Elektroauto Audi Q4 e-tron: Konservativer Ausleger des VW ID.4 im Fahrbericht

Audi setzt sich mit seinem Ableger auf Basis des Modularen E-Baukastens spürbar von den internen Konkurrenten ab. Was bedeutet das im Alltag?

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Audi Q4 e-tron

(Bild: press-inform)

Von
  • Wolfgang Gomoll

Es sind die großen Vorteile einer Plattformstrategie: Einerseits sinken über Skaleneffekte die Kosten, andererseits kann man mit überschaubarem Aufwand unterschiedlichste Hüllen auf den Markt werfen, die verschiedene Geschmäcker bedienen. Beides zeigt unter anderem Volkswagen seit vielen Jahren, und dieses Vorgehen wird bei der Elektrifizierung noch weiter vorangetrieben. Für den Kunden sollen sich die Modelle im sichtbaren Bereich natürlich trotzdem voneinander absetzen. Audi fällt dabei die Rolle zu, jene Interessenten abzuholen, denen die frugalen Innenräume der neuen VW-Mode zu sparsam ausgekleidet sind. Der Audi Q4 e-tron, das lässt sich nach einer kurzen Ausfahrt schon bestätigen, füllt diese Lücke.

Der Testwagen war ordentlich verarbeitet und hochwertig verkleidet. Die Nähte sind gerade, die Kunststoffe sauber eingepasst und mit einigem Geschick ausgewählt – hier wirkt nichts billig. Dazu kommt eine Alternative zur mit so viel Wucht vorgetragenen Modernität in VW ID.4 und Skoda Enyaq, die auf der gleichen Plattform aufbauen. Audi setzt auf eine klassische Gestaltung des Armaturenbretts. Der Bildschirm in der Mittelkonsole ist eingebettet. Die Idee, die Bedienung der Klimaautomatik wie beispielsweise im A6 auf ein eigenes Display zu verfrachten, ist hier Geschichte. Es gibt dafür Tasten – weniger modisch, aber funktionaler.

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Praktisch ist auch die große Ablage unter dem großen Erker, auf dem der Wählhebel sitzt. Ob man nun die reduzierte Aufmachung in VW und Skoda oder die eher klassische Herangehensweise des Q4 bevorzugt, ist sicher Geschmackssache. Zumindest, solange die Sprachsteuerung jedoch noch Verständnisprobleme hat, ist der Audi-Weg funktionaler. Über ein Lenkrad, das unten und oben abgeflacht ist und damit den ursprünglichen Sinn eines leichteren Einstiegs endgültig karikiert, kann man sich in diesem Umfeld nur wundern.

Ein Highlight ist das Head-up-Display. Der riesige rechteckige Krater lässt schon vermuten, was sich da für eine virtuelle Leinwand vor den Augen des Fahrers auftut: Die Hinweise werden über eine Breite von 70 Zoll auf eine Entfernung von empfundenen zehn Metern vor dem Fahrer projiziert. Das sieht ziemlich beeindruckend aus. Bei der Darstellung der Richtungspfeile beschreitet Audi einen anderen Weg als Mercedes in der neuen S-Klasse. Während die Schwaben mehrere "fliegende" Pfeile die Richtung weisen lassen, ist es bei Audi einer. Mir gefällt die schwäbische Variante besser, da der Kontrast der Grafik im Audi bei hellem Gegenlicht ausgeprägter sein könnte.

Das Platzangebot ist vorn wie hinten großzügig, die Sitze sehr bequem. Der Kofferraum fasst 520 Liter und wächst beim Umlegen der Rücksitzlehnen auf 1490 Liter. Damit dürften die Transportbedürfnisse der meisten Menschen absolut zufriedenstellend erfüllt sein. Da das Fahrwerk komfortabel und die Dämmung gut gelungen ist, bietet der Q4 e-tron einen sehr angenehmen Komfort. Klar ist aber auch, dass hier kein neuer Kurvenkünstler entstanden ist. Wer Freude daran hat, ein Auto schnell um Kurven zu scheuchen, findet im Q4 eher nicht den idealen Mitspieler.

