Elektroauto Opel Manta GSe im Test: Klassiker mit frischem Herz

Opel baut einen klassischen Manta auf E-Antrieb um. Das Ergebnis bewegt – vor allem auch emotional. Der Manta GSe macht Lust auf mehr. Ein Fahrbericht.

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Opel Manta GSe

(Bild: Opel)

Von
  • Martin Franz

Eine fortschreitende Erkenntnis offenbart sich manchmal ziemlich plötzlich und unerwartet. Etwas mehr als zwanzig Jahre nach dem Dahinscheiden meines Kadett C zeigte mir der Ausflug mit dem Manta GSe, was ich im jugendlichen Leichtsinn der schon damals betagten Karosserie antat: Die Kombination aus knüppelharten Dämpfern samt verdammt kurzer Federn und einer 175/50(!)R13(!)-Bereifung malträtierte den alten Aufbau übel. Opel ist beim Umbau eines originalen Manta A auf einen batterieelektrischen Antrieb nicht ganz so brutal, vor allem aber mit anderen Motiven vorgegangen. Das Fahrgefühl im Manta GSe ist eine Mischung aus modernen Zeiten – und längst erloschenen.

Opel hat kein neues Auto im Look des Originals geschaffen, sondern ein solches umgebaut. Das erfordert schlaue Kompromisse, wenn von der Substanz mehr als nur die Hülle bleiben soll. Äußerlich fällt vor allem die Front im Design des Mokka auf. Die Opel-Männer ziehen bei der Vorstellung immer wieder die Parallele zu den aktuellen Modellen, schließlich ist das kleine – und gerade als Elektroauto ziemlich erfolgreiche – SUV Mokka nur der erste Ableger mit der "Vizor" getauften Front. Der nächste Astra bekommt sie ebenso wie der dritte Insignia.

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Am Heck wurden die Leuchten gegen LED-Rundlinge getauscht. Dazu verlor das Auto beim Umbau seine Stoßstangen – meinem Kadett tat ich das auch an. Prägend, nicht nur für den äußeren Eindruck, ist aber die vom Original stark abweichende Fahrwerk-Rad-Kombination. Die Dämpfer sind ähnlich unnachgiebig wie in meinem damaligen Auto. Die kurzen Federn rücken die Karosserie näher an den Asphalt als der erste Manta es ab Werk je war. Dazu kommt eine Bereifung von 195/40 R17 vorn und 205/40 R17 hinten. Kleine Rückblende: Als der Manta 1970 an den Start ging, waren 13-Zoll-Felgen und eine 70er- oder 80er-Flankenhöhe vollkommen normal.

Diese neue Härte wird schon nach wenigen Metern überdeutlich. Nichts, was die Straße mitteilen könnte, bleibt verborgen, der Fahrer wird über wirklich alles informiert. Das ist einerseits erfrischend konsequent, offenbart andererseits: Eine rund 50 Jahre alte Karosserie ist nicht frei von Geräuschen. Man hört sie arbeiten, was einen längst verloren geglaubten Instinkt wiederbelebt: Der Manta GSe hat natürlich keine Ölwanne mehr, deren Aufsetzen man tunlichst vermeiden sollte. Trotzdem weiche ich mit dem Coupé automatisch wo immer möglich selbst kleinen Unebenheiten aus, auch solchen, die das Komfort-Fahrwerk in meinem aktuellen Auto von mir fernhält. Es geht gewissermaßen nicht anders, ich kann mit einem Klassiker noch weniger rabiat umgehen als mit einem Neuwagen.

Opel Manta GSe außen (8 Bilder)

Aufgemotzter Klassiker: Opel hat den Manta GSe nicht nur mit einem Elektroantrieb versehen, sondern auch mit einer Fahrwerks-Reifen-Kombination, die den Fahreindruck weit vom Original entfernt.

Der umgebaute Manta hat an der Hinterachse Scheibenbremsen, das gab es im Original nie. Trotzdem ist das Bremsen, wie auch das Lenken und Schalten gefühlt dem Eindruck aus dem ersten Manta nah. Alles braucht mehr Kraft als in modernen Autos. Keine Unterstützung von Servomotoren, keine Software, die Lenkung und Bremse beeinflusst – der Umgebaute fährt sich in dieser Hinsicht absolut authentisch. In anderer dagegen wirklich gar nicht.

Mein Kadett hatte anfangs 60 PS. Im Verbund mit dem federleichten Heck reichte das schon aus, um das arme Auto bei Bedarf quer um die Kurven zu treiben. Im ersten Manta war es nicht viel anders, und die Opel-Modelle jener Zeit wurden auch dafür geliebt. So sehr, dass sich ihr Bestand noch rascher reduzierte, als es die damalige Rostschutzvorsorge hätte befürchten lassen. Sie fielen bald scharenweise jugendlichen Tunern in die Hände, wie ich es einst war. Viele Opel-Modelle dieser Ära verendeten, nachdem den jungen Steuermännern erst das Talent, dann die Straße ausging. Gedanken an die Sicherheit ließen sicher auch meine Eltern unruhig schlafen. Wie unzählige Generationen vor mir hoffe auch ich auf die Vernunft meiner Nachkommen, wahrscheinlich umsonst. Es gab zwar Knautschzonen, Gurte und an den nachgerüsteten Sportsitzen auch Kopfstützen. Doch schon bei geringem Tempo – und wir strebten stets nach mehr – waren selbst kleine Unfälle vergleichsweise dramatisch.

