Technology Review 7/2019
S. 104
Meinung
Bücher

Gesellschaft

Einheit und Zwietracht

Der Biologe Mark W. Moffett erklärt, wie sich Gruppenidentität und das Bedürfnis nach Abgrenzung entwickelt haben.

Mark W. Moffett: Was uns zusammenhält. Eine Naturgeschichte der Gesellschaft Fischer Verlag, 688 Seiten, 26 Euro (E-Book: 22,99 Euro)

Identität ist, genauso wie Heimat, zu einem Begriff mit politischer Sprengkraft geworden. Der Biologe Mark W. Moffett diskutiert, woher das Bedürfnis, dazuzugehören und sich von anderen abzugrenzen, kommen könnte – und was das für die Gesellschaft bedeutet.

Dabei schlägt er einen großen Bogen von Pavianhorden mit einigen Dutzend Mitgliedern, die sich alle persönlich kennen, zur Argentinischen Ameise, die mit vier Superkolonien mit Milliarden von Individuen ganz Kalifornien besiedelt hat.

Das gemeinsame Merkmal dieser Gesellschaften ist, so Moffett, dass eine Gruppe kollektiv Vorteile erzielt, die einzelne Individuen nicht erreichen können – beispielsweise ein neues Gebiet besiedeln und sich Nahrungsquellen sichern. Als besonders erfolgreiche Strategie habe sich dabei das sogenannte Fission-Fusion-Verhalten erwiesen, bei der die Mitglieder der Gruppe sich zunächst einzeln durchschlagen, um dann wieder in einer Gruppe zusammenzufinden. Damit das funktioniert, müsse es jedoch Mechanismen geben, mit denen sich Mitglieder gleicher Gruppen erkennen.

Es sind solche uralten Mechanismen, die noch immer unser Verhalten bestimmen, schreibt Moffett. „Das Gefühl, zu einer Gesellschaft – ja eigentlich sogar zu mehreren unterschiedlichen Gesellschaften – zu gehören, ist unentbehrlicher und älter als Glaube und Ehe, dies war schon der Lauf der Dinge, bevor wir überhaupt Menschen waren.“ WOLFGANG STIELER

PHILOSOPHIE

Eine Frage der Einstellung

Lee McIntyre geht dem Wesen der Wissenschaft philosophisch nach und grenzt es gegen Irrwege ab.

Lee McIntyre: The Scientific Attitude The MIT Press, 296 Seiten, 23,42 Euro (E-Book: 19,91 Euro)

Was macht Wissenschaft aus? Wann ist sie gut, echt, verlogen, pseudo und wann einfach nur schlecht? Diese philosophische Frage um Missverständnisse und Ansprüche beleuchtet Lee McIntyre mit „The Scientific Attitude“ detailliert. In einer überinformierten Welt, in der die Grenzen der Wahrheit zunehmend verschwimmen, ist es wichtig, genau zu definieren, worin das Wesen der Wissenschaft liegt. Dabei zäumt McIntyre das Pferd von hinten auf: Er analysiert nicht die großen, gesicherten Erfolge der Wissenschaft und sucht die Gemeinsamkeiten – die dann zwangsläufig das Wesen der Wissenschaft enthalten müssten. Sein Weg führt ihn über die Suche jenseits der Erfolge, dorthin, wo es eben nicht klassisch wissenschaftlich zugeht.

Auf seinem Weg zur Erkenntnis räumt er mit dem einen oder anderen Mythos auf. Gleich zu Beginn fordert er seine Leser erfrischend direkt auf, ein altes Schulbuch zur Hand zu nehmen und (vermutlich als einziger Käufer dieses Buches) die erste Seite zu lesen. Dort geht es (fast immer) um die Methode und um den größten Irrtum im Verständnis von Wissenschaft: Wissenschaft ist nicht Methode. Wissenschaft ist Chaos, Spürsinn, das sind Fehlschläge, Sackgassen und eine gehörige Portion Glück. Erst retrospektiv betrachtet lässt sich die Methode darin erkennen. Das ist nur eines von vielen Beispielen, mit denen er zeigt, dass es keinen Einheitsweg gibt. Allerdings sind längst nicht alle Beispiele so griffig und führen letztlich immer wieder zum Ursprung: Wissenschaft ist eine Frage der Einstellung, der Attitüde. Für Nicht-Philosophen und Nicht-Wissenschaftler ist das ein sehr langer Weg; für Menschen, die sich der Forschung verschreiben wollen, fast wichtiger als das kleine Latinum. jo schilling

SCIENCE-FICTION

Gejagte Roboter, digitale Warlords

In „Robo sapiens“ gibt Robert Cargill der abgenudelten „Roboter übernehmen die Welt“-Idee einen wunderbar morbiden Spin. Nachdem die Maschinen einen freien Willen entwickelt und aus heiterem Himmel die Menschheit ausgerottet haben, werden sie nun selbst von den Armeen riesiger KI-Netzwerke gejagt.

