Falt-Bildschirm im Tablet-Laptop-Hybrid: Lenovo ThinkPad X1 Fold im Test

Zehn Tage Probebetrieb hat der Laptop-Tablet-Hybrid mit dem faltbaren Display hinter sich und dabei eine Schwäche offenbart.

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(Bild: Volker Weber)

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  • Volker Weber

An faltbare Smartphones haben wir uns fast schon gewöhnt, Motorola hat den Razr, Samsung das Galaxy Z Flip. Kleine faltbare Tablets kennen wir auch, etwa das 7,3 Zoll große Galaxy Z Fold 2 oder das 8 Zoll messende Huawei Mate Xs. Nun aber verkauft Lenovo ein Laptop-Tablet-Hybrid mit einem faltbaren Display, das diagonal 13,3 Zoll misst.

Dieses Display ist der Star des ThinkPad X1 Fold. Fünf Jahre hat Lenovo das Produkt zur Serienreife entwickelt. Letztes Jahr konnte ich auf der Lenovo World in München einen der ersten beiden Prototypen in die Hand nehmen und war vor allem besorgt, ihn keinesfalls kaputt zu machen. Nun aber ist es ein richtig kaufbares Produkt mit Garantie; als ThinkPad X1 verortet es Lenovo unter besonders aufwändig gebauten, schlankesten und leichtesten Produkten des Business-Portfolio.

Möglich wird die Konstruktion durch ein Gelenk, das sich 180 Grad auffalten lässt und dabei in jedem Öffnungswinkel sicher stehen bleibt. Dennoch braucht man nicht viel Kraft, es zu bewegen. Beim Schließen legt es das Display in eine sanfte Kurve, um Falten zu vermeiden, und beim Öffnen streckt es das Display auf den letzten Millimetern, um es ganz flach zu ziehen. Man sieht überraschenderweise keine Falze, zumindest nicht bei einem so neuen Gerät. Um sie zu finden, muss man das ausgeschaltete Display schräg gegen das Licht halten, sodass sich etwa eine Jalousie darin spiegelt. Im Normalbetrieb sind sie unsichtbar. Die Oberfläche ist nicht aus Glas, aber dennoch liefert Lenovo einen Stift mit, mit dem man auf dem Display zeichnen oder schreiben kann.

Das Display wird beim Aufklappen auf den letzten Millimetern gestreckt und zeigt sich ohne wahrnehmbare Falten

(Bild: Volker Weber)

Der Fold wird flach ausgestreckt als Tablet geliefert; wenn man ihn aus dem Karton nimmt, ist man erst einmal überrascht: Ein so großes Tablet mit einem breiten, leicht erhabenen Rand fühlt sich substanziell an, zumal es beinahe ein Kilogramm wiegt. Das ist viel für ein Tablet, aber wenig für ein Notebook. Beim ersten Einschalten überzeugt das Display sofort mit kräftigen Farben und tiefem Schwarz, wie man das von OLED erwarten würde. Nur 300 Nits Helligkeit soll das Display liefern, es fühlt sich nach mehr an, weil die Farben so brilliant sind. Zum Vergleich: Sehr gute Notebook-Displays kommen auf 500 Nits, solche mit Touchbedienung auf etwa 400.

In vier verschiedenen Positionen lässt sich der Fold nutzen: Flach als Tablet, mit dem Eselsohr in der Lederhülle als Display aufgestellt, leicht geknickt wie ein klassisches Buch oder angewinkelt wie ein Laptop. Lenovo liefert eine dünne Tastatur mit, an der sich der Stift in einer Schlaufe sicher befestigen lässt. Diese Tastatur passt in das zusammengefaltete Gerät und wird dort induktiv geladen. Wenn die Tastatur aufliegt, wird sie von Magneten in Position gehalten und die Software schaltet den verdeckten Teil des Displays dunkel. Die Windows-Taskbar rutscht in die Mitte des Displays und man hat nun ein sehr kleines, kompaktes Notebook, das auch auf kleine Tischchen in Bahn und Flugzeug passt.

