Fahrbericht: Audi e-tron Sportback 55 quattro

Gut zwei Jahre nach dem Strat des e-tron schiebt Audi ein massiges SUV auf gleicher Basis nach. Wie fährt sich das?

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(Bild: Audi)

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Die Entwicklungskosten in der Automobilindustrie sind enorm. Schon länger gibt es daher den Ansatz, eine technische Plattform in möglichst vielen Verpackungen anzubieten. Volkswagen praktiziert das schon lange und wird den Modularen Elektro-Baukasten (MEB) auch anderen Firmen anbieten. In etwas kleinerem Rahmen verteilt auch Audi seine E-Plattform. Deshalb gibt es den e-tron auch als SUV-Coupé Sportback. Wie fährt sich dieser Ableger?

Ob die Linie des e-tron Sportback nun schicker ist als die des „gewöhnlichen“ e-tron? Urteilen Sie selbst. Fest steht, dass die flachere Dachlinie nicht zulasten der Kopffreiheit hinten geht und man auch im Sportback in der zweiten Reihe gemütlich reisen kann. Auch der Kofferraum mit seinem Fassungsvermögen von 615 bis 1665 Litern enttäuscht nicht, allerdings ist die Ladekante hoch.

Angeboten wird der e-tron Sportback mit 230 kW (50 quattro) und 300 kW (55 quattro), im Testwagen war die stärkere Ausführung installiert. Beeindruckender als die Angaben zu den möglichen Fahrleistungen (5,7 Sekunden im Standardsprint, 200 km/h Höchstgeschwindigkeit) ist wieder einmal, wie ansatzlos die Beschleunigung erfolgt: Kein Getriebe muss erst den richtigen Gang suchen, kein Turbolader auf Touren kommen – es geht einfach ziemlich nachdrücklich los, trotz eines Leergewichts von 2555 kg (inklusive 75-kg-Normfahrer). Das Ganze erfolgt ohne Getöse, ein Umstand, an den man sich schnell und gern gewöhnt.

In Kurven hilft der elektrische Allradantrieb, die schwere Fuhre um die Ecke zu wuchten und lässt auch eine ambitionierte Fahrweise zu. Allerdings spürt der Fahrer spätestens dann, wie die Masse das Auto nach außen drängt. Egal wie gut die Regelsysteme arbeiten, sie können nur einen Teil dieser Schwere kaschieren. Für eine Serpentinen-Hatz ist dieses Coupé kein Traumpartner.

Auch beim Verbrauch zeigt sich, was hier bewegt werden soll. Audi nennt im WLTP 22 bis 26 kWh, auf unserer Ausfahrt kamen wir auf knapp 33 kWh. Die Batterie des e-trons mit 300 kW hat seit November 2019 eine etwas größere Nettokapazität von 86,5 statt wie zuvor 83,6 kWh. Die Bruttokapazität von 95 kWh blieb gleich. Audi hat hier schlicht ein Teil der Reserven im System angezapft, denn technisch hat sich nichts verändert.

Fahrbericht Audi e-tron Sportback (14 Bilder)

Ab Mai sollen die ersten e-tron Sportback ausgeliefert werden. Ob es dazu kommt, wird sich zeigen, schließlich durchkreuzt derzeit das Coronavirus viele Pläne.

Wie üppig die allgemeinen Reserven sind, wird auch an der Ladekurve deutlich. Maximal sind 150 kW Ladeleistung an Gleichstrom möglich. Anders als viele andere E-Autos kann der e-tron diese Ladeleistung sehr lange nutzen. Im e-tron-Test vor einem Jahr fiel auf, dass die Ladekurve erst sehr spät abfiel. Das aufwendige Thermomanagement scheint sich auszuzahlen. An einer Schnellladesäule sind innerhalb von 30 Minuten ein SoC von 80 Prozent nachgeladen – ausgehend von einem Startwert von 5 Prozent.

Auf dieser Seite wird auch offengelegt, was eine Null zu 100 Prozent-Ladung an einer 230-Volt-Steckdose und 10 A bedeuten würde: 46 Stunden und 42 Minuten – ein Szenario, dass so vermutlich keiner durchspielen wird, schon gar nicht, wenn er einen e-tron dauerhaft betreiben will. Serienmäßig ist ein dreiphasiges Ladegerät eingebaut, an Wechselstrom sind damit 11 kW Ladeleistung möglich. Ende 2020 will Audi gegen Aufpreis einen zweiten On Bord Charger anbieten, mit dem die maximales Ladeleistung an Wechselstrom auf 22 kW steigt.

Natürlich stattet Audi auch den zweiten e-tron mit allen Helfern aus, die das Fahren angenehm machen können, verpackt die aber größtenteils in Ausstattungspakete. Der Kreuzungsassistent, der vor herannahenden Querverkehr warnt, ist Teil des Assistenzpakets „Stadt“, das 1050 Euro kostet und in dem unter anderem auch ein Türöffnungswarner enthalten ist, falls sich von hinten ein Fahrzeug nähert. Der adaptive Tempomat und der Spurhalteassistent gehören zum Assistenzpaket „Tour“, das mit 2040 Euro zu Buche schlägt.

Solche Ausgaben muss man zum Grundpreis des Audi e-tron Sportback 55 quattro von 83.150 Euro (2250 Euro mehr als der e-tron) hinzurechnen. Wem eine 71 kWh Batteriekapazität und 230 kW Leistung reichen, der greift zum Audi e-tron Sportback 50 quattro für 71.350 Euro, der ebenfalls ab Mai 2020 beim Händler stehen soll. Diese Preise sind freilich nur aus Ausgangspunkt für eine lange Reise durch die Preisliste zu sehen, an deren Wegesrand noch Luxus wie Sitzheizung, Kopfstützen mit horizontaler Verstellung und Digitalradio eingesammelt werden können. Für sich betrachtet kostet das einzeln jeweils nicht viel, zusammengenommen wandern allein für diese drei Kleinigkeiten knapp 1000 Euro Richtung Audi.

Die Strategen gehen vermutlich vollkommen zurecht davon aus, dass kaum ein e-tron ohne Ledersitzbezüge, Matrix-Licht und Assistenten ausgeliefert wird. Da in dieser Klasse der Preis ohnehin nicht mehr im Vordergrund steht, legen wir den Interessenten noch die „virtuellen Außenspiegel“ ans Herz. Statt Spiegeln sind dann Kameras eingebaut, die ihr Bild auf Siebenzoll-OLEDs einspielen. Damit sieht man tatsächlich deutlich mehr, denn die Kameras verändern den Sichtwinkel passend zur Situation. Mit 1540 Euro ist dieses Extra nicht ganz billig, lohnt sich aber.

(mfz)