Ein Abend mit SharePlay von Apple: Geteiltes Leid ist halbes Leid

Mit der Teilen-Funktion für Video- und Audioinhalte hätte Apple vielen den Lockdown versüßen können. Doch was taugt das Feature im Normalbetrieb? Ein Versuch.

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Apple SharePlay
Von
  • Malte Kirchner

Als Apple im Sommer 2021 – in jener Jahreszeit also, in der das Coronavirus bekanntlich in den Ferien sein soll – seine Funktion SharePlay vorstellte, war mein erster Gedanke: schöne Funktion, aber leider zu spät. Die Zeit der Lockdowns war zum Glück vorbei. Die Menschen zog es wieder nach draußen.

An dieser Einschätzung änderte sich auch nichts, als die dunkle Jahreszeit begann und die Inzidenzkurven wieder in die Höhe schnellten. Apple benötigte sowieso noch Zeit, um die Funktion zu vollenden, und veröffentlichte das gemeinsame Videogucken und Musikhören über den Videokonferenzdienst FaceTime erst Ende Oktober. Mit iOS 15.1 und weiteren Updates für iPad und Mac kam SharePlay auf die Geräte.

Doch auch die zusätzliche Publicity durch das Update nützte der Funktion nichts. SharePlay blieb ein Phantom, ein Punkt auf der Feature-Liste, eine Art Feuerlöscher im Keller, für den hoffentlich nie eintretenden Fall, dass es mal wieder brennt. Während der WWDC-Keynote 2022 im Juni dann ein Wiedersehen: SharePlay kann mit dem Update,das im Herbst erscheinen soll, auch über die Nachrichten-App genutzt werden, erklärte Apple der Zuschauerschaft im Keynote-Stream.

SharePlay? Stimmt, da war ja was. Apples Vehemenz machte mich dann doch neugierig. Zumal die Funktion nicht nur für Audio- und Video-Apps, sondern auch andere App-Inhalte verwendet werden kann. Was ist an SharePlay so bedeutsam, dass die Kalifornier darauf so viel Energie verschwenden? Und tun wir dem Feature vielleicht Unrecht, dass wir es einfach ignorieren?

Ein Kommentar von Malte Kirchner

Malte Kirchner ist seit 2022 Redakteur bei heise online. Neben der Technik selbst beschäftigt ihn die Frage, wie diese die Gesellschaft verändert. Sein besonderes Augenmerk gilt Neuigkeiten aus dem Hause Apple. Daneben befasst er sich mit Entwicklung und Podcasten.

Schnell waren für den Test einige Bekannte in der Ferne zusammengetrommelt. Zeit für einen SharePlay-Filmabend.

Die erste Frage, die sich einem dabei stellt, lautet: Wo finde ich überhaupt SharePlay? Anders als die Amazon Watchparty, die sich in dem Streamingdienst prominent neben dem Play-Button bei Serien und Filmen in Szene zu setzen weiß, versteckt sich Apples Feature in der Videokonferenz und vor allem in Kontextmenüs. Das ist zwar angenehm dezent, aber vielleicht zu dezent, um eine Funktion erst einmal bekannt zu machen.

Am besten sichtbar ist SharePlay noch in FaceTime. Dort gibt es einen Button mit einem Männchen vor einer Art Bildschirm. Darauf getippt, öffnet sich auf dem iPad ein Dialogfenster mit einer Auswahl der zur Verfügung stehenden Apps für SharePlay. Mit iOS 15.4 wurde die Funktion auch in den Teilen-Menüs integriert. In diesem Menü steht aber eine Menge drin und mangels Bekanntheit möchte ich behaupten, dass viele von SharePlay noch gar keine Notiz genommen haben. Hier könnten natürlich auch die Entwickler Abhilfe schaffen, indem sie in ihren Apps deutlicher auf das Vorhandensein der Funktion hinweisen.

Der Freund, mit dem ich SharePlay beim ersten Mal ausprobieren will, wohnt in der Schweiz. Dass das eine verheerende Rolle spielen könnte, wird mir erst später bewusst. Der erste Punkt ist jedoch, überhaupt erst einmal gemeinsame Apps zu finden. In unserer laufenden FaceTime-Verbindung zeigt der SharePlay-Dialog meine installierten Apps an, die das Feature unterstützen. Naiv glaube ich, dass wir diese Apps auch nutzen können. Doch darüber, ob die Apps auch beim Gesprächspartner vorliegen, besagt das gar nichts. Es ist auch nicht so, dass der anderen Seite die Installation vereinfacht wird, wenn ich auf eine App klicke, die die Gegenseite nicht hat. Dann heißt es einfach nur: geht nicht. Und derzeit ist das Angebot an SharePlay-Apps noch sehr übersichtlich. Vor allem die großen deutschsprachigen Mediatheken sind noch nicht dabei. Ebenso kein Netflix oder Amazon Prime – also jene Dienste, die man bevorzugt mit Filme- und Seriengucken in Verbindung bringen würde.