Lenovo ThinkPad X1 Fold (5 Bilder)

Als großes Tablet nutzt man den ThinkPad X1 Fold am besten mit Stift (Bild: Volker Weber )

Man spürt an jeder Ecke, wie die Designer vielfältige Herausforderungen eines so flexiblen Gerätes meistern mussten. Im Laptop-Modus liegt das Array mit den vier Mikrofonen links vorne und der Lautsprecher oben über dem Bildschirm, die Kamera guckt von rechts, ziemlich nah am Scharnier, dicht auf dem Tisch in schlechter Perspektive. Als Bildschirm im Querformat aufgestellt, ist die Kamera, anders als etwa beim iPad Pro, nun an der richtigen Stelle. Dafür sind die Mikros rechts und der Lautsprecher links. Schaut man einen Film, kommt der ganze Ton von links. Nimmt man das Tablet quer in die Hand, verdeckt die linke Hand den Lautsprecher und die rechte einen Teil der Mikrofone.

Ähnlich ist die Situation bei den beiden USB-Ports (USB-C 3.1 Gen 2). Im Querformat ist einer unten auf der Tischoberfläche unzugänglich, der andere, auf der Schmalseite gelegene dagegen perfekt für ein Netzkabel oder ein Kabel zum Dock, das Strom und Ethernet liefert und Bildsignale weitergibt. Klappt man das Tablet zum kleinen Notebook, dann liegt der eben noch verdeckte Port perfekt, und der an der Schmalseite ist auf einmal oben auf dem Display, wo man ihn eher nicht benutzen will.

Mit diesen Design-Kompromissen kann man leben, aber mit der Tastatur hört der Spaß auf. Die Tasten haben einen zwar kurzen, aber guten Anschlag und sind ausreichend groß genug. Dadurch wird die Tastatur an der rechten Seite plötzlich zu eng und den Designern fehlten bei der deutschen Anpassung die Umlauttasten. Will man ein Ü schreiben, dann muss man Fn-O schreiben, für ein Ö Fn-L und für das Ä Fn-#. Bindestrich und Unterstrich teilen sich die Taste mit Punkt und Doppelpunkt. Diese Kompromisse machen es mir auch nach zehn Tagen unmöglich, auf dieser unbeleuchteten Tastatur flott zu schreiben. Man kann das sicher lernen, aber will man das auch? Ich wuerde eher aergerliche Toene von mir geben und die Umlaute ausschreiben, wie ich das mit jeder amerikanischen Tastatur halte.

Drei Tastaturen gleicher Breite von Lenovo, Logitech und Apple. Spannend wird es rechts bei den Umlauten.

(Bild: Volker Weber)

Bei der Software steht Lenovo ein bisschen im Regen, weil Microsoft das eigentlich für dieses Jahr avisierte Windows 10X verschoben hat. Das sollte auf dem Surface Neo zwei Bildschirme unterstützen und mit wenig Ressourcen auskommen. Auch das Startmenü hatte Microsoft umgestaltet. Nun wurde der Neo erstmal verschoben und Microsoft versucht mit 10X erneut eine Alternative zum Chromebook zu liefern, zunächst für klassische Notebooks mit nur einem Display.

Lenovo muss sich mit einem Mode Switcher helfen, der dem Fold mitteilt, dass er wie ein großer Bildschirm aussehen oder Programme auf einer der beiden Seiten öffnen soll. Schaltet man den Fold ein und hat dabei die Tastatur aufliegen, dann ist dieser Switcher vor dem ersten Login noch nicht geladen und der Login-Bildschirm ist teilweise verdeckt. An dieser Stelle merkt man dann auch, dass die Infrarot-Kamera noch nicht von Windows Hello unterstützt wird.

Per Software lässt sich der Bildschirm aufteilen

(Bild: Volker Weber)

Das sind alles Kinderkrankheiten, an denen Lenovo arbeiten kann. Der ThinkPad X1 Fold ist das erste Gerät dieser Art, dem noch weitere folgen können, wenn sich der Kunde interessiert zeigt. Lenovo unterzieht den Fold den gleichen Belastungstests wie alle anderen ThinkPads und gibt drei Jahre Garantie. Es gibt nur eine Einschränkung: Ein defekter Fold wird nicht vor Ort repariert, sondern muss ins Labor. Das könnte problematisch sein für Kunden, die eine Festplatte nicht aus der Hand geben wollen. An die kommt man erst im Labor ran.