Vorab wollte niemand bei Audi zu exakten Leistungsdaten äußern, doch es ist davon auszugehen, dass es in diesem Punkt nur geringe Abweichungen von den anderen Ablegern auf dieser Basis gibt – wenn überhaupt, was nicht sehr wahrscheinlich ist. Die im Testwagen eingebaute Konfiguration dürfte E-Motoren mit 75 kW vorn und 150 kW hinten besitzen. Der Motor an der Vorderachse greift ins Geschehen nur ein, wenn die Elektronik dies für nötig erachtet – sei es nun, weil der Schlupf an der Hinterachse zu groß ist oder der Beschleunigungswunsch vom Heckmotor allein nicht erfüllt werden kann. Trotz eines Leergewichtes von deutlich mehr als zwei Tonnen war das bei unserer Ausfahrt kaum der Fall. Die 150 kW der Hinterachse reichen völlig aus, um im Verkehr mehr als nur flott mitzuschwimmen.

Audi Q4 e-tron Fahrbericht (9 Bilder)

Mit knapp 4,6 Metern ist der Q4 zwischen Q3 und Q5 platziert, was die Länge betrifft. Beiden wird er intern heftig Konkurrenz machen.

Die Allradversion fährt mit bis zu 180 km/h nochmals 20 km/h schneller als die Variante mit Heckantrieb. Über verschiedene Effizienz-Programme lässt sich der Verbrauch zügeln, unter anderem mit einer Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit. Im Extremfall wird diese auf 90 km/h begrenzt. Was das bringt, muss ein Test klären. Auf unserer Proberunde zeigte der Bordcomputer 23,9 kWh/100 km an. Dieser Wert berücksichtigt die Ladeverluste nicht, die je nach Art der Aufladung recht unterschiedlich ausfallen, wie unter anderem der Test des Mercedes CLA 250e gezeigt hat. Der Verbrauch hat zudem Potenzial nach oben wie auch nach unten, was der Kürze dieser ersten Ausfahrt geschuldet ist.

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Die Batterie hat in der großen Ausbaustufe einen nutzbaren Energiegehalt von 77 kWh. Die Basis des modularen Elektrobaukastens begrenzt auch die weiteren Eckdaten. Das interne Ladegerät ist dreiphasig und auf 11 kW ausgelegt, an Gleichstrom sind maximal 125 kW möglich. Die Spannung liegt bei 400 Volt. Volkswagen liegt damit unter dem, was Hyundai gerade auffährt, wobei der Ioniq 5 nur der Anfang ist. Denn eine Plattformstrategie ist nichts, was Volkswagen exklusiv hat.

Noch wollte Audi keine Preise für den Q4 e-tron nennen. Wir gehen allerdings davon aus, dass der Audi ganz im Sinne einer Abgrenzung von VW und Skoda mit einem spürbaren Aufschlag an die Kunden weitergereicht wird. Die Einstiegsmodelle von VW und Skoda liegen bei 36.950 Euro und 33.800 Euro. Noch ist nicht sicher, ob Audi mit Reduzierungen bei Antrieb, Batterie und Ausstattung in das Rennen um ein möglich günstiges Basismodell einsteigt. Doch ein solches für rund 40.000 Euro ist durchaus denkbar.

Mit den Subventionen, die die Politik gerade so großflächig verteilt, würde das bedeuten, dass das Einstiegsmodell des Q4 e-tron erheblich weniger teuer wäre als ein kleinerer Audi Q3. Falls jemand auf den nicht viel größeren Q5 spekuliert: Der ist aktuell ab 46.600 Euro zu haben. Im Sommer startet der Verkauf des Q4. Das, was man in dieser Klasse inzwischen ganz ernsthaft als Coupé bezeichnet, dürfte rasch folgen. Zumindest so viel lässt sich schon festhalten: Q3 und Q5 bekommen intern heftige Konkurrenz.

(mfz)