Die nächste Hürde auf dem Weg zum Vergnügen ist die Frage, ob ein Premiumzugang erforderlich ist. Auch das erfahre ich als Einladender nur durch persönliches Nachfragen. Wenn der Freund beim gemeinsamen Kinoabend in Präsenz sein Portemonnaie vergessen hätte, könnte ich ihn immerhin noch einladen und die Kinokarte für beide bezahlen. Bei SharePlay geht das nicht, selbst nicht bei Apples eigenen Diensten. Wäre das ein gemeinsames Kaffeetrinken, müsste der Eingeladene seinen Kaffee also selbst mitbringen. Das schränkt die Auswahl "kompatibler" Freunde weiter ein: Erstens muss ein Applegerät vorhanden sein, zweitens die gleiche App, drittens in vielen Fällen das nötige Abo.

Und viertens? Nun, das wird uns erst bewusst, als alle Fallstricke genommen sind und Apple TV+ endlich zum Abspielen ansetzt. Die Ladeanzeige dreht sich kurz, dann kommt ein Standbild mitsamt eines Dialogfensters: "SharePlay ist nicht möglich. Dieser Titel ist für SharePlay mit Personen aus unterschiedlichen Ländern und Regionen nicht verfügbar." Gemeinsames Seriengucken zwischen Deutschland und der Schweiz: Ein Ding der Unmöglichkeit.

Endstation: Länderübergreifend ist SharePlay nur eingeschränkt nutzbar

Wohlgemerkt: Wir sprechen über Apples eigenen Streamingdienst und zwei Personen, die beide das gleiche Abo haben für eine Serie, die in beiden Ländern verfügbar ist – doch simultanes lokales Abspielen, und mehr ist SharePlay nicht, soll nicht möglich sein.

Zugegeben, hätte ich vorher die Seite zu SharePlay im iPhone-Benutzerhandbuch gelesen, wäre ich vorgewarnt gewesen. Die Funktionsbeschreibung, was SharePlay ist, besteht dort aus 6 Zeilen. Die Hinweise, was alles nicht geht, sind bezeichnenderweise genauso lang.

Eine Rezension über SharePlay wäre aber keine Rezension, wenn wir die Funktion nicht einmal in voller Aktion erlebt hätten. Also neuer Anlauf an einem anderen Tag, mit einem anderen Freund und der App des deutsch-französischen Senders Arte. Hier klappt der Start trotz grenzübergreifenden Guckens ganz vorzüglich. Nach dem Start positionieren sich die FaceTime-Fenster neu. Das Größere ist die gemeinsame Video-Wiedergabe. Der zweite Zuschauer ist klein und quadratisch in der Ecke zu sehen. Ein kleiner Dialog am oberen Rand teilt mir mit, wenn die Gegenseite etwas an der Steuerung betätigt, wenn zum Beispiel Abspielen oder Pause gedrückt oder vorgespult wird.

Das synchrone Schauen funktioniert super, wenn erst mal alle Barrieren genommen sind. Ob man einander permanent dabei sehen muss oder möchte, ist eine andere Frage. Amazon setzt bei seiner Watchparty allein auf einen Textchat. Das ist dezenter, vielleicht entspannter, andererseits sieht man sich in Präsenz beim gemeinsamen Gucken auch permanent. Zudem ist es wohltuend, wenn es Alternativen gibt. Mit der Integration in iMessages bietet Apple zudem ab iOS 16 auch die Chat-Option.

Ein großer Vorteil der Funktion von Apple ist, dass sie eben nicht auf einen Anbieter reduziert ist. Und dass sie das Zeug hat, bei entsprechender Akzeptanz durch die Entwickler zu verhindern, dass jeder sein eigenes Süppchen braut.

Damit SharePlay auf Strecke ein Erfolg wird, fehlen aber noch einige wichtige Zutaten. Die Funktion muss sichtbarer werden, sie muss aber vor allem alles daran setzen, möglichst viele Menschen in das Erlebnis einzuschließen und Hilfestellungen geben, wenn es Hürden auf dem Weg gibt. Es sind leider klassische Versäumnisse bei Apple: Die Watch-App "Walkie Talkie" fristet deshalb beispielsweise auch ein einsames Dasein. Wenn das ausgeräumt wäre, könnte es mit SharePlay und mir auch noch etwas werden. Und wir wollen es nicht hoffen, aber sollte uns noch einmal eine Lage wie vor zwei Jahren ereilen, wäre SharePlay schon einmal rechtzeitig zur Stelle. Geteiltes Leid wäre dann halbes Leid.

Auf einen Blick: Pro & Contra zu SharePlay
Pro Contra
+ übersichtliches, gutaussehendes Userinterface – für diejenigen, die es nicht kennen, schwer zu finden
+ funktioniert einwandfrei, wenn die gemeinsame Wiedergabe begonnen hat – länderübergreifend vielfach nicht nutzbar mit Apple TV+
+ Videochat parallel zum Anschauen – hohe Hürden bis zur Wiedergabe
+ SharePlay steht allen Appentwicklern auf der Plattform offen – derzeit noch übersichtliches Angebot an Apps
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(mki)