BMW iX M60 im Fahrbericht: Teures E-SUV mit noch mehr Leistung

Etwas mehr Leistung, eine andere Abstimmung und eine glamouröse Serienausstattung kennzeichnen das teure Topmodell des BMW iX. Eine erste Ausfahrt im iX M60.

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BMW iX M60

(Bild: BMW)

Von
  • Martin Franz

Wann genau aus einem "überreichlich" ein "zu viel" wird, liegt vielfach in einem individuellen Betrachtungswinkel. Nun, das Basismodell des BMW iX wiegt leer 2440 kg und ist in der Lage, in 6,1 Sekunden auf 100 km/h zu beschleunigen. Nahezu unabhängig von der Ausgangsgeschwindigkeit legt dieser Brocken bei Bedarf derart spontan und nachdrücklich an Tempo zu, dass sich bei Licht betrachtet zwangsläufig die Frage stellt, was ein weiterer Zuwachs eigentlich soll und wo man ihn im normalen Straßendickicht nutzen könnte.

Die Zielgruppe des iX M60 dürfte über solche Überlegungen mehrheitlich erhaben sein. Es geht auf den Hauptabsatzmärkten dieses SUVs weder um maximales Tempo noch um eine geringe Beschleunigungszeit. Was könnte es sein? Ein erster Fahrbericht kann diese Frage leider auch nicht abschließend klären.

Denn natürlich legt BMW zwar bei der Motorleistung des M60 gegenüber dem xDrive40 nochmals kräftig nach. Statt 240 kW sind es hier 397, für maximal zehn Sekunden sogar bis zu 455 kW. Das leer 2659 kg schwere Topmodell kann so ertüchtigt in 3,8 Sekunden auf Tempo 100 stürmen und wird nicht, wie die anderen BMW iX, bei 200, sondern erst bei 250 km/h, nun ja, eingebremst. Wer die komplette Leistung abruft, bekommt ein im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubendes Beschleunigungsvermögen. Gerade im Sport-Modus wirkt die massige Fuhre wie stets zum Sprung nach vorn bereit. Auskosten lässt sich das in seiner Gänze im öffentlichen Raum praktisch nie.

Angesichts dessen kann man leicht aus dem Blick verlieren, dass schon die etwas weniger kräftigen BMW iX bei Bedarf augenblicklich sehr flott beschleunigen können. So ist es wieder einmal eher die Spontanität, mit der Leistung dargeboten wird, als die kW-Zahl an sich, die den Fahreindruck so nachhaltig prägt. Doch BMW kann sich darauf verlassen, dass die alten Denkmuster unverändert ziehen. Das Topmodell wird sich global hervorragend verkaufen.

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Den Antrieb übernehmen zwei Elektromotoren der fünften Generation bei BMW, deren Kennzeichen unter anderem ist, dass sie ohne seltene Erden auskommen. Der vordere leistet maximal 190 kW, der hintere bis zu 360. Im Sportmodus liefern beide zusammen 1015 Nm, bei aktivierter Launch Control sind es 1100. Um die 250 km/h zu erreichen, wurde die Gesamtübersetzung etwas verlängert, zusätzlich darf der vordere Motor etwas höher drehen.

Die Batterie ist identisch mit der im iX xDrive50. 105,2 kWh sind es netto, die sich mit bis zu 195 kW Ladeleistung befüllen lassen. BMW setzt bei diesem Speicher auf NMC811, also acht Anteile Nickel und je ein Anteil Mangan und Kobalt. Damit ist vergleichsweise wenig Kobalt eingesetzt, wobei sich BMW auf die Fahnen schreibt, den Zulieferern bei diesem Rohstoff besonders kritisch auf die Finger zu schauen.

BMW iX M60 (13 Bilder)

Der BMW iX wird auf deutschen Straßen ein Exot bleiben, und der M60 eine Randerscheinung davon.

BMW nennt eine Reichweite von 502 bis 561 km und einen Verbrauch zwischen 21,9 und 24,5 kWh/100 km, beides im WLTP gemessen. Warum Energiegehalt der Batterie, Verbrauch und Reichweite im WLTP kein einfacher Dreisatz sind, haben wir in diesem Artikel beleuchtet. Beim Start unserer Ausfahrt zeigte der Bordcomputer 489 Kilometer Reichweite an. Am Ende war dort ein Verbrauch von 24,4 kWh/100 km abzulesen, zu denen noch die Ladeverluste hinzugerechnet werden müssen. Letztere sind stark abhängig von der Art des Aufladens, wobei den ineffizientesten Weg über den 10-A-Ladeziegel für die 230-Volt-Steckdose im BMW iX vermutlich kaum jemand wählt.

BMW verspricht im Beipackzettel eine "überragende Kurvendynamik" und ein auch in "hochdynamischen Situationen jederzeit präzise kontrollierbares Handling". Bezogen auf die Massen, die hier bewegt werden müssen, ist diese Erzählung durchaus mehr als ein Luftschloss. Die M GmbH arbeitet dafür mit auf die Anforderungen abgestimmten, elektronisch geregelten Dämpfern, Luftfedern und einem steiferen Querstabilisator an der Hinterachse. So gerüstet lässt sich die massige Fuhre tatsächlich erstaunlich rasant um die Ecke schmeißen, zumindest im Vergleich zu ähnlich dimensionierten E-SUVs. BMW gelingt es, einen Teil des Gewichts zu kaschieren, ohne beim Komfort zu viel Federn zu lassen. Der Kompromiss ist fraglos beeindruckend, wobei immer klar sein muss: Wer das Handling eines Mazda MX-5 sucht, muss einen solchen kaufen – und nicht ein 2,6-Tonnen-SUV.

Die Erweiterung "M" hat für Fans der Marke seit jeher eine Anziehungskraft, die sich streng rational nicht erklären lässt. Zumal BMW sie stets mit einem ausgesprochen selbstbewussten Aufschlag bepreist. Wer jedoch die 455 kW Peakleistung des iX M60 einmal ausblendet, die maximal Zehn Sekunden abrufbar ist, könnte spontan auf den Gedanken kommen, dass sie Steigerung von 385 auf 397 kW mit 33.000 Euro Aufpreis selbst für BMW-M-Verhältnisse eine heftige Ansage sind. Das würde allerdings vernachlässigen, dass die Serienausstattung des Topmodells erheblich umfangreicher ist. Unter anderem Massagesitze, ein klanggewaltiges Soundsystem, ein großes Sammelsurium an Assistenten, Laserlicht und eine adaptive 2-Achs-Luftfederung müssen in den anderen BMW iX gesondert bezahlt werden, im M60 nicht.

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Bei BMW dürfte man die Diskussion um Preise aus mehreren Gründen ohnehin locker sehen: Erstens erstreckt sich der Mehrwert nicht allein auf die paar kW mehr, sondern auf das Gesamtkonzept samt verändertem Fahrwerk. Modelle mit dem höchsten Gegenwert fürs Geld finden sich selten am oberen Ende des Portfolios. Schließlich ist genau dieser Umstand für die Zielgruppe ein untergeordneter Aspekt. BMW greift also schlicht ab, was eine relevante Zahl an solventen Käufern bereit ist zu bezahlen.

Die Frage, ob das nun nur "überreichlich" oder doch schon "zu viel" ist, stellen sich die Interessen mehrheitlich wahrscheinlich nicht – und BMW als marktwirtschaftliches Unternehmen mit Gewinnstreben ganz sicher auch nicht. Alle anderen dürfte eventuell zumindest etwas besänftigen, dass der iX M60 hierzulande eine Randerscheinung unter Exoten bleiben wird.

(mfz)