"Cyberpunk 2077" im Test: Brutaler Retro-Futurismus, der viel Spaß macht

Mit dem Action-RPG "Cyberpunk 2077" legt CD Projekt Red einen Kandidaten für das Spiel des Jahres vor. Wenn man ein paar Kinderkrankheiten verzeihen kann.

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(Bild: CD Projekt)

Von
  • Fabian A. Scherschel
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Night City ist laut, groß und voller Freaks. Erkundet man die "Stadt am Rande der Zukunft" zu Fuß, dauert es keine zwei Minuten, bis man von irgendwo her das Stakkato automatischer Waffen hört. An jeder Straßenecke warten Gelegenheiten, Jobs und Nebenmissionen auf den Spieler. Mit dem Auto dauert es beim waghalsigem Fahrstil eines von der Polizei verfolgten Irren knapp zehn Minuten, die gesamte Karte von "Cyberpunk 2077" von Norden nach Süden zu durchqueren. Die Stadt, die CD Projekt Red als offene Spielwelt für das wohl sehnlichst erwartete Spiel des Jahres erschaffen hat, ist atemberaubend. Wie auch der Rest von "Cyberpunk 2077" ist Night City eine technische Meisterleistung, aber bei Weitem nicht perfekt.

CD Projekt Red hat sich mit seinem neuesten Blockbuster keine leichte Aufgabe gesetzt. Das Pen-and-Paper-Rollenspiel Cyberpunk ist zwar der Inbegriff des literarischen und kinematografischen Genres desselben Namens, die Ursprünge des Genres sind aber tief in den 80ern verwurzelt. Diese Welt für einen Triple-A-Titel wie "Cyberpunk 2077" so zu modernisieren, dass man sie der Allgemeinheit schmackhaft machen kann, ist an sich schon mal nicht einfach.

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Hinzu kommt, dass man dann die retro-futuristische Metropole, in der das Spiel stattfindet, als offene Spielewelt zum Leben erwecken muss. In jedes Cyberpunk-Rezept gehört ein guter Schuss Film Noir. Und Noir setzt man am besten im Regen, im Nebel oder im funkelnden Neonlicht der Nacht in Szene. Eine überzeugende Stadt der dunklen Zukunft zu erschaffen, die einen gesamten Tag-Nacht-Zyklus und komplette Bewegungsfreiheit der Spielfigur überlebt und dann immer noch überzeugend wirkt, das ist Kunst.

CD Projekt Reds Umsetzung der fiktionalen kalifornischen Großstadt Night City zieht den Spieler schnell in ihren Bann. Sie ist nicht perfekt, aber die sechs Stadtteile plus die Badlands am Stadtrand sind überzeugend genug, um eine glaubwürdige Bühne für die epische Geschichte des Spiels abzuliefern. "Red Dead Redemption" ist auch im Dezember 2020 noch ungeschlagen, was offene Videospiel-Welten angeht. Aber das liegt wohl auch daran, dass der Wilde Westen sich vor allem dadurch auszeichnet, dass nicht überall Menschen herumrennen. Und Wälder mit allerhand wilden Tieren zu versehen ist einfacher, als die Straßen einer Großstadt mit überzeugenden Cyberpunk-Freaks zu bevölkern.

Den Entwicklern ist es im Großen und Ganzen gelungen, der Cyberpunk-Welt realistisch Leben einzuhauchen. Zwar merkt man nach ein paar Stunden Wiederholungen bei den Dialogen der Passanten, dem Spielspaß tut das aber keine Abbruch. Eine gewöhnungsbedürftige Design-Entscheidung ist, dass die Spielfigur auf voll gepackten Bürgersteigen und beim Laufen durch Menschenmengen niemals andere Personen anrempelt. Diese reagieren zwar verbal, aber die Spielfigur an sich clippt einfach durch NPCs hindurch. Zusammen mit dem recht großzügigen Schadensmodell der Fahrzeuge vereinfacht das zwar die Bewegung durch die engen Straßenschluchten, führt aber auch dazu, dass sich die Spielwelt irgendwie weniger echt anfühlt.

Sehr schön ist, dass man schon ziemlich früh im Spiel Zugang zu allen Teilen der Stadt hat. Ganz am Anfang ist der Spieler zwar auf kleinere Teile der Map beschränkt, aber sobald man sich frei bewegen darf, kann man die gesamte Stadt erkunden. Und Teile davon, etwa der in Neon getauchte Rotlichtbezirk Jig-Jig Street, sind wirklich spektakulär. Und man muss CD Projekt Red lassen, dass sie es geschafft haben, ihrer Cyberpunk-Stadt auch im Sonnenlicht Charme zu verleihen – auch wenn einige Schlüsselmissionen dann doch bei Nacht oder in strategisch aufkommendem Regen spielen. Die Geschichte von "Cyberpunk 2077" hat immer wieder Überraschungen zu bieten. Und Keanu Reeves überzeugt in seiner ziemlich zentralen Rolle mit viel Geschick und Gusto – "Cyberpunk 2077" ist eine seiner besten schauspielerischen Leistungen.

Die First-Person-Perspektive ist der Schlüssel dazu, dass Cyberpunk 2077 ein eindeutiger Kandidat für das Spiel des Jahres ist. Die wirklich einfallsreiche Story, die von vielen Kernthemen des Cyberpunk-Genres lebt, ist nämlich untrennbar mit dem wirklich innovativen Interface-Design des Spiels verwunden. Wie es sich für eine Geschichte gehört, bei der die Modifikation des eigenen Körpers mit Hilfe von Implantaten im Vordergrund steht, ist das HUD des Spielers diegetisch direkt in die Spielwelt eingebettet.

Mit anderen Worten: Anzeigen wie die Minimap oder der Munitionsmenge der Waffe werden der Spielfigur V über ein implantiertes Cyberauge direkt ins Gehirn projiziert. Cyberpunk 2077 spielt mit dieser Vermengung von User Interface und Spielwelt immer wieder. Die Entwickler haben dafür eine eigene UI-Engine gebaut, die nicht nur cool aussieht, sondern sich auch dynamisch an Missionen und neue Begebenheiten anpasst. Das funktioniert nur, wenn der Spieler jederzeit genau das sieht, was seine Spielfigur V auch wahrnimmt. Was genau V wahrnehmen kann, lässt sich durch Implantate und Cyber-Bauteile zu übermenschlichen Fähigkeiten erweitern.

"Cyberpunk 2077" im Test (14 Bilder)

Night City: Die Stadt in Cyberpunk 2077 hat sehr spektakuläre Ecken. (Bild: heise online)

Das User Interface wird so direkt Teil der Geschichte des Spiels. Und Cyberpunk 2077 geht mit seiner Geschichte immer volles Risiko. Bei ethischen Fragen gibt es ebenso wenig Tabus wie bei der Brutalität oder Nacktheit seiner Charaktere. Wer Geschlechtergrenzen durchbrechen will, dem erlaubt der Charakter-Bildschirm am Anfang des Spiels, eine geschlechterunabhängige, beliebige Zuteilung primärer Geschlechtsorgane. Natürlich kann man auch die Penislänge der Hauptfigur einstellen. Ob das im Spiel selbst irgendwelche Auswirkungen hat, konnten wir allerdings nicht feststellen.