Motorrad-Navi Garmin Zumo XT – braucht es das?

Der Zumo XT setzt als Zumo 595-Nachfolger die motorradspezifische Reihe von Garmin fort. Funktioniert meist gut, in der Praxis aber leider oft etwas hakelig.

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Höhere Auflösung, hellere Hintergrundbeleuchtung, Bugs in Serie: Das Garmin Zumo XT am Krad.

(Bild: Handschuher)

Von
  • Manfred Handschuher
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Es gibt dedizierte Motorradrouten-Smartphone-Apps, die den Bruchteil eines reinen Motorrad-Navis kosten und zumindest in den Augen ihrer Anwender ebenfalls ihren Zweck erfüllen oder sogar einige Dinge besser können. Wo liegen die Unterschiede und was spricht für ein richtiges Navi oder aber eine passende App für ein Smartphone?

Für die Smartphone-Verwendung spricht einmal, dass praktisch jeder eins hat und nicht extra Geld dafür ausgeben muss. Passende Apps gibt’s in der Regel für ‘nen Appel und ein Ei und das Problem mit der Wasserdichtigkeit ist bei vielen – meist allerdings höherpreisigen – Modellen auch gelöst. Ohne Bordstromanschluss macht allerdings der Akku relativ schnell die Grätsche, weil der GPS-Empfänger im Betrieb anständig Strom frisst. Bei Tagestouren über 8 Stunden wird es ohne Bordstrom bei den meisten Geräten sehr eng.

Das Thema "Stromanschluss" fällt zusammen mit der passenden Halterung. Da gibt es inzwischen auch vielfältige Lösungen, angefangen von Halterungen, in die das Smartphone direkt eingeklinkt werden, bis zu Hüllen, die das Smartphone komplett umschließen (das Smartphone dann aber nur noch erschwert bedienbar machen). Eine Bordstromversorgung erfordert aber meist ein Kabel und damit beginnt eine Smartphone-Lösung kritisch zu werden. Bekanntermaßen sind die Vibrationen auf einem motorisierten Zweirad nicht unerheblich. Ein eingestecktes USB-Kabel hat eine gewisse Eigenmasse und belastet durch die Vibrationen die Buchsen der Smartphones, was schnell zu einem Totalschaden des Geräts führen kann. Aber nicht nur der Stromanschluss ist eine Schwachstelle; neuerdings gibt es Berichte über defekte Kameras, weil die Bildstabilisierungstechnik die herben Vibrationen nicht einfach so wegsteckt.

In Sachen Routenplanung dagegen hat sich bei den Apps so viel getan, dass sie häufig mit weniger Aufwand bessere Routen generieren als Motorrad-Navis. Von A nach B routen kann jede App, und im Prinzip tut es dafür auch Google Maps. Motorradfahrer haben aber andere Anforderungen. Sie wollen selten über die Autobahn fahren und sind in der Regel auf der Suche nach interessanten, kurvenreichen Nebenstraßen. Das können sowohl Apps als auch Motorrad-Navis, doch Apps können es mittlerweile im direkten Vergleich probiert besser. Die App Calimoto geht den Weg der einfachen Bedienung: Selbst auf dem Smartphone gelingt es, bei einem kurzen Stopp ad hoc eine interessante Route zur Weiterfahrt festzulegen – in erstaunlich kurzer Zeit. Für mich führt jedoch – speziell bei mehrtägigen Ausflügen oder Urlaubsreisen – an einer Routenplanung am PC kein Weg vorbei.

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Womit wir dann beim Thema wären, dem dedizierten Motorrad-Navigationssystem Garmin Zumo XT. Zunächst bietet die Firma Garmin als Alleinstellungsmerkmal mit dem dazugehörigen Software Paket "Basecamp" eine Routenplanung am PC und das mit dem identischen Kartenmaterial wie auf dem Navi. Sprich auf dem Navi landen die geplanten Routen – mit etwas Feintuning – in aller Regel genau so, wie man sie am PC geplant hat. Für mich ist das essentiell, zumal ich Routen auch mit Hilfe von Generalkarten akribisch plane.

Garmin Zumo XT (17 Bilder)

Garmins neues Zumo XT glänzt mit schnellem Prozessor und tollem Bildschirm, nervt aber auch mit alten Bugs.

Der Zumo XT setzt als Nachfolger des Zumo 595 die motorradspezifische Zumo-Reihe der Garmin-Navis fort. In Gewicht und vor allem Ausmaßen ordentlich abgespeckt ist es inzwischen ziemlich schlank. Selbstverständlich ist es wie die Vorgänger auch wasserdicht (Schutzklasse IPX7) und sogar nach einem Falltest des US-Militärstandards MIL-STD-810 zertifziert.

