Technology Review 7/2019
S. 112
Fundamente
Jubiläum

Neuland auf See

Vor zehn Jahren begannen im Offshore-Testfeld Alpha Ventus die Installationsarbeiten.

Das schafft ihr nie.“ Als Irina Lucke im Sommer 2009 antrat, die weltweit erste echte Offshore-Windfarm mit aufzubauen, hatte sie viele Kritiker. Kein Wunder: Bislang standen nur ein paar kleine Windräder im Flachwasser nah der Küste. Mit Alpha Ventus bauten Lucke, damals Leiterin des Umspannwerks beim Energieversorger EWE, und all die anderen Beteiligten erstmals Fünf-Megawatt-Turbinen in hoher See – Neuland gewissermaßen.

Zehn Jahre später hat die Windfarm mehr als zwei Terawattstunden Strom erzeugt. Sie war der Startschuss für die globale Offshore-Windindustrie. „Niemand hat erwartet, dass die Kosten so schnell sinken würden, dass Offshore-Wind wirtschaftlich attraktiver als die Kernenergie wird“, sagt Windkraft-Professor Po Wen Cheng von der Uni Stuttgart.

Rückblick: 2001 wird das Testfeld genehmigt. Je sechs Anlagen zweier verschiedener Hersteller dürfen errichtet werden, 45 Kilometer nordwestlich von Borkum. Die Arbeiten beginnen 2009. Rund 250 Millionen Euro kostet der Windpark. Und noch mehr Lehrgeld: Weil der Netzanschluss noch nicht fertig war, mussten die Anlagen zeitweise mit dem Strom eines Dieselaggregats bewegt werden, was für viel Spott sorgte. Mal konnten die Monteure nicht raus, weil zu viel Seegang war, mal kamen die Komponenten nicht an. Bei Taucharbeiten kam ein Mann ums Leben.

Irina Lucke im März 2009. Im Hintergrund zwei Tripods. Foto: David Hecker/ Ddp

Am 27. April 2010 wurde der Park eingeweiht. Seitdem hat die Branche eine erstaunliche Entwicklung hingelegt. Die damaligen Fünf-Megawatt-Turbinen – drei mit, drei ohne Getriebe – haben die Grundlage für die heutigen Zehn-Megawatt-Anlagen bereitet. Auch bei den Gründungen „haben wir viel gelernt“, sagt Hergen Stolle von Vattenfall, damals Teilprojektleiter Errichtungslogistik und Fundamente. Seinerzeit kamen je sechs Tripod- und Jacket-Gründungen zum Einsatz. Sie erinnerten an Kamerastative beziehungsweise Hochspannungsmasten. Beide waren Hunderte Tonnen schwer und mussten aus zig Einzelteilen zu aufwendigen Geometrien zusammengeschweißt werden. Viel zu kompliziert und teuer, zeigte sich. Heute kommen in Nord- und Ostsee fast nur noch Monopiles zum Einsatz – riesige Stahlzylinder, die sich einfach und günstig fertigen lassen.

Eine Evolution erlebte auch die Logistik. War der Bau von Alpha Ventus noch weitgehend „handwerklich geprägt“, wie Irina Lucke sagt, ist heute alles perfekt orchestriert. Viele an Alpha Ventus beteiligte Ingenieure brachten ihre Erfahrungen ein. Heute gibt es etwa Hubinseln, die sich auf Stelzen über den Wellen erheben (siehe TR 7/2010, S. 8). Sie haben mehrere komplette Windkraftanlagen an Bord. „Brauchte man damals noch Wochen, so stehen heutige Offshore-Windräder binnen ein bis zwei Tagen“, sagt Stolle. Zudem ist mittlerweile nahezu das ganze Jahr hindurch Bausaison, während man zu Alpha-Ventus-Zeiten noch auf die ruhigen Sommermonate beschränkt war.

Mehr als 1300 Offshore-Turbinen entstanden bis Ende 2018. Zusammen leisten sie mehr als sechs Gigawatt. Weltweit waren es 23 Gigawatt. Die Befürchtungen, die Anlagen könnten die Meeresumwelt schädigen, haben sich als übertrieben erwiesen. Als das Umweltministerium die ökologischen Auswirkungen auf Zugvögel, Schweinswale und andere Meeresbewohner untersuchte, zeigte sich: Der Unterwasserbewuchs an den Fundamenten erhöht sogar die Artenvielfalt (siehe TR 2/2015, S. 97).

Trotzdem steckt die Windkraft hierzulande in einer tiefen Flaute: Der ehemalige Pionier Deutschland spielte zuletzt kaum noch eine Rolle beim Zubau neuer Kapazitäten. Der mit Abstand größte Markt ist inzwischen China.

DANIEL HAUTMANN