Transformation im Supermarkt: Lerne das Kundengeschäft, bevor Du an der IT schraubst

Digitale Transformation ist für die meisten Unternehmen das Gebot der Stunde, um nicht mittel- oder gar kurzfristig die Geschäftsgrundlage zu verlieren. Doch wie geht man vor: Regelt man das Ganze einfach über schnellere Technologie? Lesen Sie hier, wie man eine Basis für kontinuierliche Innovation schafft.

Am Beispiel eines Großprojekts bei einem marktführenden, angelsächsischen Einzelhandelskunden, nennen wir ihn RetailGiant, beleuchten wir einige Aspekte der digitalen Transformation im Enterprise-Umfeld.

100 Jahre im Geschäft

Seit über einem Jahrhundert betreibt RetailGiant sein erfolgreiches Geschäft. Den Nutzen und den Marktvorsprung durch Digitalisierung hatte man schon Anfang der 80er Jahre erkannt. Die damals neuen Anwendungen wurden auf den seinerzeit modernsten IBM Mainframes gehostet. Viele Innovationsprojekte wurden auf dieser Plattform gestartet – einige davon mit desaströsen Ergebnis.

Doch leider blieb es nicht bei dieser Vorreiterrolle, denn Mainframe-basierte  Anwendungssysteme auf dem neuesten technologischen Stand zu halten ist kostenintensiv.  Durch Akquisitionen wurden regelmäßig neue Systeme integriert, was zu komplexen Abhängigkeiten führte und die Wartung nahezu unmöglich machte. Man musste handeln.

In den 90er und 00er Jahren etablierten sich neue Mitbewerber, die auf der technologisch grünen Wiese starten konnten. Diese hatten leichteren Zugang zu State-of-the-Art Technologien mit schnellerer Umsetzung neuer Ideen, neuer Funktionalität und flexible Reaktion auf neue Kundenanforderungen.

Anders als die Konkurrenz nutzte RetailGiant eine funktionierende Systemlandschaft, die täglich mithalf die Brötchen für das Unternehmen zu verdienen. Schnell wurde zu Projektbeginn klar, dass in die vorbereitende Analyse viel Zeit investiert werden musste, um nicht in ein digitales Abenteuer zu steuern. Nach der Analyse fiel die Entscheidung für ein stufenweises Vorgehen, um so die tägliche Arbeit der MitarbeiterInnen Abteilung für Abteilung mit digitalen Mehrwerten anzureichern.

“Quick and dirty” läuft nicht

Immer wieder wurde das Team gedrängt, den alten Code einfach in einen neuen, leistungsfähigeren zu übertragen. Das hat jedoch nichts mit “digitaler Transformation” zu tun, bei der schnellere Software nur ein Teilaspekt ist. Es ist nicht zielführend, aus einem lahmen Gaul ein Rennpferd zu machen, wenn der Kunde ein Auto bestellt hat.

Vielmehr muss man zuerst das Geschäftsmodell als Ganzes betrachten und dann die einzelnen Geschäftsprozesse. Die Technologie ist nachrangig. Nur so werden belastbare Entscheidungsgrundlagen für Design und Implementierung geschaffen, die zu einem flexiblen, erweiterbaren und gut skalierenden System führen. Eine Lektion für alle Teammitglieder.

Folgende Vorgaben wurden hinsichtlich der Technik definiert.

  • Cloud-natives Systemdesign
  • Echtzeit-Fähigkeit
  • Hohe Resilienz, Performanz und Skalierbarkeit
  • REST/GraphQL API
  • Java
  • Reaktive Systemarchitektur (reactivemanifesto.org/de)
  • MongoDB

Willkommen im Mehrgenerationenhaus

Eines der Ziele des Transformationsprojekts war, die bei RetailGiant abhanden gekommene Innovationskraft wiederherzustellen. Wir starteten bei einer wichtigen Domäne im Einzelhandel – dem Locations Management. Hier stehen die Läden mit den Lagerhäusern oder Vertriebszentren in sich ständig ändernden Verhältnissen zueinander. Einen „Master”, der die gültige Wahrheit für diese Verhältnisse widerspiegelte, gab es nicht, was häufig zu kostspieligen Inkonsistenzen führte.

