Falt-Smartphones: Modelle, Bauformen und Entwicklung 2022

Smartphones zum Falten sind das neue große Ding, hoffen zumindest die Hersteller. Wir blicken auf den Markt und verraten, welche Modelle als nächste kommen.

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  • Steffen Herget

Größeres Display, aber kleines Packmaß, das klingt nicht nur praktisch, das ist es auch. Wer mit seinem Smartphone aus der Masse herausstechen möchte, greift zum Foldable. Die Falt-Smartphones sind eine noch immer junge Geräteklasse, erst Ende 2018 kam das erste Modell auf den Markt. Mit der dritten Generation wurden Foldables alltagstauglicher, robuster und nützlicher.

Im Wesentlichen gibt es zwei Sorten Falt-Smartphones: Die einen werden zum Transport zusammengeklappt und damit bei sonst mit herkömmlichen Smartphones vergleichbarer Displayfläche besonders klein und handlich, die anderen Falter werden durch das Aufklappen fast schon zum großen Tablet.

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Vor allem in der ersten Kategorie gibt es nur zwei Modelle, das Galaxy Z Flip3 5G von Samsung und das Motorola Razr 5G. Beide haben aufgeklappt normales Smartphone-Format und sind geschlossen nur noch halb so lang. Obwohl die beiden Handys dann ein wenig dicker auftragen, verschwinden sie in jeder Hosen- oder sogar Hemdtasche. Das Zuklappen zum Auflegen nach einem Telefonat verströmt wohlig-warmen Retro-Flair und erinnert an die manchmal gute, vor allem aber alte Zeit der Klapphandys.

Technisch ist das Flip dem Razr überlegen, es besitzt den stärkeren Prozessor, mehr Speicher und bessere Kameras. Das Motorola sammelt dafür mit dem größeren und praktischeren Frontdisplay Punkte. Das Erbe des namensgebenden Kulthandys Razr aus den 1990er Jahren nimmt das Foldable sowohl mit dem markanten Kinn als auch der Software auf – wer mag, kann auf dem Display das Design des Urahnen erscheinen lassen. Der Straßenpreis beider Smartphones liegt knapp unterhalb tausend Euro, für das Geld bekommt man bei Samsung bessere Hardware sowie die längere Updateversorgung.

Der zweite Ast des Foldable-Stammbaums dreht das Prinzip um. Hier wird ein normalgroßes Gerät nicht zum Transport verkleinert, sondern stattdessen aufgeklappt, um in etwa die doppelte Displaygröße zu erreichen. Die Idealvorstellung dabei: Smartphone und Tablet in einem Gerät zu vereinen. Mit so einem Foldable nahm die gesamte Gattung auch ihren Anfang.

Der bis dato weitgehend unbekannte Displayhersteller Royole stellte 2018 das Flexpai vor und stach damit Huawei, Samsung und Co. im Rennen um das erste Falt-Smartphone aus. Jedoch ohne nachhaltigen Erfolg, denn das Flexpai entpuppte sich als nicht alltagstauglich: zu schwer, zu wenig robust, zu schwache Performance. Royole hat zwar später mit dem Flexpai 2 nachgelegt, das noch immer für rund 800 Euro im Import zu haben ist, durchsetzen konnte sich das Unternehmen aber nicht.

Das gleiche Konzept wie Royole verfolgte zunächst auch Huawei: Das biegsame Display saß außen, im zusammengeklappten Zustand war nur der nach vorne gerichtete Teil aktiv, beim Aufklappen die komplette Fläche. An sich eine charmante Idee, die ohne ein zusätzliches Display für die Außenseite auskommt. Im Alltag erwies sich die Bauform aber als fatal, die flexiblen Displays sind einfach zu fragil, um außen immer wieder mit allerlei Gegenständen wie Schlüsselbund oder Tischplatte in Berührung zu kommen. Mit dem Mate X2 wechselte Huawei auf das Konzept mit innen liegendem Biegebildschirm und Extra-Display außen. Das Mate X2 wurde nie offiziell in Deutschland verkauft und ist nur zu Mondpreisen im Import erhältlich.

Das Motorola Razr 5G greift das Design des legendären Klapphandys wieder auf und ergänzt es mit einem praktischen Frontdisplay.

Die derzeit sicherste Wahl für so ein großes Foldable ist das Samsung Galaxy Z Fold3 5G. Samsung versteckt den faltbaren, fast quadratischen Bildschirm innen und ergänzt ihn durch ein langgestrecktes Außendisplay an der Vorderseite. Für schnelles Mailen, Lesen oder Fotos reicht dieses kleinere Display völlig aus, man muss nicht für jede Kleinigkeit das Smartphone aufklappen.

In der dritten Generation ist das Fold nach IPX8 gegen Wasserschäden abgesichert, die neue Schutzschicht auf dem flexiblen OLED-Panel zudem stabiler als bei den Vorgängern. Samsung verspricht, dass der Klappmechanismus mindestens 200.000 mal Öffnen und Schließen aushalten soll. Die Kameras stammen aus dem Galaxy S20 und sind zwar nicht ganz so gut wie bei aktuellen Top-Smartphones, schießen aber doch in allen Lebenslagen brauchbare Bilder. Im Vergleich mit den Vorgängermodellen hat das Galaxy Z Fold3 auch beim Akku eine Schippe draufgepackt, über den Tag kommt man damit recht verlässlich.

