MIT Technology Review 3/2020
S. 28
Horizonte
IT
Grafik: Shutterstock

Die große KI-Kulisse

Künstliche Intelligenz ist objektiv, neutral und agiert stets streng logisch? Mit dem Glauben daran verkaufen Firmen Algorithmen zur Emotionserkennung, entwickeln Software für die Bewerberauswahl und erzählen, dass uns die KI kreativer macht. Es sieht ganz so aus, als wäre man da etwas zu optimistisch.

Von Christian Honey und Wolfgang Stieler

Maschinen, heißt es, können nicht lügen. Sie geben genau das wieder, was sie berechnet haben. Oder was ihnen einprogrammiert wurde. Menschen sind da schon fantasievoller. Auch wenn sie nicht direkt lügen, können sie die Wahrheit auf vielfältige Weise kreativ bearbeiten: Sie lassen Fakten weg, deuten an, arbeiten mit unscharfen Analogien und suggestiven, schillernden Schlüsselbegriffen. Genau das passiert derzeit beim Thema künstliche Intelligenz.

Intelligente Maschinen können Informationsmengen ver­arbeiten, die ein Mensch nicht fassen, Muster erkennen, die ein Mensch nicht sehen kann, logische Ketten in einer Tiefe analysieren, die ein Mensch nicht durchdenken kann. Nun glauben Firmen, diese Fähigkeiten auf sämtliche Lebensbereiche anwenden zu können. Einige bringen ihren Maschinen bei, Bewerber zu beurteilen und ihre Eignung für einen Job vorherzusagen. Andere lehren sie, Gefühle zu messen und zu ermitteln, wie Menschen im nächsten Moment reagieren. Sie versprechen Sprachassistenten, die etwa einen Tisch im Restaurant reser­vieren können. Und sie behaupten, dass wir so von lästiger ­Routinearbeit verschont werden und uns erfüllenden kreativen Tätigkeiten hingeben können.