Im Neusystem wurden daher frühzeitig eine Datenquelle als Master aufgebaut und die verschiedenen Datenquellen des Legacy integriert. Da die Altsysteme natürlich weiter liefen, teilten wir diesen Eckpfeiler des Projekts in zwei Phasen auf. Zunächst wurde die bestehende Lotus Notes Datenbank manuell repliziert und in der nächsten Phase zwei simultane Prozesse für die Datenintegration definiert:

  1. Erstellung der neuen „Master-Quelle“ mit Abdeckung aller nicht-funktionalen Anforderungen, die in der neuen Cloud-Umgebung bereitgestellt werden sollen – die “strategische Lösung”.
  2. Implementierung eines technischen Prozesses, der es älteren Verbrauchern ermöglicht, Daten aus der strategischen Lösung zu konsumieren.

Einige Zeit nach Abschluss von Phase 2 wurde Lotus Notes in Rente geschickt.

Bei der schichtweisen Neuentwicklung der Anwendungslandschaft mussten wir wie Chirurgen mit einem feinen Skalpell am offenen Herzen arbeiten. Wie tief und wie umfangreich in das Altsystem hineingeschnitten wurde, überlegten wir vorher sehr genau. Dabei hatten wir immer den Blick auf den Patienten, nämlich das laufende Geschäft, um dessen Gesundheit jederzeit gewährleisten zu können.

Kartografieren von unbekanntem Land

Alte Systeme präsentieren sich oft als Wirrwarr hinsichtlich Architektur und Funktionalität. Es ist schwierig, den zu erledigenden Aufgabenumfang bei einer Transformation im Voraus zu beurteilen. Ein präzises Scoping: unmöglich! In gewachsenen Altsystemen sind Beziehungen zwischen den Komponenten oft nicht in allen Details zu durchschauen. Das gilt insbesondere für Abhängigkeiten zu externen Applikationen und Diensten. Auch ist oft unklar, ob bestimmte Systemkomponenten noch Relevanz besitzen.

Ein vollständiges und präzises Bild des Legacy wird aber für eine erfolgreiche Transformation benötigt. Aufgrund des hohen Alters der Infrastruktur von RetailGiant und den vielen, gewachsenen Systemschichten, war dies eine der Herausforderungen für das Team. Die Analyse, wie alle Komponenten sowohl aus technischer, als auch aus geschäftlicher Sicht miteinander verwoben sind, war entscheidend für den Erfolg der Mission.

Bei einer der Analysemethoden schlüpfte der Systemarchitekt in verschiedene Rollen:

Der Archäologe: Geduldiges Beobachten des Verhaltens des Altsystems über längere Zeit. Dokumentation? Bei einem System, das seit Jahrzehnten nahezu ungepflegt blieb, nicht zu gebrauchen.

Der Kriminologe: Immer wieder Gespräche mit Entwicklern, Anwendern, Unterstützern und Gegnern des Legacy. Das ist meist aufschlussreicher als jede Dokumentation, und verborgene Querbezüge werden deutlich.

Der Philosoph: Als Externer ist man losgelöst von einem “das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht”-Reflex. Die Frage nach dem “Warum” fällt dann leichter.

Das Ergebnis

Wir haben für RetailGiant sehr erfolgreich eine Master Data Source erstellt, die den Anforderungen zu aktuell und zukünftig benötigter Flexibilität und Skalierbarkeit gerecht wird. Ältere Datenstrukturen werden durch effiziente Isolierungsmaßnahmen ebenfalls unterstützt. Auf diese Weise konnte der Kunde erstmals eine vollständige Konsistenz der Produktionssysteme gewährleisten. Vor drei Jahren startete die Produktion mit drei internen Nutzern bei <10 tps. Mittlerweile nutzen über hundert Anwendergruppen die neuen Applikationen. In Stoßzeiten werden 500 tps völlig stressfrei bewältigt.

Durch die resiliente Systemarchitektur laufen die Anwendungen mit 99,99%iger Verfügbarkeit.

Die ganze Geschichte dieser Reise durch die digitale Transformation von RetailGiant finden Sie unter: virtuslab.com/digital-transformation

 

Über VirtusLab

VirtusLab bietet ein breites Spektrum an Beratungs- und Implementierungsleistungen, um mit Initiativen zur digitalen Transformation einen strategischen Unternehmenswert zu schaffen. Wir kombinieren leistungsstarke, bahnbrechende Technologien, unser Wissen um geschäftliche Abläufe, technische Fähigkeiten, eine große Leidenschaft und Branchenerfahrung, um unseren Kunden dabei zu helfen, ambitionierte Projekte zu verwirklichen. Unsere technische Expertise im Bereich der digitalen Transformation bezieht sich unter Anderem auf Datenanalyse, Cloud-native Anwendungen und hochskalierbare, reaktive Systeme.

 

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