”Midnight Protocol” angespielt: Der Geist in der Maschine

Originell und knifflig: Das Hackerrollenspiel ”Midnight Protocol” von den LuGus Studios überzeugt mit cleveren Ideen und einer ungewöhnlichen Steuerung.

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(Bild: Iceberg Interactive)

Von
  • Andreas Müller

Hacker sind geheimnisvolle Wesen. Sie werkeln im Dunkeln mit Hoodie oder sind transhumanistische Technik-Nerds, die sich in der Cyberpunk-Literatur auch gerne mal ein Kabel ins Gehirn stöpseln. Das Hacker-Rollenspiel ”Midnight Protocol” verzichtet weitgehend auf diese Klischees und schickt die Spieler und Spielerinnen auf eine Rache-Mission ins Netz.

Data ist auf Rache aus. Der Hacker oder die Hackerin – wir erfahren nie, wer die Person ist – kommt frisch aus dem Knast und will die Leute jagen, die ihr das eingebrockt haben. Sie baut ihr altes Netzwerk auf und legt los: Konten knacken, Daten verschwinden lassen. Dummerweise gerät sie deshalb schnell in den Fokus größerer Organisationen, die den Spieß umdrehen. Data wird zur Gejagten.

"Midnight Protocol" angespielt (5 Bilder)

Originell und spannend. ”Midnight Protocol” überrascht als cleverer Genremix.
(Bild: heise online)

Entwickler LuGus setzt Spieler und Spielerinnen wortwörtlich hinter den Bildschirm. Ähnlich wie in dem preisgekrönten Indie-Hit ”Orwell”, ”Shenzhen I/O” und "Hacknet" geschieht alles auf dem Bildschirm des Computers und wird zusätzlich komplett mit der Tastatur gesteuert. Echte Programmierkenntnisse braucht aber niemand. Stattdessen geben Spieler und Spielerinnen einfache Befehle wie ”move” oder ”decrypt” ein, die bei Bedarf auch automatisch vervollständigt werden.

Im Spiel sucht Data in ihren Mails nach neuen Aufträgen, durchstöbert das Darknet nach wichtigen Informationen oder gönnt sich eine Ruhepause mit Minispielen wie Hacker Chess. Am Ende gibt es Credits und Reputationspunkte. Manchmal muss sich Data auch zwischen zwei Aufträgen entscheiden. Das hat Auswirkungen auf die Auftragslage und ihr Ansehen bei den drei Fraktionen in der Community – von den Moralaposteln der ”White Hats” über die diffusen ”Grey Hats” bis hin zu den kriminellen ”Black Hats”.

Trailer zu "Midnight Protocol"
(Quelle: iceberg interactive)

In den Missionen schaltet das Spiel in eine abstrakte isometrische Darstellung der Computerwelt, die ein wenig an ”Tron” erinnert. Als Geist in der Maschine macht sich Data von einem Datenknotenpunkt auf zum nächsten, liefert sich Verfolgungsjagden mit Sicherheitsprogrammen und plündert Bankkonten. Das alles geschieht rundenweise und sorgt manchmal für ein bisschen Grübelei: Welchen Weg nehme ich? Soll ich die Firewall zerstören und die Sicherheitssysteme alarmieren oder lieber einen heimlichen Umweg suchen? Pro Runde hat Data nur zwei Versuche. Mit jeder Runde füllt sich der Alarmbalken der Verteidigungssysteme, vorausgesetzt Data versteckt sich nicht hinter einer sogenannten Cloud. Ist der Balken voll, muss sie schnell verschwinden.

Um sich ihr Leben leichter zu machen, kann Data auf dem Schwarzmarkt Soft- und Hardware kaufen. ”Dagger” zerstören Firewalls, Programme wie ”Leech” plündern Konten dauerhaft aus und mit einem ”Tunnel” kann Data Gefahren umgehen. Allerdings kann sie nur eine begrenzte Anzahl dieser Programme ausrüsten. Wie bei einem Kartenspiel muss sie deshalb vor jeder Mission genau überlegen, welche sie mitnimmt. In der Praxis führt das zu einem Mix aus Rundentaktik- und Knobelspiel. Oft wird Data mehrere Versuche brauchen, um die richtige Taktik zu entdecken. Witzig: Auf manchen Servern herrscht eine hohe Latenz. Dann muss Data vorausplanen und gleich mehrere Befehle eingeben, die erst mit dem nächsten Zug ausgeführt werden. Nicht nur dadurch wird ”Midnight Protocol” zu einer spannenden und originellen Überraschung.

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”Midnight Protocol” ist ein origineller Genre-Mix aus Rollen-, Karten- und Knobelspiel, der durch seine ungewöhnliche Perspektive und seine Steuerung für Abwechslung sorgt. Das auf den ersten Blick abstrakt wirkende Spiel entwickelt eine Sogwirkung, der wir uns in unseren Anspielstunden kaum entziehen konnten. Da stört es auch wenig, dass manche Missionen erst mit ein wenig Trial&Error gelöst werden können. Es macht trotzdem großen Spaß, wenn ein ausgeklügelter Plan aufgeht oder wir uns im letzten Moment aus dem Netzwerk retten können. Das entspricht zwar nicht unbedingt dem "echten" Hacker-Alltag, sorgt aber für einige spannende Stunden auf den heimischen Bildschirmen.

(dahe)