Fahrbericht MV Agusta Superveloce 800

Ein Vergnügen, die Superveloce 800 für zehn Tage fahren zu dürfen! Die Schöne ist eine ernsthafte Renn-Diva im Retro-Stil mit entsprechend ambitioniertem Preis.

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  • iga
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Wenn MV Agusta irgendetwas kann, dann atemberaubendes Design zu erschaffen. Die neue Superveloce 800 dürfte jeden Schönheitswettbewerb gewinnen. Sie zeigt eine gelungene Verbindung aus modernem Styling und Retro-Elementen.

Unter der schicken Verkleidung steckt die altbekannte F3 800: Motor, Auspuff, Rahmen, Einarmschwinge, Federung, Bremsen, Tank und sogar die Fußrasten wurden übernommen. Doch darüber wurde der "Ottocento" gekonnt eine schwungvolle Verkleidung auf den schlanken Leib geschneidert. In der Front sorgt ein kleiner Rundscheinwerfer samt Aluminiumring dank LED-Technik für helles Licht. Vor dem Windschild spannt sich eine Strebe mit einem aufgesetzten Spoiler. Auf dem Tank finden sich zwei Lederbänder, die am Ring des Tankdeckels eingehakt sind. Sie haben keinerlei Funktion, außer der Superveloce 800 einen zusätzlichen Retro-Touch zu verleihen. Das ultraknappe Heck läuft in ein rundes, nostalgisch wirkendes Rücklicht aus. Allein schon diese Rückansicht ist ganz großes Kino. Selten drehten sich so viele Köpfe nach einem Motorrad um wie bei der Superveloce 800.

Ich hatte das Glück, von MV Agusta eines der wenigen existierenden Exemplare der Superveloce 800 zu Testzwecken zur Verfügung gestellt zu bekommen. Sie kostet die Kleinigkeit von 20.000 Euro. Entsprechend hoch war die Spannung auf die erste Ausfahrt. Egal, aus welchem Blickwinkel man die Superveloce 800 betrachtet, sie wirkt wie ein Kunstwerk. Die rot-silberne Lackierung ist die historische Farbgebung der Rennmaschinen aus Varese. Es gibt die Superveloce gegen 500 Euro Aufpreis zwar auch in schwarz, aber in rot wirkt sie authentischer. Die goldenen Felgen und der ebenso lackierte Gitterrohrrahmen sind bei beiden Farbvarianten vorhanden und stehen der MV Agusta ungemein gut. Sie besitzt einen Verbundrahmen: Vorne Gitterohr aus Stahl, hinten kommen Aluminium-Gussteile zum Einsatz. Angesichts der massiv wirkenden Einarmschwinge sehen die Gussfelgen aus Aluminium umso filigraner aus.

Lenkerendenspiegel sehen cool aus, verbreitern die Superveloce 800 aber auch deutlich und dürften schon bei einem harmlosen Umkippen die Ersatzteilkasse belasten. Dafür lassen sie aber eine recht gute Sicht nach hinten zu. Doch schon beim Rangieren bekam die Begeisterung über die "Ottocento" einen ersten Dämpfer, als ich mir schmerzhaft die Finger zwischen Griff und Tank einquetschte – der Lenkeinschlag wird viel zu spät begrenzt. Man sitzt sportlich auf der Superveloce 800, die Sitzbank ist 830 mm hoch und der Kniewinkel eng, doch die Lenkerstummel sind nicht so tief angebracht, dass man permanent im Liegestütz hängen würde.

Nach dem Drehen des Zündschlüssels erwacht das Mäusekino im fünf Zoll großen TFT-Display zum Leben. Zunächst erscheint der Schriftzug "Motorcycle Art", dann eine Zeichnung von der Superveloce 800 und ein Balken aus grünen Strichen, der den Ladezustand der Batterie vermeldet, bevor das eigentliche Display erscheint. Die Infos sind erfreulich übersichtlich: Die Geschwindigkeit wird zentral und groß angezeigt, darum spannt sich der Drehzahlmesser im Kreis und darunter wird zusätzlich noch einmal die exakte Drehzahl in Ziffern wiedergegeben.

MV Agusta Superveloce 800 (8 Bilder)

Wenn es einen Wettbewerb um das schönste Motorrad geben würde, hätte die MV Agusta Superveloce 800 beste Chancen auf den Sieg. Eine betörende Schönheit aus Italien.

Links oben im Display steht die Uhrzeit, rechts vier Informationen (Lufttemperatur, Gesamtkilometer, Tageskilometer und gefahrene Zeit) übereinander, während unten noch die vorgewählte Stufen des ABS und der Schlupfregelung dargestellt sind. MV Agusta zeigt sich auf der Höhe der Zeit und bietet auch Bluetooth-Konnektivität mit dem Smartphone an, vorausgesetzt man hat die App "MV Ride" heruntergeladen. Das Menu der App ist in drei Bereiche unterteilt: "Mein Motorrad", "Routen" und "Fahrten". Der Fahrer kann so unter anderem die Mapping-Einstellungen an seinem Bike vornehmen, eine Navigation per Pfeile im TFT-Display angezeigt bekommen und die gefahrene Route speichern.

Jetzt kommt der große Augenblick und ich drücke auf den E-Starter. Die drei übereinanderliegenden Auspuffrohre sind ein echter Hingucker und man erwartet die Soundkulisse der legendären 500er-Dreizylinder-MV Agusta mit der Giacomo Agostini in den späten 60er und frühen 70er Jahren reihenweise WM-Titel holte. Stattdessen ziert sich die Superveloce 800 ein wenig bis sie anspringt und rasselt dann im Leerlauf wie ein Sack Muscheln vor sich hin. MV Agusta nimmt in Zeiten der Lärmdiskussion Rücksicht auf die Umwelt und hält den Geräuschpegel moderat.

Fahrten durch die Stadt mag die MV Agusta nicht sonderlich. Deshalb gleich die Warnung an Interessenten, die sich eine Superveloce 800 nur wegen des attraktiven Äußeren kaufen wollen, um damit zur Eisdiele zu flanieren: Unter der Retro-Hülle steckt ein reinrassiges Rennmotorrad. Die F3 800 wurde von MV Agusta für den Einsatz auf der Rundstrecke entwickelt und diese Eigenschaften hat die Superveloce 800 geerbt. Der erste Gang ist sehr lang übersetzt und die Kurbelwelle hat wenig Schwungmasse. Anfahren klappt daher nur mit etwas länger schleifender Kupplung, sonst droht der Motor abrupt die Arbeit einzustellen.

Den zweiten Gang unterhalb von Tempo 30 einzulegen quittiert die Superveloce 800 mit unwilligem Schütteln. Darüber erweisen sich die Gänge als eng abgestuft. Schon beim ersten Abbiegen offenbart die MV Agusta noch eine weitere Eigenart: Sie ist sehr nervös. Ihre Fahrwerksgeometrie mit dem kurzen Radstand von 1380 mm und dem steilen Lenkkopfwinkel von 66 Grad ist extrem auf Handlichkeit abgestimmt. Das macht die Superveloce 800 in langsamen Kurven kippelig, man findet keine saubere Linie und muss ständig nachkorrigieren.