Steam Deck ausprobiert: Mobiles Zocken (nur) für Tüftler

PC-Gaming zum Mitnehmen: Das Steam Deck macht’s möglich. Doch die erste Version verlangt Toleranz für Software-Macken und Bereitschaft zum Experimentieren.

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(Bild: heise online)

Von
  • Daniel Herbig

Mit dem Steam Deck will Valve eine neue, tragbare Generation des PC-Spielens einläuten. Längst kann man spieletaugliche Laptops kaufen, und auf Handys und Tablets lassen sich Spiele aus der Cloud streamen. Doch keine bisherige Lösung bringt Mobilität, Auswahl und Leistung in so ein maßgeschneidertes Gaming-Gesamtpaket wie Valves Steam Deck, das in diesen Wochen die ersten Käuferinnen und Käufer erreicht. Doch beim Ausprobieren zeigten sich schnell die Schwachstellen eines Systems, das merklich in den Kinderschuhen steckt.

Die Nickeligkeiten finden sich vorrangig auf Seite des Betriebssystems. Das Steam Deck läuft mit SteamOS, das Valve auf Basis von Archlinux zusammengebastelt hat. SteamOS mutet an wie eine Beta, wichtige Funktionen fallen immer wieder aus. Im Hauptmenü von "Dorfromantik" versagten etwa die Buttons plötzlich den Dienst, was nur durch einen Neustart zu lösen war. Der Touchscreen fühlt sich träge an und reagiert etwas verspätet auf Eingaben, manchmal will er Inputs auch in den Menüs gar nicht mehr registrieren.

Erster Eindruck zum Steam Deck

"The Witcher 3" startete derweil mit falscher Auflösung, weil das Deck noch die Grafikeinstellungen vom PC synchronisiert hatte. Auf dem Deck war daher nur ein kleiner Bildschirmausschnitt zu sehen – unter diesen Umständen durch die Menüs zu navigieren und halb blind die passende Auflösung einzustellen, geriet zum Glücksspiel. Auf solche unnötigen Stolpersteine muss man sich gefasst machen, wenn man die aktuelle Version des Steam Decks nutzen möchte.

Die größten Probleme bekommt das Steam Deck, wenn man es in Verbindung mit einem externen Display nutzen möchte. Manche Menüs sind ohne den Touchscreen nur auf Umwegen zu erreichen, außerdem muss man bei der Auswahl des Dongles genau aufpassen: Das Steam Deck spielt an 4K-Fernsehern immer 4K-Auflösung aus, auch wenn in den Ingame-Einstellungen niedrigere Auflösungen ausgewählt sind. Viele Dongles unterstützen aber 4K nur mit 30 Hertz – entsprechend ruckelig spielen sich die Games dann auf dem Fernseher. Hier hätte eine Einstellung geholfen, mit der man die Ausgabe manuell auf FullHD-Auflösung herunterregeln kann, um flüssigere 60 Hertz nutzen zu können. Ein offizieller Dongle von Valve ist noch in Arbeit. Irgendwann wollte der USB-C-Anschluss des Steam Decks beim Ausprobieren übrigens gar nicht mehr funktionieren, nur mehrfache Neustarts konnten ihn wiederbeleben.

Solche Ungereimtheiten und fehlenden Features kann Valve in den kommenden Wochen und Monaten per Software-Update fixen und nachreichen. Die Hardware-Seite des Steam Decks überzeugt im Gegensatz zur Software weitgehend. Wer sich damit arrangieren kann, PC-Spiele auch bei 30 FPS zu zocken, kann selbst aktuelle Titel auf dem Steam Deck ausführen. "Elden Ring" zum Beispiel lief mit 30 bis 40 Frames auf niedrigen Einstellungen, bei "The Witcher 3" waren sogar annähernd 60 Bilder pro Sekunde drin. Weniger leistungshungrige Titel wie "Dorfromantik" und "Age of Empires: Definitive Edition" liefen dagegen mit wunderhübsch festgezurrten 60 Bildern pro Sekunde.

Steam Deck im Hands-on (15 Bilder)

Im Vergleich zur Nintendo Switch ist das Steam Deck riesig. Es liegt besser in der Hand, braucht aber auch mehr Platz im Rucksack. (Bild: heise online)

Wer das meiste aus anspruchsvolleren Spielen auf dem Steam Deck herausholen will, muss sich durch die Einstellungen wühlen. Früher oder später wird man im Netz Konfigurations-Presets für die bekannteren Spiele finden, die den Feintüftel-Aufwand reduzieren werden. Im Moment muss man aber noch individuell Hand anlegen und mit den Ingame-Settings experimentieren, um den richtigen Kompromiss zwischen Grafik und Bildrate zu finden. Für PC-Spieler ist das nichts Neues. Konsolen-Fans müssen sich damit vielleicht erst noch anfreunden. Wer sich einfach hinsetzen und losspielen möchte, ist beim Steam Deck im Moment an der falschen Adresse. Bei der Konfiguration hilft ein in SteamOS integriertes Tool zur Performance-Analyse namens MangoHud, das man sich jederzeit in verschiedenen Ausführlichkeitsstufen über das Spiel legen kann. So etwas könnte Valve gerne auch in seinen Desktop-Client einbauen.

Der Handheld ist deutlich breiter und wuchtiger als etwa die Nintendo Switch, dadurch liegen die Griffe nach unserem Gefühl viel besser in der Hand – man kann richtig kräftig zupacken. Die Buttons fühlen sich ebenfalls ordentlich an und sind einfach zu erreichen, auch wenn das Steuerkreuz etwas schwammig klickt. Nach kurzer Eingewöhnungszeit kämpften wir uns so reibungslos durch "Elden Ring", als würden wir mit dem Xbox-Gamepad spielen. Gerade die Steuer-Sticks in Standardgröße fühlten sich angenehm vertraut an.