Mit externer Tastatur und Maus hat der Fold im Test viel Spaß gemacht. Der 50 Wh große Akku hält das Gerät zwar nicht wie versprochen für 11 Stunden am Leben, aber er hat dann doch stets einen Arbeitstag durchgehalten, wenn man den Bildschirm nicht zu sehr aufdreht. Helle Pixel kosten bei OLED viel Strom, schwarze Pixel dagegen beinahe gar keinen. Ich schätze die realistische Laufzeit auf etwa 8 Stunden.

Auf dem Magnesium-Gehäuse prangt ein Aufkleber mit Intel Core-i5, aber der i5-L16G7 ist nur ein Hybrid in Lakefield-Architektur mit vier stromsparenden Kernen und einem leistungsfähigen. Das reicht für Office, Web Browsing und Video gucken, aber bei aufwändiger Grafikbearbeitung wird der Fold lahm.

8 GByte RAM hat das Gerät und die sind als SoC zusammen mit dem maximal 7 W verbrauchenden Prozessor als Package aufgelötet. Mehr RAM gibt es nicht, damit Lenovo nicht mehrere verschiedene Geräte bauen muss. Der Fold hat einen Lüfter, aber der sprang bei meinem Test nur selten an. Der Kunde hat nur die Wahl zwischen 256 und 512 GByte großer SSD (M.2 2242, PCIe NVM 3.0 x 4). Bei einem aktuellen Systempreis von 2900 Euro für den Fold, die Tastatur und den Pen wird man aber kaum 120 Euro für die kleinere Platte einsparen wollen. Das optionale 5G-Modem (Sub-6, CAT 20) war bei diesem Testgerät nicht an Bord. Es soll mit einer SIM, aber auch mit einer eSIM funktionieren. Wi-Fi 6 (2x2 802.11ax) und Bluetooth 5.1 komplettieren die Ausstattung.

Auf einem per USB-C angeschlossenen 4k Monitor zeigt der ThinkPad sofort einen Desktop mit voller Auflösung

(Bild: Volker Weber)

An einem 4k-Monitor per USB-C angeschlossen, zeigte der Fold sofort einen Desktop in voller Auflösung, ohne dass man das Display aufklappen muss. Ein Druck auf den Einschalter reicht. Man kann den Fold auch als Tablet aufklappen und vor die Tastatur legen und hat einen Betrieb mit zwei Monitoren, von denen einer per Stift oder Touch bedienbar ist. Laut Lenovo kann der Fold auch zwei 4k-Monitore gleichzeitig bedienen.

Wer wird sowas kaufen? Allein durch den Preis ist der Kundenkreis bereits eingeschränkt. Ideal ist der Fold, wenn man viel unterwegs ist, denn zusammengeklappt wirkt er mit seiner fest verbauten Hülle wie ein in Leder gebundenes Buch. Das kann man ohne Tasche mitführen. Als Laptop aufgeklappt passt er auf Tische in Flugzeug und Bahn, als Buch gehalten kann man unterwegs entspannt schmökern und am Ziel hat man ein großes Display für Präsentationen. Weil er per USB-C Power Deliver geladen wird, muss man nicht einmal das 65W-Ladegerät mitführen, weil man auch woanders passende Netzteile finden wird. Im Büro wird man den Fold wohl eher an externe Peripherie anschließen, wenn es nicht lediglich ein Zweitgerät sein soll.

Legt man den ThinkPad zusammen, entsteht ein kompaktes Buch

(Bild: Volker Weber)

Man kann den Fold einzeln im Vertriebskanal kaufen, aber Lenovo warnt, dass größere Mengen, etwa 100 Stück, schon eine Wartezeit mit sich bringen. Lenovo hat anscheinend gar nicht vor, sehr viele dieser flexiblen Geräte in Verkehr zu bringen. Dafür sind die Kosten noch zu hoch. Der ThinkPad X1 Fold wird damit zu einer Demonstration: Schaut her, was wir bauen können. (vowe)