Flügelchenstürmer: Ducati Streetfighter V4 S im Test

Fahrdynamik im Detail regelbar

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Die Streetfighter V4 S hat sich dem Keyless-Trend noch nicht angeschlossen und so muss ganz traditionell der Zündschlüssel gedreht werden. Das fünf Zoll große TFT-Display präsentiert mir jede Menge Information. In Anbetracht der gewaltigen Power wähle ich vorsichtshalber zunächst den „Street“-Modus aus, „Sport“ und „Race“ müssen noch warten. In den drei Modi sind die Parameter Kurven-ABS „Cornering EVO“, Traction Control EVO 2 (DTC), Slide Control (DSC), Wheelie Control (DWC), Power Launch (DPL), Quick Shifter EVO 2 (DQS), Engine Brake Control EVO (EBC) und Electronic Suspension EVO (DES) in jeweils unterschiedlichen Stufen vorgegeben. Es besteht zudem die Möglichkeit, die einzelnen Parameter in mehreren Stufen zu verändern. Zur Vorwarnung: Die Reduzierung der elektronischen Eingriffe sollte mit Bedacht und in kleinen Schritten vollzogen werden, denn die 208 PS zerren wie ein wütender Mastiff an der Kette.

Der brachiale V4-Motor „Desmosedici Stradale“ wurde entwickelt, damit die Panigale endlich wieder den Superbike-WM-Titel nach Bologna holt. Es gibt ihn als Homologations-Modell Panigale R mit 998 cm3, aber auch als 1100er, der auch in der Streetfighter zum Einsatz kommt. Der kurzhubige 90°-V4 mit einem Bohrung-Hub-Verhältnis von 81 Millimeter mal 53,3 Millimeter hat eine rückwärts drehende Kurbelwelle, eine Verdichtung von 14,0:1 und einen „Twin Pulse“-Hubzapfenversatz von 70 Grad. Damit resultiert ein ungleichmäßiger Zündversatz von 200°-90°-340°-90° anstelle der 90°-270°-90°-270° eines herkömmlichen V4. Die ungleichförmigere Kraftabgabe soll wie durch die Crossplane-Kurbelwellen der Reihenvierer den Rennfahrern ein kontrolliertes Driften durch Gaseinsatz erleichtern oder die Reifenhysterese verbessern.

Ducati Streetfighter V4 S Fahrbericht (18 Bilder)

Ducati stellt mit der Streetfighter V4 das zurzeit stärkste Naked Bike auf dem Markt. Es erhielt den 1100er-Motor aus dem Superbike Panigale V4.

Nach dem Druck auf den E-Starter hat man Angst, dass wütende Anwohner aus ihren Häusern stürzen. Eine infernalische Lärm-Attacke entfleucht dem Brüll-Rohr, die Streetfighter V4 hat tatsächlich 106 Dezibel eingetragen bekommen. Das ist für den Fahrer peinlich und für die Umgebung mehr als nervig. In Zeiten von drohenden Streckensperrungen für Motorräder ist das genau das falsche Zeichen.

Die hydraulische Kupplung lässt sich butterweich bedienen, erster Gang rein und schnell weg hier, bevor Passanten mich lynchen. Ich bin erstaunt, wie problemlos der Rennmotor sich in der Innenstadt bewegen lässt. Seine Herkunft aus dem Motorsport verleugnet der Antrieb nicht, er wird aber durch eine ausgereifte Elektronik gezähmt. Den Entwicklern gebührt Riesen-Respekt, denn der V4 dreht blitzschnell bis an den roten Bereich von 14.500/min, kann aber auch lammfromm im sechsten Gang mit Tempo 50 durch die City chauffiert werden, ohne dass er bockt wie ein Mustang beim Rodeo. Auffallend ist, dass bei konstant Tempo 50 schlagartig Ruhe einkehrt und erst bei drei km/h darüber der V4 wieder die Klappen im Auspuff öffnet und erneut losbrüllt.

Auf kurvigen Landstraßen entfaltet die Ducati ihre ganze Brillanz. Es gibt zurzeit wohl kaum einen anderen Motor der so vehement antritt – im Vergleich zur Panigale wurde die Streetfighter kürzer übersetzt – und bei dem der Fahrer dennoch stets die Kontrolle behält. Selbst im „Sport“-Modus bleibt die Ducati absolut beherrschbar, lässt sich exakt in die Kurve einlenken, hält präzise die Linie und stürmt auf die nächste Gerade, ohne auch nur mit dem Lenker zu zucken. Die Pirelli Diablo Rosso Corsa II-Reifen kleben nach einer gewissen Warmlaufphase vorzüglich am Asphalt. Hinten bietet ein ultrabreiter 200er-Pneu eine Menge Auflagefläche, um die geballte Kraft auf die Straße zu übertragen. Die Brembo-Stylema-Bremszangen setzen momentan so ziemlich die Benchmark und funktionieren einfach fabelhaft. Sie bieten einen glasklaren Druckpunkt, verbeißen sich vehement in die beiden 330 mm großen Bremsscheiben und verzögern brachial. Je nach Einstellungsstufe des ABS hebt da schon mal das Hinterrad vom Boden ab.