Der Stimmungsmacher: E-Auto Mini Cooper SE im Test

Der Mini Cooper SE kommt nicht weit, fährt nicht schnell, ist enorm teuer: Alles richtig! Doch er begeistert dort, wo es drauf ankommt: Unterwegs.

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Von
  • Martin Franz
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Ich höre sie schon, die Rationalisten, wie sie den Mini Cooper SE argumentativ zerlegen. Der Kleinwagen ist äußerlich nicht mehr so klein wie einst, innen bieten Autos wie der VW Polo (Test) mehr Bewegungsfreiheit. Mit nutzbaren 28,9 kWh Energiegehalt ist die Reichweite in der Praxis meist auf unter 200 km beschränkt. Bei Tacho 155, was echten 150 km/h entspricht, setzt BMW einen Begrenzer ein. Dazu ist die kleine Kiste auch noch absurd teuer, selbst für Mini-Verhältnisse sind fast 40.000 Euro, die der vollausgestattete Testwagen kostet, eine deftige Ansage. Das alles ist vollkommen korrekt. Wer nüchtern und rational an einen Autokauf herangeht, gehört ganz zweifelsohne nicht zur Zielgruppe des Mini Cooper SE. Andere E-Autos bieten fraglos einen höheren Praxiswert für diese Summe.

Der Mini Cooper SE glänzt dagegen, so viel sei schon jetzt verraten, eher mit typischen Werten der Marke. Der Antrieb stammt aus dem BMW i3S. Anders als dort ist er im Mini natürlich vorn eingebaut und treibt auch die Vorderräder an. Grundsätzlich bin ich immer etwas skeptisch, wenn viel Leistung über die Vorderachse serviert wird. Zu oft endet das mit schwacher Traktion und/oder einer zu Tode gedämpften Lenkung. Im Cooper SE liegen maximal 135 kW und 270 Nm an, und BMW hat bei der Lenkungsabstimmung einen, das darf man so wirklich einmal schreiben, exzellenten Kompromiss gefunden. Sie ist wunderbar direkt, liefert eine präzise Rückmeldung und passt somit exakt zur Fahrzeugausrichtung. Sie unterscheidet sich damit grundlegend von der Steuerung im Mini Countryman.

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Man muss es schon arg übertreiben, um bei der Ausfahrt aus einem Kreisverkehr ein Untersteuern samt quietschenden Reifen zu provozieren. Dem Cooper SE hilft dabei auch, dass sein Schwerpunkt etwas tiefer liegt als bei den konventionell angetriebenen Minis. Für den E-Mini gibt es auch kein Sportfahrwerk, was wir nicht vermisst haben. Der Cooper D meiner Frau hat ein solches verbaut, fährt dem Cooper SE in Kurven aber nicht davon. Im Gegenzug hat man das Gefühl, dass im elektrischen Mini auf Unebenheiten wenigstens irgendwas im Fahrwerk nachgibt – mit Sportfahrwerk ist es gefühlt nur die Polsterung der Sitze. Ganz interessant übrigens, warum der Cooper SE keine Tieferlegung bekommt: BMW befürchtet, dass sich andernfalls Batterie und Straße zu nahekommen.

Zusammenfassend gesagt: Der Cooper SE geht wie verrückt ums Eck, und das bereitet verdammt viel Freude. Im Alltag erfordert diese weitgehend kompromisslose Auslegung naheliegenderweise Zugeständnisse beim Federungskomfort, die nicht jeder erdulden wollen wird. Alle Fahrer, die in den 14 Tagen dieses Tests mit dem Cooper SE unterwegs waren, bescheinigten ihm aber einen hohen Unterhaltungswert.

Mini Cooper SE Außendesign (7 Bilder)

BMW pflegt das Mini-Design seit vielen Jahren mit nur geringen Änderungen. Für größere Eingriffe sah man keine Notwendigkeit, der Kleinwagen ist ja nach wie vor erfolgreich.

Stark gewöhnungsbedürftig fand ich die standardmäßig bei jedem Neustart aktivierte, höhere Stufe der Rekuperation, mit der das Auto sehr heftig verzögert, wenn man den Fuß vom Fahrpedal nimmt. Mein Kollege Daniel fand das ganz prima so, was wohl an einem diametralen Fahrstil liegt. Ich lasse mein Auto oft gleiten und hatte selten den Ehrgeiz, die nächste rote Ampel als Erster zu erreichen. Das führt dazu, dass ich mit meinem Kombi, auch begünstigt durch ein ideales Pendelprofil, oftmals einen Verbrauch von unter 5 Litern auf dem Bordcomputer habe. Daniels Ambitionen haben andere Ziele.

Flankiert wird das gekonnt abgestimmte Fahrwerk im Cooper SE von einem Antrieb, der das Zeug dazu hat, auch Skeptiker für die E-Mobilität nachhaltig zu begeistern. Dabei sind es nicht einmal die reinen Fahrleistungen, die den Unterschied ausmachen. Sicher, 7,3 Sekunden im Standardsprint sind auch in dieser Hinsicht sehr verwöhnten Gesellschaft durchaus nicht übel. Die stärksten Ableger von Polo, Fiesta und Co können aber problemlos folgen – auf dem Papier. Den Unterschied markiert aber die Art und Weise, wie der Cooper SE loslegt: Jeder Beschleunigungswunsch wird wirklich augenblicklich umgesetzt – kein Druckaufbau in einem Lader, kein hastiges Sortieren von Übersetzungen auf der Suche nach dem richtigen Drehzahlbereich, der E-Mini ist sofort da.

Mini Cooper SE Antrieb (5 Bilder)

Der Antriebsstrang stammt aus dem BMW i3S.

Ein Detail aus den technischen Daten belegt das eindrucksvoll: Von 80 auf 120 km/h vergehen hier nur 4,5 Sekunden, im John Cooper Works, der wesentlich mehr Leistung und Drehmoment hat und dazu auch noch 130 kg weniger schwer ist, sind es 5,7 Sekunden. Im direkten Vergleich zu dieser Spontanität wirkt das Zusammenspiel von aufgeladenen Verbrennungsmotoren und mehrstufigen Getrieben regelrecht unbeholfen.

Auf der Autobahn hat der Spaß aber ein frühes Ende. Die 150 km/h werden vielen sicher reichen, global betrachtet muss es das fast überall ja auch. Doch der Cooper SE rennt bis etwa Tacho 145 derart engagiert, dass ihm viele die Spur räumen und man sich dann hin und wieder wünscht, er dürfte, was er könnte.