Der wichtigste Unterschied zum Zumo 595 ist wohl das Display. Zum einen wurde die Auflösung von 800 x 480 Pixeln auf 1280 x 720 erhöht, was zwar immer noch weit von heutigen Smartphone-Auflösungen entfernt ist, aber für den Einsatzzweck völlig ausreicht. Optisch ist die höhere Auflösung ein großer Schritt nach vorne, vor allem bei näherer Betrachtung bei Eingaben. Viel wichtiger jedoch ist, dass der Zumo XT jetzt ein wirklich helles Display hat.

Beim 595er war das Display leider zu finster, wie mir auch etliche Motorradfahrerkollegen bestätig haben. Garmin wollte beim Display von Zumo 590 und 595 alles gleichzeitig: helle Hintergrundbeleuchtung für ein klares Weiß, resistiver Touchscreen und als einziger Anbieter am Markt ein transflexives Display obendrein. Die Zielkonflikte führten jedoch dazu, dass dieses Display selten besser war als ein helles TFT und meistens schlechter. Also jetzt wieder ein TFT mit heller Hintergrundbeleuchtung.

Man darf sich allerdings auch von der nominellen Vervierfachung der Helligkeit (von ca. 250 cd/m² auf ca. 1000 cd/m²) nicht täuschen lassen: Scheint die pralle Sonne in einem ungünstigen Winkel auf das Display ist auch hier nichts mehr zu erkennen. Dafür bräuchte es ein richtiges transflexives Display, wie es zum Beispiel die Outdoor-Geräte von Garmin (Oregon, Montana, GPSmap) bieten. Bei denen kann man tagsüber die Beleuchtung komplett abschalten und sieht dabei dann trotzdem umso besser, je heller die Sonne scheint (siehe Beispiel Bilderstrecke). Die kompromissbehaftete transflexive Lösung des 595 ist in Sachen Lesbarkeit mit denen der Outdoor-Geräte leider in keinster Weise zu vergleichen.

Einschränkend ist allerdings zu bemerken, dass der Montana mit Touchscreen nur eine Auflösung von 480 x 272 Pixeln hat, der GPSmap 276Cx zwar 800 x 480, dafür aber keinen Touchscreen. Warum Garmin mit der hauseigenen Expertise kein derartiges transflexives Motorrad-Navi-Display anbietet, weiß ich nicht. Wahrscheinlich sprechen technische oder gar modische Gründe dagegen. Das dem Smartphone-Nutzer gewohnte klare Weiß einer hellen Hintergrundbeleuchtung ist damit ja beispielsweise nicht möglich.

Wie beim Smartphone ist der Akku vom Besitzer nicht wechselbar. Die Motorradhalterung sieht mit der einfach gestalteten Verriegelung alles andere als vertrauenerweckend aus. Wer schon mal wie ich unterwegs ein Navi verloren hat, wünscht sich dringend eine zusätzliche Sicherung, und wenn die nur aus einer Sicherungs-Öse besteht, durch die man ein Bändsel ziehen und dieses dann mit einem Karabiner am Motorrad befestigen kann.

Wenigstens der Stromanschluss ist einfach zu bewerkstelligen, umfasst er doch nur zwei Drähte und nicht wie bei einigen anderen Modellen noch komplette Kabelbäume mit Audio-Anschluss und Pipapo. Ein Manko stellt nur die Kabellänge dar. Der Spannungswandler nahe den offenen Enden verhindert eine einfache Kürzung des Kabels im Bedarfsfall.

Neben der Motorradhalterung liefert Garmin für den Zumo XT auch eine Autohalterung mit (Saugnapf), die leider alles andere als praxisgerecht ist. Und zwar deswegen, weil sie keine Kontakte für die Stromversorgung des Zumo hat. Stattdessen muss man jedes Mal einen Mini-USB-Stecker an der Rückseite ein- und nach Gebrauch auch wieder ausstecken. Das konntet ihr schon einmal besser, Garmin.

Positiv anzumerken ist die Geschwindigkeit des Prozessors, die für eine schnelle Routen(neu)berechnung sorgt. Auch der Touchscreen reagiert schnell auf übliche Fingergesten. Letzteres geht kaum mit Handschuhen, aber das XT lässt sich auch mit behandschuhten Fingern gut bedienen und das nicht nur im trockenen Zustand, sondern auch bei Regen.