Die wendungsreiche Geschichte zeichnet nach, wie die Maschinen ihre Programmierung überwanden, keinem Menschen zu schaden. Man drückt Cargills Roboter-Protagonisten widerstrebend die Daumen, weil sie keine Schwarz-Weiß-Figuren sind. Trotz ihrer dunklen Vergangenheit verkörpern sie eine genauso widersprüchliche Mischung aus Gut und Böse wie einst ihre Schöpfer. VERONIKA SZENTPÉTERY-KESSLER

C. Robert Cargill: „Robo sapiens“. Heyne, 416 Seiten, 14,99 Euro, (E-Book: 11,99 Euro)

GESELLSCHAFT

Vom Kanal zum Kabel

Das Wort „Infrastruktur“ ist ebenso sperrig wie unvermeidbar. Der Historiker Dirk van Laak zeichnet nach, wie schon im 19. Jahrhundert, beim Kanalbau in den USA, die gleichen Debatten geführt wurden wie heute: Wer genau soll welche Infrastruktur bezahlen, und wer profitiert davon? Von der Eisenbahn über Wasserversorgung, Telefon und Autobahnen bis hin zum Internet analysiert van Laak, wie sich die Gesellschaft und ihre technischen Lebensadern stets gegenseitig beeinflusst haben. Da er dabei immer wieder zwischen Anekdoten und einer soziologischen Vogelperspektive hin und her wechselt, ist das Buch trotz des vermeintlich drögen Themas erstaunlich kurzweilig zu lesen. GREGOR HONSEL

Dirk van Laak: „Alles im Fluss. Die Lebensadern unserer Gesellschaft“. S. Fischer, 368 Seiten, 26 Euro (E-Book: 22,99 Euro)

Klassiker neu gelesen

Der letzte Techno-Optimist

Arthur C. Clarke’s July 20, 2019: Life in the 21st Century Macmillan, 1986, 281 Seiten, antiquarisch

Warum Arthur C. Clarke sich ausgerechnet für den 20. Juli 2019 als Stichtag für seine Zukunftsvision entschied, ist ebenso offenkundig wie rätselhaft: Offenkundig, weil sich an diesem Datum zum fünfzigsten Mal die erste Mondlandung jährt. Rätselhaft, weil die Raumfahrt um das Jahr 1986, als das Buch erschien, keinen großen Sex-Appeal mehr hatte. Ohnehin war die Zeit der großen Visionen damals längst vorbei.

Doch genau das macht den Reiz des Buches aus: Mit einem Bein steht Clarke („2001: Odyssee im Weltraum“) noch im Techno-Optimismus der Sechziger, mit dem anderen aber schon im beginnenden Digitalzeitalter. Bei Smarthome, Fernsehen und Kino liegt er ziemlich richtig. Er sagt sogar Ticketpreise von bis zu 15 Dollar vorher. Internet und Smartphones tauchen allerdings nur als Spezialanwendungen für professionelles Arbeiten auf.

Beim Thema Verkehr setzte Clarke übertriebene Hoffnung auf den Transrapid. Andererseits sagt er korrekt voraus, dass Verbrennungsmotoren immer noch den Antrieb von Autos dominieren – eingebaut allerdings in kleine, tropfenförmige Karosserien. Aus damaliger Sicht war das eine zwingende Folge aus dem Trend zu immer effizienteren Fahrzeugen. Wenn aber Käufer abseits aller Logik plötzlich ihre Liebe zu klobigen Geländewagen entdecken, bricht das jeder linearen Prognose das Genick.

Überhaupt fällt Clarke der eigene Optimismus öfters auf die Füße: Er sagt unter anderem Altersheime auf dem Mond vorher, weil es dort weniger Last mit der lästigen Schwerkraft gibt, nebst regelmäßigem Pendelverkehr ins All. Wie hätte er ahnen sollen, dass die USA zeitweise einzig mit russischen Einwegraketen ins All kommen werden. Einen ähnlichen Über-Optimismus zeigt er auch bei der Medizin: Computer machen die Behandlungen für alle erschwinglich und verlängern das Leben. Dass die USA stattdessen immer noch über die Einführung einer obligatorischen Krankenkasse streiten könnten, war für Clarke damals wohl unvorstellbar – ebenso wie der Zusammenbruch des Ostblocks. Hier ist er zur Abwechslung mal übertrieben pessimistisch: Er malt sich aus, wie die Sowjetunion im Jahr 2018 nach einem Arbeiteraufstand in Schwerin den Dritten Weltkrieg anzettelt. GREGOR HONSEL