Flügelchenstürmer: Ducati Streetfighter V4 S im Test

Das stärkste Naked Bike auf dem Markt irritiert mit seitlichen Flügelchen und überzeugt mit problemlosem Fahrverhalten. Der infernalische Krach aber nervt.

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Ducati Streetfighter V4 S Fahrbericht
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  • iga
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Ducatis neue Streetfighter V4 S ist das stärkste Naked Bike auf dem Markt. Ihr Design ist gelungen, abgesehen von vier seitlich abstehenden Flügelchen. Sie fährt sich trotz der brachialen Leistung erstaunlich problemlos. Fahrer und Umgebung indes leiden unter ihrer infernalischen Lautstärke.

Kawasaki hat mit der Kompressor-Z H2 (200 PS) mächtig vorgelegt, KTM protzt mit der 1290 Super Duke R (180 PS), selbst BMW drehte Ducati mit der S 1000 R (165 PS) eine lange Nase. Am schlimmsten aber muss Ducati die italienische Rivalin Aprilia Tuono V4 1100 (175 PS) geärgert haben, ein potentes Naked Bike, das die eigene Monster 1200 mit „nur“ 147 PS leistungsmäßig locker abhängt.

So griff Ducati zum kräftigsten Antrieb, den sie hatten, dem 1103-cm3-V4 aus dem Superbike Panigale V4 S (Test) und pflanzte ihn in ein Naked Bike. Die Spitzenleistung des Motors wurde leicht reduziert, zum Ausgleich die Übersetzung gekürzt. Das Ergebnis ist die neue Streetfighter V4 mit 208 PS und 123 Nm Drehmoment bei nur 180 Kilogramm Trockengewicht. Die Verhältnisse sind damit aus Ducati-Sicht wieder zurechtgerückt. Wichtig war den Entwicklern offenbar auch, dass man der Streetfighter V4 ihre Kraft direkt ansehen musste. Vorn ist sie niedrig, in der Mitte bullig, hinten ragt das knappe Heck in die Höhe – die Linienführung eines zum Sprung geduckten Raubtiers.

Ducati Streetfighter V4 S Fahrbericht (18 Bilder)

Ducati stellt mit der Streetfighter V4 das zurzeit stärkste Naked Bike auf dem Markt. Es erhielt den 1100er-Motor aus dem Superbike Panigale V4.

Die Streetfighter V4 besitzt einen Rahmen aus Aluminium – im Gegensatz zur Panigale, die ein Monocoque hat – und der Motor wird als tragendes Element integriert. Am Heck ist ein Stahlrahmen für den Sitz und das winzige Soziuspolster angeschraubt, auf das sich wohl nur selten ein Passagier verirren dürfte. Bei der kleinen Frontmaske mit den LED-Scheinwerfern haben sich die Ducati-Designer nach eigener Angabe vom Gesicht der Comic-Figur Joker inspirieren lassen. Über den Lampen sitzt außerdem ein V-förmiges Tagfahrlicht, im verspielten Heck umrahmt das LED-Rücklicht zwei Öffnungen.

Einzig die Winglets – wie sie in der MotoGP in Mode sind – wollen nicht so recht zum ansonsten sehr attraktiven Design des Naked Bikes passen. Die vier Flügel sollen bei hohen Geschwindigkeiten den Anpressdruck verbessern, bei Topspeed sind es angeblich 28 Kilogramm Abtrieb. Zusätzlich sollen sie die Durchströmung von Wasser- und Ölkühler mit Fahrtwind geringfügig erhöhen. Ob die Flügel wirklich nötig sind, könnte man nur herausfinden, indem man sie demontiert, doch damit würde die ABE erlöschen.

Wir hatten das Glück, von Ducati die V4 S gestellt zu bekommen. Sie zeichnet sich im Vergleich zur Basis-Version durch ein semi-aktives Öhlins-Fahrwerk – vorne die Upside-down-Gabel NIX30 und hinten das Federbein TTX36 – und einen Öhlins-Lenkungsdämpfer sowie leichte Aluminium-Schmiederäder von Marchesini aus. Ihr Leergewicht beträgt laut Ducati nur 199 Kilogramm. Wir haben mit vollem Tank 208 Kilogramm gemessen, was immerhin ein Leistungsgewicht von 1 PS pro Kilogramm ergibt.

Schon beim ersten Aufsitzen fällt mir die nicht gerade niedrige Sitzhöhe von 845 mm auf. Zum Glück läuft der Sitz nach vorne schmal aus, was einen guten Kniekontakt zum Tank gewährt und auch den Bodenkontakt erleichtert. Unerwartet weit muss ich mich nach vorn beugen, um den flachen, breiten Lenker zu greifen. Schon die Sitzposition macht klar, dass die Streetfighter nicht zum bummeln gebaut wurde, denn so kann ich mehr Gewicht auf das Vorderrad bringen und auch dem Winddruck während der Fahrt besser standhalten. Der Radstand ist mit 1488 Millimeter um 24 Millimeter länger als bei der Panigale, was einen stabilen Geradeauslauf verspricht.