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Von den Klassikern unterscheidet sich der Manta GSe durch eine grundlegend andere Gewichtsverteilung. Das Auto insgesamt ist nur rund 120 kg schwerer als das Original, aber zwischen Kofferraum und Rücksitzbank, wo einst der Tank untergebracht war, sitzt nun eine Batterie mit einem Energiegehalt von 31 kWh. Das bringt viel mehr Gewicht auf die Hinterachse und damit auch mehr Traktion. Der Manta GSe lässt sich daher trotz erheblich höherer Leistung nicht mehr so leicht quertreiben. Es hätte sich in einem Einzelstück ohnehin verboten, das auszuprobieren, denn klar ist auch: Wenn dieses Heck einmal rutscht, rutscht es. Wer das wieder einfangen will, hat sich mit der Lenkung aus den 1970er-Jahren hoffentlich umfangreich vertraut gemacht.

Der E-Motor hat mit 108 kW viel mehr Leistung, als je in einem Manta A ab Werk zu haben war. Opel schleust seine Kraft durch ein konventionelles Viergang-Schaltgetriebe, was für ein E-Auto ungewöhnlich ist und sich auch so fährt: Zum Einlegen eines Ganges wird die Kupplung ganz normal getreten, dann nimmt man den Fuß vom Pedal – und das Auto fährt nicht los, denn der E-Motor hat ja keine Leerlaufdrehzahl. Erst wenn der Fahrer ihn mit dem Fahrpedal anstupst, geht es los. Und das unterschiedlich heftig, je nach eingelegtem Gang, denn Anfahren ist auch im vierten möglich. In den ersten drei Stufen ist das Getriebe infernalisch laut, im höchsten Gang dagegen kaum zu hören. Die Leistung geht im Vierten direkt vom Elektromotor über die Eingangs- durch die Haupt- und dann an die Kardanwelle, das Vorgelege läuft ohne Last und damit fast unhörbar nur mit.

Opel hat dem Manta GSe teilweise ein neues Armaturenbrett spendiert. Ein bisschen fremd wirken sie ja schon, die großen Displays in diesem alten Auto. Es ist der Versuch, eine Brücke in die Moderne zu schlagen. Die Auskleidung mit reichlich Alcantara wirkt durchaus nobel und feiner, als es der erste Manta je war. Der lange Schalthebel, Fensterkurbeln und das klassische Dreispeichen-Lenkrad hinterlassen einen bleibenden Eindruck davon, in einem umgebauten Klassiker zu sitzen, und nicht in einem bemühten Retro-Kitsch-Wagen. Dazu trug auch das extrem heiße Wetter am Testtag bei: Zwar rauschte irgendwo ein Gebläse, doch ein Luftzug kam erst ins Auto, als ich die Scheiben heruntergekurbelt hatte.

Opel Manta GSe innen (4 Bilder)

Machts die Mischung? Fensterkurbeln, klassisches Sportlenkrad und langer Schalthebel stammen aus dem Original, die Display-Front aus der Neuzeit.

In nachhaltiger Erinnerung bleibt freilich etwas ganz anderes: Die Reaktionen auf den Manta GSe in der Öffentlichkeit. Klar, rund um Rüsselsheim, wo ich den Manta fahren durfte, ist die Zahl derjenigen, die im Herzen Opelaner sind, sicher so hoch wie kaum irgendwo sonst. Doch das Entzücken, welches dem Coupé entgegenschlägt, ist enorm. Handys werden gezückt, um Bilder zu machen, an der Ampel kommt man rasch mit anderen ins Gespräch.

Opel bringt das gewissermaßen in einen Konflikt. Denn die Begeisterung, die ich im Umfeld erlebt habe, schreit eigentlich nach einer Kleinserie. Doch das ist ausgeschlossen, der Manta GSe ist ein Einzelstück und wird es zumindest ab Werk bleiben. Die Möglichkeit, einen Klassiker auf E-Antrieb umzurüsten, gibt es natürlich, alle anderen Umbauten, die Opel hier vorgenommen hat, dagegen nicht.

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die entscheidenden Stellen bei Stellantis sich der langen Opel-Tradition bewusst sind und möglicherweise irgendwann mehr daraus formen als ein frisches Markengesicht, das einem Klassiker ähnelt. Der Zuspruch, den der Manta GSe von allen Seiten einfährt, sollte sie ermutigen. Falls sie Inspirationen suchen, empfehle ich einen Gang durch die grandiose Sammlung der Opel-Klassiker in Rüsselsheim.

Patrick Munsch von der Opel-Presseabteilung war so klug, einen Ablaufplan für den Tag festzuzurren: "Bitte fahren Sie erst den Manta. Denn wenn Sie einmal in der Halle sind, bekomme ich Sie da nicht mehr raus." Recht hatte er. Was Opel im ehemaligen Verladebahnhof des Werks zusammengetragen hat, deckt weite Teile der Unternehmensgeschichte ab. Ein Jammer, dass sich diese Tore nur sporadisch für einige Wenige öffnen.

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(mfz)