"Biomutant" angespielt: Zu früh gefreut​

Die große Rollenspielhoffnung "Biomutant" entpuppt sich als Spielplatz toller Ideen, die deutlich mehr Zeit zum Reifen gebraucht hätten​.

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(Bild: Experiment 101)

Von
  • Andreas Müller

Als "Biomutant" angekündigt wurde, ging ein Raunen durch die Spielewelt. Das unverbrauchte Szenario machte Lust auf Mehr. Nach unseren Anspielstunden sind wir ernüchtert: Entwickler Experiment 101 hat sich zum Release mit dem ambitionierten Projekt übernommen.

Irgendwann in der fernen Zukunft ist die Erde durch Umweltverschmutzung nur noch ein Schatten ihrer selbst. Wo einst Städte aufragten, sind nur noch Ruinen übrig. Die Natur hat sich ihren Lebensraum zurückgeholt und die Menschen sind Legenden von gestern. Stattdessen ist die Tierwelt mutiert. Wir schlüpfen in die Haut eines intelligenten Waschbären und treten zum Abenteuer an. Irgendwo lauert nämlich eine große Gefahr, die dieser Postapokalypse endgültig die Luft ausblasen will.

"Biomutant" angespielt (5 Bilder)

Bunt und originell, aber spielerisch unausgereift – das ist "Biomutant". (Bild: heise online)

"Biomutant" ist auf dem Papier das Rundumsorglospaket für Action-Rollenspieler:innen: ein unverbrauchtes Szenario mit Öko-Botschaft, verrückte Charaktere und eine offene Welt zum Austoben. Wir ziehen mit unserem Waschbären los, der eine Mischung aus Rocket Racoon, Kung-Fu-Panda und John Wick ist. Er attackiert Widersacher mit Fernkämpfen, spuckt Säure und wirbelt er wie ein Ninja durch den Kampf. Manchmal schwingt er sich auch in das Cockpit eines Mechs.

In den Missionen mussten wir meist von einem Ort zum anderen laufen, in einer Art Arena die Gegner ausschalten und uns beim Questgeber zurückmelden. Der Kampf selbst ist chaotisch, denn genaues Zielen fällt schwer. Das macht die Kämpfe zwar nicht schwerer, aber all die cleveren Kombos werden zur Glückssache. Warum sich die Entwicklerinnen und Entwickler nicht für eine konventionelle Steuerung entschieden haben, bei der wir einfach die Zielhilfe ausschalten können, ist ein Rätsel.

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Experiment 101 hat sich so einiges bei der großen Konkurrenz abgeguckt. Unser Held muss feindliche Basen einnehmen wie in "Assassin's Creed" oder "The Division", erkundet Bunker oder verseuchtes Ödland wie in "Fallout" und bastelt wie in "Metro Exodus" aus Schrottteilen seine Waffen zusammen. Das Level- und Craftingsystem ist eher verwirrend als komplex: Welches Bauteil zu welcher Waffe passt, wird erst nach einigem Probieren deutlich. Überall fehlt es an Übersicht und dem Gefühl, tatsächlich etwas erreicht zu haben.

Trailer zu "Biomutant"
(Quelle: THQ Nordic)

Vor allem wirkt diese im Prinzip beeindruckende Endzeit leblos. Bis auf ein paar wenige Tiere oder gelegentlich auftauchende Gegnergruppen passiert hier nicht viel. Die bunte Welt sieht zwar hübsch aus, ist aber nicht mehr als eine begehbare Tapete. Ob sich das im späteren Verlauf des Spiels ändert, können wir noch nicht sagen. Wie bei anderen Bereichen des Spiels bleibt das Gefühl, dass den Entwicklern die Zeit fehlte, um ihre Spielwelt mit Leben zu füllen. Jedes einzelne Spielelement wirkt zwar zunächst aufregend, ist aber nicht ausgereift. Zurück bleibt ein Spiel, bei dem vieles Stückwerk ist und nicht so recht zusammenpassen will.

Vieles erinnert an den Start von "No Man's Sky", das mit ähnlichen vielen Vorschusslorbeeren, aber mit ebenso vielen Problemen startete. Deshalb machen alle Kritikpunkte "Biomutant" nicht zu einem miesen Spiel oder gar zu einem hoffnungslosen Fall. Wenn man sich in dem wunderschönen Szenario verlieren können, den eigenwilligen Dialogen in indirekter Sprache lauscht oder einfach bei den spielerischen Mankos ein Auge zudrückt, ist "Biomutant" nämlich zwischendurch eine willkommene Abwechslung zu herkömmlichen Science-Fiction oder Fantasyrollenspielen. Für Experiment 101 gibt es aber noch viel zu tun. Dass der Day-One-Patch alle Sorgen behebt, ist unwahrscheinlich:"Biomutant" ist noch Monate von einer fertigen Version entfernt.

Selten war der Begriff "Zwischenfazit" so treffend wie hier. In den Anspielstunden präsentiert sich "Biomutant" als grober Rohdiamant, der noch meilenweit von einer finalen Version entfernt ist. Überall fehlt es an Feinschliff, Abwechslung und Inhalten. Nahezu jedes Spielelement ist unausgereift. Das ist deshalb besonders schade, weil die Spielwelt so viel Potenzial für spannende Spielstunden bietet. Die ehrgeizigen Entwickler von Experiment 101 sollten sich jetzt ganz viel Zeit nehmen, um in den kommenden Monaten ihre ambitionierte Spielidee umzusetzen. Bis jetzt ist "Biomutant" nur ein Versprechen, das die Geduld der Spieler und Spielerinnen strapaziert.

"Biomutant" erscheint am 25. Mai für Windows, PS4 und Xbox One. Es kostet ca. 60 €. USK ab 12. Für unser Angespielt haben wir ein paar Stunden die Xbox One Version gespielt.

(dahe)