Genesis GV60: Teures Elektro-SUV mit feiner Auskleidung im Fahrbericht

Mit dem Genesis GV60 bringt der Hyundai-Konzern den nobelsten Vertreter seiner E-Plattform auf den Markt. Wie fährt sich das E-SUV? Eine erste Ausfahrt.

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Genesis GV60
Von
  • Martin Franz

Genesis tritt nicht an, um auf dem Massenmarkt mitzuspielen. Die Marke gehört zum Hyundai-Konzern und soll Kunden abholen, für die ein besonders niedriger Preis nachrangig ist. Mit etwas Geschick lässt sich mit einer solchen Ausrichtung gutes Geld verdienen, sofern der Hersteller unter einer veredelten Oberfläche Technik einer Plattform nutzt, die er in seinem Sortiment breit verteilt. Der Hyundai-Konzern macht davon umfangreich Gebrauch, denn die technische Basis teilt sich der Genesis GV60 Sport plus mit dem Hyundai Ioniq 5 (Test) und dem Kia EV6 (Test). Wo hebt er sich ab? Eine erste Ausfahrt.

Optisch unterscheiden sich die drei Modelle beträchtlich, wobei der teuerste Vertreter mit 4,51 m der kürzeste ist. Das Platzangebot ist dennoch gut. Schon beim Einstieg wird überdeutlich, womit Hyundai seine Nobelmarke Genesis vom Rest abgrenzen möchte: Die Koreaner veranstalten gewissermaßen eine Materialschlacht, denn der GV60 ist innen außergewöhnlich fein ausgekleidet. Alles wirkt derart edel, dass ein Audi Q4 im Vergleich regelrecht margenoptimiert erscheint. Deutsche Hersteller waren einst führend darin, etwas an der Oberfläche hochwertig wirken zu lassen. Marken wie Volvo und Genesis zeigen in diesem Bereich inzwischen eine Noblesse, die der Volkswagen-Konzern nicht mehr bietet.

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Das Armaturenbrett ähnelt mit seinem Aufbau dem einiger Neuerscheinungen. Es gibt tatsächlich eine Art Brett, in dem zwei große Displays untergebracht sind. Die Bedienung gelingt weitgehend intuitiv, was keine Selbstverständlichkeit ist. Schade nur, dass auch hier die Sprachsteuerung nicht auf dem Niveau arbeitet, das man für sehr viel Geld bei Mercedes seit 2018 kaufen kann. Enttäuschend zudem auch, dass sich Android Auto und Apple CarPlay nicht kabellos einbinden lassen.

Genesis GV60 (7 Bilder)

Der alte Begriff Armaturenbrett bekommt zunehmend wieder eine reale Umsetzung - so auch im Genesis GV60.

Ein mit 1460 Euro vergleichsweise teures Extra ist der digitale Ersatz der Außenspiegel durch Kameras und Bildschirme in den Türen. Diese erste Ausfahrt fand bei Tageslicht statt. Nach den Erfahrungen meines Kollegen Clemens Gleich aus dem Honda e mit einem solchen System würden wir jedoch dringend empfehlen, das im Genesis bei Dämmerung und Dunkelheit einmal auszuprobieren. Immerhin hat der Käufer im GV60 ja die Wahl, sich das Geld zu sparen.

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Technisch gibt es auf den ersten Blick kaum Unterschiede zu Ioniq 5 und EV6 – kein Wunder, denn der Genesis GV60 verwendet die gleiche "Electric-Global Modular Platform". Die Spannungsebene liegt auch hier bei 800 Volt, was ein außergewöhnlich hohes Ladetempo möglich macht. Die 77-kWh-Batterie ist schnell gefüllt, sofern die Bedingungen mitspielen. Dazu gehört die Vorklimatisierung der Batterie und natürlich die entsprechend ausgestattete Ladeinfrastruktur. Dann sind Ladeleistungen von mehr als 200 kW in der Spitze möglich. Auch hier werden 18 Minuten für die Aufladung von 10 auf 80 Prozent versprochen.