Zum ersten Mal hat Samsung dem Fold ebenso wie dem Flip Unterstützung für den S Pen mitgegeben – zum Nachteil für das Galaxy Note. Neben der Galaxy-S-Serie sind nun die Foldables im High-End-Segment bei den Koreanern die Modelle der Wahl, die vormals beliebte Note-Serie wurde allem Anschein nach eingestampft.

Einen Zeh in den Teich der Falt-Smartphones hat auch Microsoft gesteckt. Mit dem Surface Duo und dem Nachfolger Surface Duo 2 versucht es der Softwareriese aus Redmond anders als die Konkurrenz: Statt eines fragilen biegsamen Displays verwendet er zwei handelsübliche Screens, die von einem 360-Grad-Scharnier zusammengehalten werden. Das klingt erst einmal trickreich, bringt aber einige bauartbedingte Nachteile mit sich: Die Lücke zwischen den beiden Bildschirmen, die nicht komplett zu schließen ist, blendet Inhalte aus.

Ohne Außendisplay muss man das Duo grundsätzlich für alle Dinge erst öffnen, sogar zum Annehmen eines Anrufs. Die innen sitzende Kamera im ersten Surface Duo war schlicht und einfach überfordert, die außen sitzende im Duo 2 bei der Bildqualität ebenfalls nicht auf der Höhe. Zudem ruiniert ihr aus dem Gehäuse ragender Huckel das Design und verhindert, dass man das Duo komplett zusammenklappen oder wackelfrei hinlegen kann. Zusammen mit den Softwareschwächen, die Microsofts Android-Oberfläche seit rund einem Jahr mitschleppt, sind die Falt-Surface-Geräte nur für echte Microsoft-Fans interessant.

Das Oppo Find N ist in China seit Weihnachten auf dem Markt. Das Format ist breiter als bei Samsung.

(Bild: Oppo)

Und welche Falt-Smartphones gehen am häufigsten über die Ladentheken? Glaubt man den Analysten von Display Supply Chain Consultants (DSCC), ist das Galaxy Z Flip3 5G derzeit der Verkaufsschlager unter den Foldables. Das passt zumindest zu der ersten Einschätzung des Herstellers: Im August, zum Verkaufsstart, hatte Samsung Zahlen für die Vorbestellungen genannt. Innerhalb einer Woche seien damals für Fold und Flip rund 920.000 Bestellungen eingegangen, 70 Prozent davon entfielen auf das kleinere und günstigere Flip.

Der gesamte Foldable-Markt legte im Jahr 2021 kräftig zu. DSCC ermittelte etwa für 2021 insgesamt rund 3,8 Millionen verkaufte Exemplare und sieht Samsung bei 85 Prozent Marktanteil. Die Konkurrenz von Counterpoint Research stellte ähnliche Zahlen vor, hier liegt Samsung bei 80 Prozent. Für 2022 erwartet Counterpoint eine Steigerung der verkauften Foldables auf über 18 Millionen Exemplare.

Das chinesische Unternehmen Oppo hat vier Jahre am ersten Foldable entwickelt, nun kommt im ersten Quartal 2022 das Oppo Find N auf den Markt. Die Bauform ähnelt dem Z Fold, mit deutlichen Änderungen beim Format: Das Außendisplay von Oppo ist mit 18:9 eher breit als gestreckt, der innenliegende Bildschirm quadratisch. Das Find N ist zunächst nur in China zu kaufen, dürfte aber den Sprung nach Europa schaffen. Das Xiaomi Mi Mix Fold, das mit einem 5000 mAh starken Akku ausgestattet ist, wird bisher nicht in Deutschland verkauft.

So weit sind Apple und Google noch nicht. Wie das erste Falt-iPhone von Apple besteht auch das Pixel Fold bisher nur aus Gerüchten, Leaks und Wunschträumen der Fans der Marken – Erfüllung in beiden Fällen noch völlig unklar.

Google kommt trotzdem eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Foldables zu, der Software wegen. Gut zehn Jahre nach Android 3.0 Honeycomb schrauben die Google-Entwickler wieder an einer eigenen Version des Betriebssystems für Geräte mit großen Bildschirmen. Android 12L ist explizit für Tablets und Foldables gedacht und soll dafür sorgen, dass der Platz auf den großen Displays ausgenutzt wird, etwa mit verbessertem Multitasking und anderer Aufteilung der Bildschirminhalte. Eine erste Beta für Entwickler gibt es bereits, einen festen Termin für den Startschuss noch nicht. Mit einer eigens angepassten Android-Version als Unterbau dürften auch die Oberflächen, die die Hersteller über das System stülpen, mehr aus dem Faltformat herausholen können. Das wird den Foldable-Stammbaum weiter wachsen lassen.

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(sht)