem bewerten. Die Politologin Genia Kostka vom Institut für Chinastudien der FU Berlin hat die Menschen vor Ort dazu befragt – und ist zu überraschenden Ergebnissen gekommen.

TR: Im Westen wird das geplante Bewertungssystem als Überwachungsinstrument orwellschen Ausmaßes mit tiefen Eingriffen in die Grundrechte dargestellt. Wie sehen das die chinesischen Bürger selbst?

Kostka: Unsere repräsentative Umfrage unter 2200 chinesischen Internetnutzern von 2018 ergab, dass 80 Prozent der Teilnehmer ein solches System befürworten. Diese hohe Akzeptanz wurde uns in 20 Interviews bestätigt. Dabei ist die Unterstützung für regierungsgelenkte Bewertungssysteme generell höher als die von kommerziellen Anbietern wie Alibaba oder Tencent.

Wie erklären Sie den krassen Widerspruch in der Wahrnehmung zwischen Ost und West?

Zum einen sind die Medien in China sehr eingeschränkt, Themen wie die Privatsphäre werden selten thematisiert. Aber vor allem liegt es daran, dass viele Menschen in China die Bewertungssysteme als hilfreich empfinden, um institutionelle und regulatorische Lücken zu schließen. China hat sich seit der Öffnung 1978 rapide gewandelt, was viele neue Probleme mit sich brachte. So hatte bis vor Kurzem nur ein kleiner Teil der Bevölkerung Zugang zu Bankkrediten, da die Kreditwürdigkeit schwierig nachzuweisen war. Zudem werden Gesetze oft nicht umgesetzt, was zu Internetkriminalität, mangelnder Lebensmittelhygiene und Umweltverschmutzung führt. Bewertungssysteme werden hier als Informationsquelle gesehen für Bürger, Unternehmen und Regierung.

Wie belastbar sind Ergebnisse von Meinungsumfragen in einer Kultur, in der es stark darauf ankommt, das Gesicht zu wahren?

Natürlich sind Chinesen vorsichtig, Kritik an der Regierung zu äußern. Deswegen haben wir zusätzlich Interviews durchgeführt.

Befürchten Sie, dass die Regierung das einmal eingerichtete System einsetzen wird, um die Bürger zu durchleuchten und „abweichendes“ Verhalten zu ahnden?

Die staatlichen Systeme werden bisher nur auf lokaler Ebene getestet. Allein 43 Städte experimentieren mit unterschiedlichen Varianten. Die meisten Städte haben schwarze und rote Listen, ohne dass komplexe Algorithmen dahinterstecken. Sie zielen meist darauf ab, illegales Verhalten von Firmen zu enttarnen. Einige Städte wie Rongcheng wollen mit solchen Systemen auch das individuelle Verhalten steuern. Es ist zwar möglich, diese für politische Zwecke einzusetzen, aber dazu gibt es in China effektivere Überwachungsmethoden. Und rasch wird es auf keinen Fall gehen, da schon jetzt viele Hürden bei der Umsetzung hervortreten – fehlende oder schlechte Daten etwa oder die komplexe Integration verschiedener IT-Plattformen. Es gibt keine nationale Technik, und viele Experten bezweifeln, dass sie jemals fertig wird. Bei privaten Anbietern wie WeChat und Sesame Credit ist der Digitalisierungsgrad zwar höher. Das soll aber vor allem die Loyalität der Kunden fördern.

Ist die autonome Region Xinjiang, in der hauptsächlich die muslimische Bevölkerungsgruppe der Uiguren wohnt, ein Testfeld für Unterdrückung unliebsamer Bürger?

In Xinjiang ist ein lokales Bewertungssystem nicht sehr weit fortgeschritten. Andere Überwachungsmethoden werden häufiger eingesetzt, etwa die Gesichtserkennung.

Hat die chinesische Regierung ein Interesse daran, das Reputationssystem zu exportieren?

Momentan sehen wir in der Tat, dass Peking bestimmte Technologien ins Ausland exportiert. Zum Beispiel benutzt die malaysische Polizei bereits teils chinesische Gesichtserkennungssysteme. Der Trend wird sich ausweiten, da der Staat diese Entwicklungen finanziell unterstützt.

INTERVIEW: STEFAN KREMPL