Technology Review 7/2019
S. 113
Fundamente
Rückschau

Kleinere Brötchen

An dieser Stelle blicken wir zurück auf Artikel, die vor fünf Jahren in Technology Review erschienen sind. Diesmal: Plastikmüll im Meer

technology review 7/2014: Trotz Rückschlägen weitergemacht.

Manche starten früh und manche auch ganz groß: Mit 18 Jahren beschloss Boyan Slat, die Ozeane vom Müll zu befreien. Eine gewaltige Aufgabe, denn Plastikmüll treibt dort in fünf riesigen Strudeln umher. Um sie aufzuräumen, ersann Slat eine 100 Kilometer große, V-förmige Filteranlage, in der Müll von selbst hängen bleiben sollte.

2014 gründete Slat „The Ocean Cleanup“, sammelte per Crowdfunding über zwei Millionen Dollar ein und organisierte ein Team von 100 Wissenschaftlern und Ingenieuren, die eine 500-seitige Machbarkeitsstudie erarbeiteten.

Statt ihn zu feiern, warfen Forscher, NGOs und Umweltschützer dem Niederländer vor, seine Filter würden die Tierwelt gefährden, seien nutzlos und ein technisches Feigenblatt, welches das eigentliche Problem, die Plastikproduktion und -entsorgung an Land, nicht löse.

Slat ließ sich nicht beirren und startete 2015 eine Expedition zum sogenannten „Great Pacific Garbage Patch“, einem der fünf Plastikstrudel, zwischen Kalifornien und Hawaii gelegen und dreimal so groß wie Frankreich. 30 Schiffe des Ocean Cleanup Project durchsegelten das Gebiet, um die Müllkonzentration, von der es bislang nur sehr ungenaue Schätzungen gab, zu messen. Ergebnis: 80000 Tonnen Plastik sind allein in diesem Strudel.

Im Juni 2016 dann testete Slat einen 100 Meter großen Prototyp 23 Kilometer vor der Küste Hollands. Dabei lösten sich die Verankerungen am Meeresboden innerhalb von nur zwei Monaten teilweise, weshalb das Team zu einer frei treibenden Filteranlage wechselte, die von nur einem Treibanker gehalten wird.

Das überarbeitete, 600 Meter große „System 001“ ließ Slat im September 2018 vor San Francisco zu Wasser. Wieder gab es Rückschläge: Die Anlage hielt das Plastik nicht lange genug gefangen, außerdem brach ein 18 Meter großes Stück ab. Slat entschied im Januar 2019, sie wieder einzuholen. Wichtigste Erkenntnis aus dem Test: kleinere Brötchen backen. 2020 soll „System 002“ starten, eine um den Faktor 3 verkleinerte Version, die dann aber in 60-facher Ausfertigung auf den Great Pacific Garbage Patch losgehen soll. Klappt alles, wäre Slat damit zu seinem 30. Geburtstag fertig. JENS LUBBADEH