Linux-Desktop Gnome 42 im Test

Die Gnome-Version 42 gefällt mit einem systemweiten dunklen Modus, entschlackten Apps und einem neuen Screenshot-Tool. An einigen Stellen hakt es jedoch noch.

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Von
  • Keywan Tonekaboni

Version 42 von Gnome ist vielleicht nicht ganz die Antwort auf die Frage nach Linux, dem Desktop und dem ganzen Rest, aber die Fortschritte im Vergleich zu früheren Versionen sind deutlich sichtbar. Insbesondere der neue, systemweite dunkle Modus sticht hervor. Aktiviert man diesen in den Einstellungen, zeigen Programmfenster helle Schrift auf dunklem Hintergrund.

Der Wechsel des Modus klappte problemlos und ohne Neuanmeldung. Damit Anwendungen diese Systemvorgabe berücksichtigen, müssen Entwickler ihre Programme aber angepasst haben. Das trifft auf praktisch alle aktuellen Gnome-Anwendungen zu. Firefox folgt der Einstellung nicht nur selbst, sondern zeigt auch dafür angepasste Webseiten im dunklen Modus an. Andere Anwendungen wie Inkscape, LibreOffice und VLC ignorieren dagegen die Einstellung.

Im systemweiten dunklen Modus zeigen Programmfenster helle Schrift auf dunklem Hintergrund.

Einen dunklen Modus konnte man bisher nur durch den Wechsel des GTK-Themes ertricksen. Das kann aber je nach App zu Problemen führen, wie dunkle Schrift auf dunklem Hintergrund oder sich beißende App- und Theme-Farben. Neue Schnittstellen in den Grafikbibliotheken GTK 4 und libadwaita erlauben den Entwicklern hingegen, exakt festzulegen, wie ihre Apps im hellen oder dunklen Modus jeweils aussehen sollen. Sie können einen Modus bevorzugen oder vorschreiben und Farben zur Darstellung definieren.

Der Moduswechsel klappt auch mit GTK-3-Anwendungen, die den libadwaita-Vorgänger libhandy ab Version 1.6 oder die Granite-Bibliothek von Elementary OS einbinden.

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Zu den Gnome-Anwendungen, die auf GTK 4 und libadwaita portiert wurden, gehören "Einstellungen", "Festplattenbelegungsanalyse" (Baobab), "Kalender" und "Software". libadwaita beinhaltet die Vorgaben der Gnome Human Interface Guidelines (HIG) als hart kodierte Stylesheets. Das soll die Entwicklung von Gnome-Anwendungen vereinfachen und einheitliche Programmoberflächen nach den HIG-Regeln sicherstellen, erschwert aber auch Anpassungen durch andere Themes. Daher bleiben die von Gnome abgeleiteten Desktops Cosmic (Pop!_OS) und Budgie vorerst bei GTK 3.

Komplett überarbeitet wurde die Bildschirmfoto-Funktion. Per Druck-Taste öffnet sich nun ein Overlay-Menü, über das man schnell alle Optionen auswählt. Den Rahmen für ein Bereichsfoto kann man verschieben und in der Größe anpassen, bis das Motiv passt. Mit Tastenkürzeln wechseln Vielfotografierer schnell zwischen Auswahl (S), Fenster (W) und gesamtem Bildschirm (C) und blenden den Mauszeiger ein oder aus (P). Außerdem nimmt das neue Tool auch Videos auf (Tastenkürzel V), wahlweise vom ganzen Bildschirm oder nur von einem Bereich.

Das neue Screenshot-Tool nimmt neben Bildschirmfotos auch Screencasts auf.

Die fertigen Aufnahmen speichert Gnome 42 automatisch im Home-Verzeichnis. Bilder kopiert es zusätzlich in die Zwischenablage. Wer ohne Rückfrage ein Bildschirmfoto aufnehmen will, kann die Tastenkombination Umschalt+Drucken oder Alt+Drucken nutzen.

Zwei neue Apps lösen bei Gnome 42 altbewährte Programme als Standardanwendungen ab: "Console" ist ein einfacher Terminal-Editor, der im Unterschied zum alten Gnome-Terminal ohne Einstellungen auskommt. Dafür glänzt Console mit sinnvollen Vorgaben: Wird man Root, etwa per sudo, färbt Console seine Titelleiste automatisch Rot. Verbindet man sich per SSH, erscheint sie in Lila. Zusätzlich zeigen Symbole an, hinter welchem Tab sich eine Root-Shell oder SSH-Verbindung befindet. Außerdem beherrscht Console einen permanent dunklen und einen hellen Modus oder folgt der Systemvorgabe.

Console färbt die Fensterleiste rot, wenn man als Root arbeitet.

Der "Texteditor" wirkt wie eine aufgeräumte Version des alten Editors Gedit, ist aber eine Neuentwicklung. Das Menü enthält nur das Nötigste und die Einstellungen sind deutlich übersichtlicher als bei Gedit. So sieht man in kleinen Piktogrammen, welche Farben die unterschiedlichen Schemata für den Syntax-Hervorhebungsmodus nutzen. Die Farbschemata passen sich außerdem automatisch an den hellen und den dunklen Modus an.

Manche Einstellungen wie Zeilennummern, Rechtschreibprüfung oder Textumbruch aktiviert man über ein zusätzliches Anzeigemenü. Was fehlt, ist die Plug-in-Schnittstelle von Gedit. Da die Entwicklung von Gedit aber seit Langem vor sich hindümpelt, ist dieser Neustart mit frischer Codebasis trotzdem begrüßenswert.

Die Einstellungen im neuen Texteditor sind übersichtlich. Man erkennt auf einem Blick, welche Farben das Syntax-Highlighting verwendet.

Der integrierte Remote-Desktop-Server nutzt jetzt als Protokoll RDP anstelle von VNC. Kurioserweise konnten wir uns weder mit Gnomes eigenem RDP-Client "Verbindungen" noch mit Remmina an unserem Gnome-42-Testsystem anmelden, während es über die Remotedesktopverbindung von Windows 11 klaglos funktionierte. Mit xfreerdp gelang es dann doch auch unter Linux.

Daneben bringt Gnome 42 viele Detailverbesserungen. Im Dateimanager Nautilus wurden Adressleiste und Icons überarbeitet. Der Medienplayer "Videos" kann mittels OpenGL hardwarebeschleunigt Filme dekodieren und die Virtualisierungssoftware "Boxen" nun VMs auch mit UEFI-Firmware anlegen.

Gnome 42 zeigt, wie Anwendungen von GTK 4 und libadwaita profitieren. Das sieht man unter anderem an der schlanken, aber pfiffigen Bedienoberfläche von Console und dem geschmeidigen Wechsel zwischen hellem und dunklen Modus. Ärgerlich nur, dass dieser bei vielen wichtigen Programmen wie Inkscape und LibreOffice nicht klappt. Das Beispiel Bildschirmfreigabe zeigt, dass manche neue Funktionen noch nicht fehlerfrei funktionieren. Insgesamt macht es aber Spaß, mit Gnome 42 zu arbeiten.

Wer Gnome 42 ausprobieren will, kann auf Gnome OS zurückgreifen. Alternativ bieten sich Arch Linux, openSUSE Tumbleweed und die Beta von Fedora 36 an, die zu Redaktionsschluss bereits Gnome 42 enthielten.

Mehr Infos

Gnome 42

Linux- und Unix-Desktopumgebung
Hersteller, URL Gnome Foundation, https://www.gnome.org
Preis kostenlos (Open Source)
c't Ausgabe 11/2022

(Bild: 

c't 11/22

)

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(ktn)