Fahrbericht Kia EV6: Rasant in jeder Hinsicht

Kia EV6 und Hyundai Ioniq 5 teilen sich die Basis: Beschleunigung und Ladetempo sind blitzschnell. Dennoch unterscheiden sie sich, wie die Ausfahrt zeigt.

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Kia EV6

Der Kia EV6 ist rundlich, der Hyundai Ioniq 5 eckig. Beide dürften kaum Probleme haben, Käufer zu finden, denn das Technik-Paket ist attraktiv.

(Bild: Kia)

Von
  • Martin Franz

Hyundai schiebt unter dem Label der Marke Kia das zweite Auto auf der technischen Basis des Ioniq 5 auf den Markt. Der Kia EV6 ist mehr als nur ein Abklatsch unter anderer Form, was schon daran zu erkennen ist, dass zumindest absehbar nur er den Antriebsstrang mit 430 kW bekommen wird. Das Topmodell, das erst Ende 2022 hierzulande auf den Markt kommen soll, wird nur eine Randerscheinung bleiben. Die meisten Käufer werden sich mit deutlich weniger Kraft begnügen – wobei der Kia EV6 auch dann nicht den faden Beigeschmack einer Sparlösung bekommt. Eine erste Ausfahrt.

Hyundai Ioniq 5 und Kia EV6 teilen sich nicht nur die Plattform. Beide wirken auf Bildern kleiner als sie in der Praxis sind. Der EV6 ist mit knapp 4,7 Metern etwa so lang wie ein BMW iX3 (Test), der Radstand misst 2,9 Meter. Kia setzt auf andere Proportionen als Hyundai, denn der Ioniq 5 ist rund 6 cm kürzer, hat aber 10 cm mehr Radstand. Das Platzangebot für die Passagiere ist im Kia dennoch großzügig, der Kofferraum mit einem Volumen zwischen 480 und 1300 Litern für die meisten Ansprüche sicher ausreichend.

Das Layout des Armaturenbretts erinnert ein wenig an die Mercedes A-Klasse (Test). Alles ist gut verarbeitet, die Bedienung durchdacht und größtenteils intuitiv möglich. Angenehm auch, dass Kia auf eine Überzeichnung verzichtet hat. Das Display als Kombiinstrument ist nicht überladen, sondern serviert seine Informationen übersichtlich. Auch die Zahl der Tasten auf dem Lenkrad ist auf eine sinnvolle Anzahl beschränkt. Zudem verzichteten die Verantwortlichen darauf, dort Touchflächen einzubauen – Funktion vor modischem Design. Ein Solardach, das Hyundai im Ioniq 5 anbietet, soll es im EV6 nicht geben, dafür aber ein Schiebedach. Das wiederum gibt es im Hyundai nicht. Dort wird nur ein festes Glasdach als Option angeboten.

Geplant sind zunächst drei Versionen, die noch in diesem Jahr in den Handel kommen sollen. Das Basismodell mit Heckantrieb bietet 125 kW Motorleistung und 58 kWh Energiegehalt in der Batterie. 44.990 Euro soll es kosten, was fair kalkuliert erscheint. Denn abgesehen von einer Wärmepumpe fehlt dem Basismodell kaum etwas.

Fahrbericht Kia EV6 (7 Bilder)

Der Kia EV6 passt nicht so recht in das gängige Schema der Klassen: Limousine oder gar ...

Höhere Ansprüche sollen mit den größeren Ausbaustufen erfüllt werden, die dann auch Allradantrieb haben. Die Batterie hat hier einen Energiegehalt von 77,4 kWh, die Antriebsleistung liegt bei 168 oder 239 kW. An einer 800-Volt-Station lässt sich der Akku bei allen Modellvarianten mit einer Leistung von maximal 239 kW in 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent aufladen, verspricht Kia im Beipackzettel. Das erstaunt etwas, denn im Ioniq 5 wird für die kleinere Batterie eine geringere Ladeleistung angegeben. So oder so ist das sehr viel mehr, als beispielsweise Volkswagen derzeit in vergleichbaren Modellen liefern kann. Die maximale Reichweite soll bei 506 km liegen.

Für eine erste Ausfahrt stand ein EV6 mit 239 kW bereit. Die somit möglichen Fahrleistung liegen weit oberhalb dessen, was die deutsche Verkehrsdichte in der Regel zulässt. Trotz eines Leergewichts von mehr als zwei Tonnen schnippt der EV6 auf Landstraßen mit beeindruckender Leichtigkeit an Lkws vorbei. Das geschieht – typisch E-Auto – ansatzlos und weitgehend frei von Geräusch. Die Art und Weise, wie dieser Antrieb den EV6 anschiebt, legt nahe, dass sich auch mit deutlich weniger gut auskommen ließe. Vermutlich wird schon das Modell mit 168 kW auch verwöhnte Fahrer in dieser Hinsicht meist zufriedenstellen.

Kia EV6 Innenraum (10 Bilder)

Das Layout des Armaturenbrett erinnert entfernt an das Cockpit der Mercedes A-Klasse.

Das Fahrwerk ist insgesamt straff abgestimmt, allerdings weit davon entfernt, wirklich unkomfortabel zu sein. Die Lenkung liefert ein angenehmes Maß an Rückmeldung, allein die Rückstellkräfte sind geringer als erwartet. Wie inzwischen üblich gibt es allerlei Assistenz, von denen in diesem Segment die Option, das Auto allein ein- und ausparken zu lassen, ohne dass der Fahrer im Auto sitzen muss, sicher etwas herausragt. Ungewöhnlich ist auch die Idee, die hinteren Türen zu verriegeln, wenn das Öffnen zu einer Kollision mit anderen Verkehrsteilnehmern führen würde. Nähert sich jemand mit dem Fahrzeugschlüssel von hinten dem EV6, öffnet sich die Kofferraumklappe automatisch. Diese Art der Fürsorge könnte in der Praxis etwas lästig werden, doch in den Tiefen des Infotainmentsystems wird sich das wohl abstellen lassen.

Ab Ende 2021 soll der EV6 in Deutschland ausgeliefert werden. Die Preise liegen etwas oberhalb dessen, was Hyundai für den Ioniq 5 verlangt. Doch Sorgen um Absatzzahlen muss sich bei Kia wohl keiner machen. Der EV6 ist insgesamt ein attraktives Auto, das sich trotz identischer Plattform vom Ioniq 5 ausreichend weit absetzt, gerade was die Gestaltung angeht. Doch schon die Kombination aus sinnvoller Batteriegröße, schneller Lademöglichkeit und konkurrenzfähigen Preisen dürfte für einen gewissen Andrang in den Autohäusern sorgen.

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(mfz)