Technology Review 8/2019
S. 28
Horizonte
Utopie

Der neue Plan

Lange galten freier Markt und dynamischer Wettbewerb als alternativlose Garanten für Wachstum und Wohlstand. Doch die Zweifel daran mehren sich. Ausgerechnet Computer und Big Data könnten nun den Weg zu einer radikalen gesellschaftlichen Alternative ebnen.

1970 wurde in Chile eine linke Regierung gewählt. Beeinflusst von den Arbeiten des britischen Kybernetikers Stafford Beer installierten die Chilenen Cybersyn, ein System zur Lenkung staatlicher Betriebe – im Foto die Operationszentrale. Die Daten der Betriebe wurden gesammelt und von einem Großrechner ausgewertet, der Prognosen erstellte. Sobald die Simulation Abweichungen ergab, sollten die Verantwortlichen in den Betrieben alarmiert werden. 1972 kam das System erstmals zum Einsatz. Der Militärputsch von 1973 beendete das Projekt. Foto: Gui Bonsiepe

Auf der Bühne erreichten die ersten Security-Leute Amistad, packten sie an Armen und Beinen, versuchten sie von dem Pult fortzuzerren, an das sie sich klammerte. Einer der Transparenthalter fiel, das Tuch verknitterte und flatterte zu Boden, als auch ein zweiter Halter überwältigt wurde. „Herbert Thompson kann nicht mehr vortragen, weil er ermordet wurde“, rief sie.

Marc Elsberg: „Gier“

Thompson musste sterben, weil er die falschen Ideen hatte. Der Ökonom, der den mathematischen Beweis fand, dass Zusammenarbeit mehr bringt als Konkurrenz, der mit seinen Theorien den Kapitalismus erschüttert hätte, wird von skrupellosen Geschäftsleuten ermordet. Aktivisten stürmen eine Wirtschaftskonferenz, weil sie wollen, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Zugegeben, was Marc Elsberg in seinem neuen Thriller „Gier“ schildert, ist genretypisch dick aufgetragen. Aber mal von der Verschwörung zum Mord abgesehen, in der Realität ist der Geist des Werks längst aus der Flasche: Immer öfter diskutieren Wissenschaftler und Aktivisten ernsthaft über Alternativen zur jetzigen Form der Marktwirtschaft – und sie führen gute Gründe an, warum die möglich sein sollen.

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» Das Hauptproblem ist der Mangel an Demokratie «

In ihrem Buch „The People’s Republic of Walmart“ plädieren Michal Rozworski und Leigh Phillips dafür, die technischen Möglichkeiten, die Unternehmen wie Amazon und Walmart entwickelt haben, für eine neue Form der Planwirtschaft zu nutzen. Da das Interview per E-Mail geführt wurde, haben die beiden Autoren die Fragen kollektiv beantwortet.

TR: Warum sollte man die Marktwirtschaft überhaupt ablehnen? Sie scheint doch zu funktionieren und hat sogar die ersten Versuche des Sozialismus besiegt.

Rozworski/Phillips: Das Hauptproblem ist der Mangel an Demokratie. Es gibt so gut wie keine demokratischen Entscheidungen über die Arbeit selbst, über die Ziele der Arbeit – einfach über alles, was in den Stunden passiert, die wir im Wesentlichen unter der Herrschaft anderer verbringen.

Solange es den Wohlstand mehrt, könnte man sagen: ein Problem für Idealisten.

Abgesehen von Fragen der Demokratie gibt es das Problem der ungleichen Verteilung. Ein marktorientiertes Gesundheitssystem, wie es beispielsweise in den USA existiert, führt zu grotesken Ergebnissen sowohl für den Einzelnen als auch für die gesamte Bevölkerung. Ein armer Mensch, der an einer Infektionskrankheit leidet, wird nicht in der Lage sein, die Behandlung zu bezahlen – und so die Krankheit weitergeben. Solche Systeme sind aufgrund von Doppelarbeit, Gewinnmitnahme und unnötigen Ausgaben für das Marketing viel teurer als öffentliche Systeme. Dazu kommt die irrationale Produktion. Da nur Waren produziert werden, die auch profitabel sind, beschränken die Märkte die Produktion und hemmen die Innovation.

Befürworter des jetzigen Systems behaupten: Gerade die Aussicht auf Profit macht risikobereit.