Elektroauto MG Marvel R Electric AWD im Fahrbericht: Unbekannt, aber gelungen

In chinesischer Hand spielt MG eine ganz andere Rolle als früher in Europa. Die Elektroautos von MG liegen jedoch ganz im Mainstream, wie auch der Marvel R.

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MG Marvel electric
Von
  • Stefan Grundhoff

Von der Marke MG war Jahrzehnte nichts mehr zu hören, bis sie in China reaktiviert wurde. Statt puristischer Roadster ziert das Markenzeichen nun moderne Elektro-SUV aus dem größten Autoland der Welt. Frisch im europäischen Programm ist der MG Marvel R Electric AWD.

Ein Mittelklasse-Crossovermodell mit gefälligem Design, Elektroantrieb und rund 400 Kilometern Reichweite ist eine Unterraschung angesichts ähnlicher Konzepte, wie sie bereits als VW ID.4 (Test), Audi Q4 e-tron (Test), BMW iX3 (Test), Lexus UX 300e (Test), Mercedes EQA (Test) in den Schaufenstern stehen. Das große Angebot auch bei den Elektroautos ist dem Erfolg geschuldet, das Crossover in diesem Format seit Jahrzehnten haben.

Die Basisvariante MG als Marvel R Electric mit Hinterradantrieb und 132 kW ist für 42.900 Euro zu haben, doch zählt in diesem Segment Allradantrieb so viel, dass MG ihn auch als Marvel R Electric AWD mit 212 kW anbietet, dann für 50.990 Euro. Bei der Konkurrenz kosten ähnlich konfigurierte Modelle mehr als 60.000 Euro, hier zahlt man auch fürs Image und darf auf einen höheren Wiederverkaufspreis zählen. Der MG ist zwar ein hübsches Crossovermodell, doch den Hersteller SAIC muss man hierzulande den allermeisten Menschen noch ausbuchstabieren (in "Shanghai Automotive Industry Corporation").

Das könnte sich jedoch bald ändern, denn das Gesamtpaket des 4,67 Meter langen MG Marvel R Electric stimmt. Es bietet nicht nur gelungenes Design, sondern überzeugt auch mit einer ansprechenden Verarbeitungsqualität. Im Alltagsbetrieb bietet der Marvel R Electric AWD kaum mehr Schub als die deutlich schwächere Version mit 132 kW und 410 Nm. Erst im Modus "Sport" stehen beim Topmodell 212 kW und 665 Nm Drehkraft zur Verfügung.

MG Marvel R Electric AWD (5 Bilder)

Der 4,67 Meter lange MG Marvel R Electric ist im seit Jahren beliebtesten Format – als SUV – angetreten.

Aus dem Stand erreicht der 1,9-Tonner in 4,9 Sekunden Tempo 100, unabgeregelt fährt er bis zu 200 km/h schnell. Der Vorteil ist freilich nicht die dynamische Mehrleistung und schon gar nicht die Höchstgeschwindigkeit, sondern vielmehr gute Traktion bei schlechten Straßenverhältnissen. Das passt zur Auslegung: Das Fahrwerk ist komfortabel, aber nicht unterdämpft abgestimmt. An die leichtgängige Lenkung dürften sich die meisten schnell gewöhnen, etwas mehr Rückmeldung von der Fahrbahn wäre aber schon wünschenswert. Doch generell ist das Auto eher auf ruhiges Reisen abgestimmt, was es mit seinem niedrigen Antriebs- und Abrollgeräuschniveau unterstreicht.

Der Marvel R Electric ist ausschließlich mit 70 kWh erhältlich. Während der Hecktriebler 400 Kilometer bis zum nächsten Ladevorgang schafft, sind es beim Allrad-Topmodell nur 370 Kilometer. Das gilt bei einem unterstellten Normverbrauch nach WLTP zwischen 19,4 und 20,7 kWh auf 100 Kilometer, was etwa im Winter schnell überschritten sein dürfte. Dazu kommt eine maximale Ladeleistung von nur 92 kW. Bereits die modernen Modelle VW ID.4 (Test) oder Skoda Enyaq (Test) sehen mit ihren 125 respektive 135 kW inzwischen alt aus, nachdem Hyundai/Kia die 800-Volt-Technik bei Hyundai Ioniq 5 oder Kia EV6 (Test) eingeführt hat. Die Ladedauern sinken damit deutlich, wenn auch noch nicht so drastisch, wie es technisch bereits möglich wäre.

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So schick wie außen ist der MG Marvel auch im Innern. Das Platzangebot passt vorn wie hinten, wenn auch der Verstellbereich der elektrisch einstellbaren Sitze größer sein könnte. Hinter der elektrisch öffnenden Heckklappe stehen 357 Liter Volumen zur Verfügung, die sich durch Umlegen der Rückbank auf bis zu 1396 Liter vergrößern lassen. Das ist im Vergleich nicht besonders voluminös. Beim Allradler entfällt zudem noch der Frunk wegen des Frontmotors über der Vorderachse.

MG Marvel R Electric AWD Interieur - Details (6 Bilder)

Im Innenraum entdeckt man das Thema "konvergierende Linien" …

Knöpfe und Schalter fehlen für viele Funktionen, Fahrprogramm, Navigation, Unterhaltung oder Klimatisierung müssen mühsam und wenig bediensicher über das 19,4 Zoll große Hochkantdisplay in der Mittelkonsole gesteuert werden. Um die Bedienung zu vereinfachen, sollte SAIC wenigstens die Instrumente etwas größer animieren und ein Head-up-Display zumindest als Option anbieten.

Auch beim Thema Berührungsbildschirm-Mode anstelle sicherer Bedienung unterscheidet sich das chinesische Produkt also kaum noch von den etablierten aus den USA, Korea, Japan oder Europa. Ob allein das unauffällige Mitschwimmen zu einem günstigeren Preis für einen Erfolg reichen wird, steht aber noch dahin. Unterschätzen darf man die Chinesen wohl noch nicht, immerhin haben die heute erfolgreichen koreanischen Hersteller einmal ähnlich ihren Weg nach Europa begonnen und gehören inzwischen zu Innovationstreibern unter den alteingesessenen Marken.

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(fpi)