Elektroauto Mercedes EQE im Fahrbericht: Das Beste vom Großen

Mercedes fährt den EQE bis auf Zentimeterabstand an den großen Bruder EQS heran. Damit könnte er für viele Interessenten nicht nur preislich der Favorit sein.

Lesezeit: 7 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 339 Beiträge
Von
  • Clemens Gleich
Inhaltsverzeichnis

Der zweite Sohn von Mercedes neuer Elektroplattform geriet seinem großen Bruder EQS so ähnlich, dass die Unterschiede sehr schnell beschrieben sind. Er ist etwas kleiner, er ist nicht ganz so leise und für sich-fahren-Lasser fehlt das "Rear Seat Entertainment" des EQS auf der Rückbank. Für Selberfahrer ergeben sich somit kaum Nachteile, weil der größte Teil der Sonderausstattung im EQE genauso verfügbar ist. Auf dem Fahrersitz hat das etwas kleinere Auto im Gegenteil so viele Vorteile, dass der EQE selbst für manchen EQS-Interessenten trumpfen könnte.

Interessanterweise kann der EQS die Autobahnreichweitenhoheit beibehalten. Der EQE kommt mit einem leicht schlechteren cW-Wert von 0,22 (EQS: 0,20) trotz etwas kleinerer Stirnfläche auf einen minimal höheren gesamten Luftwiderstand. Damit sinkt die Autobahnreichweite, die aufgrund der 90-kWh-netto-Batterie (EQS: bis 108 kWh netto) sowieso schon geringer ausfällt. Damit kommt der EQE auf der Autobahn dennoch 400 bis 500 km weit, bevor er ans Kabel muss und mit bis zu 170 kW lädt. Der WLTP-Verbrauch liegt beim EQE 350+ zwischen 15,9 und 18,7 kWh/100 km, die WLTP-Reichweite (bis 654 km) sollten Sie aufgrund ihrer realitätsfernen Ermittlung nirgends als sinnvollen Anhaltspunkt betrachten. Der EQE 500 liegt bei 17,8 bis 21,1 kWh/100 km (vorläufige Werte, können sich noch geringfügig ändern). Der Grund für die etwas geringere Windschlüpfigkeit liegt in den kürzeren Überhängen des 30 cm kürzeren EQE, zusammen mit dem für die Unterbodenoptimierung schwierigeren Stahl-Fahrwerk der Serienversionen (Luftfahrwerk kostet Aufpreis). Beim Test im noch winterlichen Taunus-Siff verbrauchte der EQE 500 mit etwas flotterer Fahrt rund 27 kWh / 100 km (netto laut Tacho) und der EQE 350+ rund 21 kWh. Das sind okaye Werte, doch wie beim EQS sind Topwerte erst bei wärmerem Wetter zu erwarten.

Statt der riesigen Heckklappe des EQS öffnet eine normale Kofferraumklappe hinten in einen Kofferraum von 430 l Volumen. Das hält den Hintern des EQE kleiner. Im Vergleich zur E-Klasse (BR 213) ist die EQE-Kabine 80 mm länger, die Schultern haben 27 mm mehr Platz, am relevantesten für das Fahrgefühl aber wohl: Die Sitzposition liegt akkubodenbedingt 65 mm höher. Das Auto fährt sich dennoch sehr gut, was an guter Sicht und der grandiosen Hinterachslenkung liegt.

Mercedes bewirbt den EQE mit "Business Class" und allem, was der "Premium"-Wortschatz hergibt. Was daher vielleicht etwas untergeht: Das Auto fährt sehr gut – wichtig für die typischen Selberfahrer der Business-Klasse. Die Hinterachslenkung gibt dem Wagen die Wendigkeit viel kleinerer Autos (Achsen lenken in entgegengesetzte Richtungen) oder stabilisiert ihn bei Autobahn-Spurwechseln (Achsen lenken in die gleiche Richtung). Mercedes bietet die Lenkung in zwei Stufen an: bis 4,5° hinten und bis 10°. Vor allem die Variante mit 10° hilft beim Rangieren, das folglich so leicht fällt wie mit einem viel kompakteren Auto. Wendekreis: 10,7 m.

Mercedes-Benz EQE 350+ (5 Bilder)

Mit den Modellen EQE 350+ und Mercedes-AMG EQE 43 geht es los beim Bestellen.
(Bild: Mercedes-Benz)

Die Fahrhilfen sind nicht abschaltbar, sie verhalten sich jedoch so zurückhaltend, dass das abseits der Rennstrecke kaum stört. Die stärkere Allradvariante EQE 500 reizt aufgrund ihrer Beschleunigung zu beherzteren Fahrpedaltritten. Bei der Testfahrt herrschte siffiges Aprilwetter, das ein sehr gutmütiges Fahrverhalten zeigte. Auf langweiligen Etappen übernimmt die Fahrautomatisierung wie gehabt einen erheblichen Teil der Fahraufgabe.

Irgendwie müssen sich EQE und EQS ja dann doch über Größe, Kofferraum und Rückbank-Tablets hinaus unterscheiden. Der EQS ist noch einmal deutlich leiser. Es gibt im EQE jedoch wieder das von der E-Klasse bekannte "Akustikpaket", bestehend aus schalldämmenden Verbundscheiben und zusätzlicher Dämmung in Hohlräumen wie etwa dem Querträger zwischen den A-Säulen vorn. Das ist der wichtigste anzuklickende Punkt der Aufpreisliste. Damit schließt der EQE an die Mercedes-Tradition an: Ein leiseres Auto der Klasse müssen Sie lange suchen. Wie beim EQS ist die Heckantriebs-Variante 350+ für Vielfahrer sogar die bessere. Sie bietet mit 215 kW Boost-Leistung und 565 Nm Drehmoment immer noch mehr als genug Schub, fährt aber weiter, und durch den Wegfall des vorderen Motors entfällt das leise Piepen, das beim EQE 500 (Boost-Leistung insgesamt 300 kW) trotz der aufwendigen Schalldämmung in der Kabine ankommt. Alle Motoren sind permanenterregte Synchronmaschinen (PSM).

Im Innenraum dominiert der aufpreispflichtige "Hyperscreen", diese gigantische Glasplatte, unter der drei Bildschirme liegen. Interessantes Update: Das Kamerasystem in der Tachoeinheit beobachtet die Augen auf dem Fahrersitz. Wenn sie mehr als ein paar Sekunden auf ein Video im Beifahrerbildschirm gucken, pausiert es das Video. Funktional ist die Standardausstattung mit dem Hochkant-Bildschirm gleichwertig; Mercedes verbaut in beiden Fällen denselben NVidia-Achtkern-SoC mit 24 GByte RAM.