Zwei Antriebskonfigurationen bietet Genesis im GV60 vorerst an. Der E-Motor an der Hinterachse leistet stets bis zu 160 kW, die Skalierung der Leistung erfolgt über den Antrieb an der Vorderachse. Im Basismodell liegen dort bis zu 74 kW an, in der Sport-Plus-Version 160 kW. In der stärkeren Variante kann der Fahrer für zehn Sekunden auf eine zusätzliche Boost-Leistung von insgesamt 40 kW zurückgreifen – dann liegen jene 360 kW an, mit denen Genesis in der Preisliste wirbt.

Leer wiegt der GV60 Sport plus schon 2145 kg. Trotzdem sind die Fahrleistungen weit mehr als nur agil. Genesis verspricht vier Sekunden für den Sprint auf Tempo 100. Um das einmal ins Verhältnis zu setzen: Damit spielt das Spitzenmodell des GV60 in der Liga des BMW M4 mit Schaltgetriebe. Erst bei 235 km/h ist Schluss. Den realen Fahreindruck beschreiben diese Daten dennoch nur unvollständig. Es steht in praktisch jeder Situation sofort viel mehr Kraft zu Verfügung, als sich mit einem Funken Verantwortungsgefühl im normalen Straßenverkehr nutzen lässt. Ob nun Überholvorgänge oder das Einfädeln auf eine Autobahn: Das schwere SUV absolviert das bestechend leicht.

Genesis GV60 (8 Bilder)

Der Genesis GV60 tritt im eng besetzten Segment der ...

Der Norm-Verbrauch beläuft sich auf 19,1 kWh/100 km, wir kamen bei dieser ersten Ausfahrt laut Bordcomputer auf 19,6 kWh. Bei dieser Rechnung fehlen noch die Ladeverluste, die der Nutzer ja mit bezahlen muss. Dabei kommt es auch auf den Weg der Aufladung an: Über eine 230-Volt-Steckdose sind die Verluste höher als über eine Wallbox oder die öffentliche Ladeinfrastruktur. Genesis nennt eine Reichweite von 466 km. Weil die Frage immer mal wieder aufkommt: Nein, Energiegehalt der Batterie, Verbrauch und Reichweite hängen bei der Ermittlung der WLTP-Werte nicht linear zusammen. Warum das so ist, haben wir in diesem Artikel beleuchtet.

Trotz der potenziell rasanten Fahrleistungen hat Genesis darauf verzichtet, mit einem übermäßig straffen Fahrwerk Dynamik vorzutäuschen. Der Testwagen war mit 21-Zoll-Rädern ausgestattet. Das optional adaptive Fahrwerk verarbeitet selbst im Sport-Programm unebene Fahrbahnoberflächen souverän, ohne lästiges Nachwippen und weitgehend frei von Härte. Bei Bedarf wird die kurvenäußere Seitenwange der Rücklehne aufgeblasen, um den Seitenhalt der Fahrsituation anzupassen, ohne den Komfort zu beeinträchtigen – das kannten wir bislang nur von sündhaft teuren Sesseln in BMW und Mercedes.

Der Genesis GV60 ist ein hervorragend verarbeitetes, luxuriös ausgekleidetes und sauschnelles Kompakt-E-SUV, welches der Hersteller unter dem Label einer selbsternannten Nobelmarke verkauft. Sie werden es schon ahnen: Ein neuer Preisbrecher kommt hier nicht auf den Markt. Für das Basismodell mit 234 kW sind schon mindestens 56.370 Euro fällig, für das von uns gefahrene Spitzenmodell mit 320 kW sind es wenigstens 71.010 Euro. Der mit einigen zusätzlichen Paketen ausgestattete Testwagen kam auf mehr als 84.000 Euro. Nur zur sanften Erinnerung: Wir reden hier über ein SUV, was in etwa so groß ist wie ein VW Tiguan (Test). Den Massenmarkt hat Genesis mit dem GV60 also definitiv nicht im Visier.

(mfz)