Chipmangel: Wie Europas Industrie unabhängiger werden kann

Viele Unternehmen in der EU sind auf außereuropäische Zulieferer angewiesen, sonst stehen ihre Bänder still. Besonders gravierend ist das bei Mikrochips, die zum Großteil aus Asien stammen. Der Mangel in den letzten zwei Jahren hat die Industrie massiv beeinträchtigt. Europa will sich aus dieser Abhängigkeit lösen – und Intel hilft mit dem Bau zweier Fabriken in Magdeburg dabei.

Europa ist in vielerlei Hinsicht abhängig von anderen Staaten – nicht nur von Öl, Gas und Kohle aus Russland. Bei Mikrochips sind europäische Unternehmen schon lange auf die Produktion in Asien angewiesen. Zwei Drittel aller modernen Halbleiter werden heute in Taiwan, Südkorea, China und Japan gefertigt.

Viele der dortigen Firmen arbeiten im Auftrag anderer Unternehmen. Unter allen Auftragsfertigern weltweit hat TSMC (Taiwan Semiconductor Manufacturing Company) einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent. Auch die Semiconductor Manufacturing International Corporation (SMIC) produziert als größter Chip-Hersteller Chinas Halbleiter für andere Betriebe. Mit den Bauteilen werden dann beispielsweise die Auto- oder Unterhaltungsindustrie in Europa versorgt.

Welche Auswirkungen die Abhängigkeit von außereuropäischen Chip-Produzenten hat, zeigt sich seit zwei Jahren – viele der begehrten Halbleiter können nicht geliefert werden. Das asiatische Angebot der Bauteile ist kleiner als die Nachfrage in Europa und dem Rest der Welt.

Die Bedeutung von Halbleitern für elektronische Geräte

Autos, Mobiltelefone, Computer, Spielkonsolen, Windkraftanlagen oder Toaster: Mikrochips stecken in unzähligen elektronischen Geräten – und es werden mehr. Sie sind für verschiedene Aufgaben essenziell. In modernen Autos etwa werden sie für intelligente Fahrassistenzsysteme wie die Abstandserkennung oder Parkhilfen benötigt, aber auch für das Auslösen des Airbags.

Die Lieferengpässe bei Halbleitern bremsen ganze Industriezweige aus, allen voran die Autohersteller. Weil die Chips fehlen, müssen etwa Hightech-Funktionen aus neuen Fahrzeugen entfernt werden. Aber auch Unterhaltungselektronik wie Spielkonsolen kann nicht gefertigt werden, in der Medizintechnik gibt es Lieferverzögerungen von bis zu einem Jahr.

Warum Halbleiter knapp geworden sind

Für die Ressourcen-Probleme gibt es verschiedene Gründe: In der Corona-Pandemie stieg der Bedarf an Laptops, Smartphones und Unterhaltungselektronik, weil viele Menschen von zu Hause arbeiteten – und mehr Zeit dort verbrachten. Damit stieg der Bedarf an Halbleitern in diesen Bereichen. Die Autoindustrie verzeichnete zwar zunächst eine geringere Nachfrage während der Pandemie, doch das hielt nicht lange an.

Zugleich gab es Versorgungsengpässe bei Rohstofflieferanten. Weil die USA ihre Sanktionen gegen China verschärften, wurde der chinesische Hersteller SMIC nicht mehr mit US-Komponenten beliefert. Lockdowns und Unfälle in verschiedenen Fabriken sorgten obendrein für Stillstände bei der Produktion. Weltweite Probleme bei der Lieferlogistik verschärften die Situation noch – durch fehlende Container und Staus von Containerschiffen kamen Bauteile nur verzögert an.

Dass der weltgrößte Auftragshersteller in Taiwan sitzt, könnte in Zukunft für zusätzliche Schwierigkeiten sorgen: Die chinesische Führung sieht Taiwan als eigenes Territorium an, dann wäre die Produktion entweder ausgebremst oder würde von China kontrolliert.

Die ehrgeizigen Ziele der EU bei der Chip-Produktion

Aus dieser Abhängigkeit bei der Mikrochip-Produktion will die Europäische Union sich lösen – mit dem „EU Chips Act“. Das ehrgeizige Ziel: Es sollen deutlich mehr Halbleiter in Europa gefertigt werden. Damit soll sichergestellt werden, dass die Industrie hierzulande mit den dringend benötigten Chips versorgt wird. Die EU möchte dazu 43 Mrd. Euro an Fördermitteln zur Verfügung stellen.

Bis zum Jahr 2030 soll sich dadurch der europäische Marktanteil an der weltweiten Halbleiter-Produktion von 10 auf 20 Prozent verdoppeln. Weil sich die Nachfrage in den nächsten zehn Jahren wahrscheinlich verdoppeln wird, würde das eine Vervierfachung der derzeitigen Fertigungskapazitäten bedeuten.

Was Intel in Magdeburg plant – und die Auswirkungen

Eine Initiative von Intel soll helfen, das EU-Ziel zu erreichen: In den kommenden zehn Jahren plant der US-Konzern, 80 Mrd. Euro rund um das Thema Halbleiter in der EU zu investieren. Damit sollen globale Lieferketten ausgeglichen und sichergestellt werden, dass in Zukunft ein Chipmangel dieser Größenordnung nicht mehr vorkommt.

Zentral ist dafür der Bau von zwei Halbleiterfabriken in Magdeburg. Sie sollen ab dem Jahr 2023 entstehen, die geplante Investition liegt bei 17 Mrd. Euro. Der Produktionsstart ist für 2027 geplant. Der Konzern möchte dort auch Chips im Auftrag für andere Firmen fertigen.

In den beiden Fabriken sollen 3.000 Hightech-Arbeitsplätze entstehen. Doch das Großprojekt wirkt sich auf die ganze Region aus – und auf den Standort Deutschland. An den sieben Universitäten in der Region werden Fachleute ausgebildet, unter anderem in Magdeburg, Halle-Wittenberg, Hannover, Berlin und Dresden. Neue Fähigkeiten werden benötigt, Uni-Lehrstühle werden sich daran anpassen. Die Arbeitsplätze und Ausbildungsinitiativen ziehen Experten aus aller Welt an. Die Produktionsstätten werden außerdem dazu führen, dass sich Zulieferer und Partner in der Umgebung ansiedeln. Damit könnten Zehntausende weitere Arbeitsplätze entstehen.

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