Toll sind die vielfältigen Steuermöglichkeiten: Neben den Standard-Buttons, die man von herkömmlichen Gamepads kennt, hat das Steam Deck auch zwei Trackpads, ein Gyroskop und vier Tasten an der Rückseite, die sich etwas zu leicht versehentlich auslösen lassen. Damit kann man für jedes Spiel einen passenden Steuerungsweg ertüfteln. Nach etwas Übung konnten wir sogar "Age of Empires: Definitive Edition" ganz passabel mit dem rechten Trackpad spielen. Im Zweifelsfall kann man zwar auch einfach Maus und Tastatur einstöpseln, weil das Steam Deck keinen Standfuß hat, muss man es dafür aber auf den Rücken legen.

Einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt das Display: Es löst nur mit 1280 x 800 Pixeln auf, beherrscht keine variablen Bildwiederholraten und basiert auf LC-Technik. Das alles entlockt Spiele-Fans keine Jubelschreie, doch das LCD des Steam Decks hat immerhin Helligkeitsvorteile gegenüber OLED-Bildschirmen. Selbst bei direkter Sonneneinstrahlung konnten wir auf unserem Testmodell – die teuerste Variante mit entspiegeltem Display – noch komfortabel zocken, ohne die Augen zu arg strapazieren zu müssen. Die OLED-Switch wurde unter denselben Lichtbedingungen dagegen unbrauchbar. Dabei sahen auch die Farben auf dem Deck solide aus, das schwarz wirkte angemessen tief. Im Dunkeln macht das Steam Deck eine weniger gute Figur, weil das Licht der Hintergrundbeleuchtung bei dem von uns getesteten Modell ungleichmäßig durchschimmert. Dieses "Backlight Bleeding" ist bei solchen Displays nicht ungewöhnlich, bei unserem Steam Deck aber besonders auffällig.

Ein kurzer Blick durch die Wärmebildkamera: Die Griffe des Decks bleiben auch unter Last kühl, dafür wird der Lüfter recht geräuschvoll.

(Bild: heise online)

Im Vergleich zur Switch ist das Steam Deck ungleich leistungsfähiger. Das hat seinen Preis: Die Innereien wollen gekühlt werden, und das hört man sehr. Beim Spielen wirkt der Lüfter der Hitzeentwicklung mit einem hohen, dünnen Surren entgegen. Unter Volllast haben wir in der schallarmen Kammer 1,7 Sone gemessen – so laut wie eine PS4 Pro, die man in den Händen hält. Zum Vergleich: Playstation 5 und Xbox Series X kamen in unseren Tests unter keinen Umständen über 0,4 Sone. So laut wird das Steam Deck schon, wenn es ein YouTube-Video abspielt.

Der Hitzeentwicklung wird dadurch ordentlich Einhalt geboten. Die warme Luft kann man zwar riechen, aber nicht wirklich fühlen, weil die Griffe des Decks weit von der APU entfernt sind. Am oberen Grill haben wir Höchsttemperaturen von 60 Grad gemessen. CPU und GPU des Steam Deck pendeln sich laut dem integrierten Analysetool beim Zocken knapp unter 80 Grad ein.

"Elden Ring", "Shadow of the Tomb Raider", "Death Stranding", "The Witcher" und "Forza Horizon 5" sind jetzt plötzlich Mobilspiele: Das Steam Deck wirbelt den PC-Spielemarkt mit seinen sonst so monströsen Desktop-Rechnern durcheinander. Grundsätzlich klappt das beim ersten Ausprobieren richtig gut. Es fühlt sich sensationell an, mit einer Handheld-Konsole durch die Spielwelt von Elden Ring zu rennen, um dann mit ein paar Klicks zu Age of Empires zu wechseln. Emulatoren wie Dolphin funktionieren auf dem Deck genauso wie Cloud-Gaming-Dienste und so ziemlich alles andere, was irgendwie mit Videospielen zu tun hat. Diese Flexibilität zu einem aggressiven Preispunkt ab 420 Euro gibt es bei Handheld-Geräten nirgendwo anders.

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Bei der Software muss Valve aber noch gehörig nachbessern. Das Betriebssystem SteamOS offenbart schon nach wenigen Stunden eine Menge Bugs und Fehler, die mal etwas nerven und mal das Weiterspielen komplett verhindern. Auch an der Anbindung an externe Bildschirme muss Valve noch feilen, bevor man das Steam Deck für dieses Einsatzszenario wirklich empfehlen kann. Immer wieder sind wir auf kleinere und größere Hindernisse gestoßen, die uns vom Zocken abhalten wollen. Mit den lauten Lüftergeräuschen muss man sich ebenfalls arrangieren – sie surren selbst in Menüs und beim Videogucken hörbar vor sich hin.

Vor allem muss man sich aber im Klaren sein, was man da kauft: Das Steam Deck ist Valves erster Anlauf eines Handheld-PCs, keine einfach zugängliche Spielkonsole von Routiniers wie Nintendo oder Sony. Wer will, dass Spiele vernünftig laufen, muss beim Steam Deck selbst Hand anlegen, Performance-Metriken prüfen und in den Grafikeinstellungen feinjustieren. Die wachsende Community wird ihren Mitgliedern diese Aufgaben nach und nach mit Erfahrungsberichten und Konfigurationsvorschlägen erleichtern. Doch wer jetzt schon ein Steam Deck kauft, ist Pionier – und sollte sich auf eine Menge Frickelei einstellen.

(dahe)