Surface Pro X (2020): Microsofts ARM-Prozessor SQ2 getestet

Das überarbeitete Windows-on-ARM-Tablet Microsoft Surface Pro X ist seit kurzem erhältlich. c't hat sich dessen neuen SQ2-Prozessor näher angesehen.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 117 Beiträge

Microsoft SQ2 (Screenshot aus Werbevideo)

(Bild: Microsoft)

Von
  • Florian Müssig

Microsoft verkauft sein Windows-on-ARM-Tablet Surface Pro X in höheren Ausstattungsvarianten neuerdings mit einem anderen Prozessor: Statt dem hauseigenen SQ1 ist dort nun der SQ2 an Bord. Wir haben uns ein solches Tablet näher angesehen: Die untersuchte Ausstattungsvariante mit SQ2, 16 GByte Arbeitsspeicher und 256-GByte-SSD kostet über 1650 Euro – wie üblich ohne Tastatur-Cover oder Stift.

Microsofts SQ-Prozessoren sind keine kompletten Eigenentwicklungen, sondern eng mit Qualcomms Snapdragon 8cx verwandt. Der SQ1 ist eine Sonderversion des ersten 8cx, welcher bereits Ende 2018 erstmals präsentiert wurde, aber erst Mitte 2020 tatsächlich im Markt aufgetaucht ist – nämlich in einer Variante des Samsung Galaxy Book S. Das Surface Pro X mit SQ1 wird hingegen bereits seit Ende 2019 verkauft.

Der SQ2 basiert nun wiederum auf dem Mitte 2020 enthüllten Snapdragon 8cx Gen 2, den man in der originären Qualcomm-Version bis dato erneut noch nicht kaufen kann: Das einzige damit angekündigte Gerät ist das Lenovo Yoga 5G. Wie dessen Name bereits andeutet, legt Qualcomm den Gen-2-Fokus auf 5G-Konnektivität, die über einen Zusatz-Chip realisiert wird – im SoC ist weiterhin "nur" ein LTE-Modem enthalten. Das ist wichtig: Microsoft verzichtet nämlich auf das 5G-Modem, sodass das Surface Pro X weiterhin auf LTE beschränkt bleibt. Auch das beim 8cx Gen 2 beworbene WLAN-Upgrade von Wi-Fi 5 (802.11ac) auf Wi-Fi 6 (802.11ax) bleibt dem Surface Pro X anders als ursprünglich erwartet verwehrt.

Als einziger nennenswerter Punkt, in dem sich der SQ2 vom SQ1 abhebt, bleibt deshalb eine moderate Takterhöhung: Statt bis zu 3,0 GHz stehen jetzt bis zu 3,15 GHz CPU-Takt im Datenblatt. Auch bei der GPU wurde an der Frequenz gedreht, sodass sie nun Adreno 690 statt Adreno 685 heißen darf. Das sieht man in Benchmarks: Im 3DMark Night Raid kommen 7369 statt 7010 Punkte raus, im Geekbench 5 haben wir 800 / 3142 Punkte statt 758 / 2949 Punkte (Single- / Multithreaded) gemessen.

Der Prozessor Microsoft SQ2 kommt in höheren Ausstattungsvarianten des Surface Pro X (2020) zum Einsatz.

(Bild: Microsoft)

Während man das Performance-Plus messen kann, ist es nicht wirklich spürbar: Es geht im Alltag unter und entspricht in etwa dem, was man innerhalb einer Chipgeneration zwischen einem Core-i5- und einem Core-i7-Vierkern antrifft. In unserer Augen ist die Bezeichnung SQ2 deshalb irreführend: Ein "SQ1+" wäre ehrlicher gewesen – und eigentlich hätte der etwas schnellere Chip auch schon von Anfang an und nicht erst nach einem Jahr zur Verfügung stehen sollen. Immerhin: Das Tablet heißt weiterhin Surface Pro X und nicht etwa X2.

Aktuelle Mobilprozessoren
Modell iGPU Gerät Cinebench R11.5 (32 Bit) Geekbench 5 3DMark Night Raid
SQ1 Adreno 685 Surface Pro X 0,33 / 3,25 758 / 2949 7010
SQ2 Adreno 690 Surface Pro X 0,33 / 3,41 800 / 3142 7369
Mobilprozessoren anderer Windows-Notebooks (13-14 Zoll) zum Vergleich
Snapdragon 8cx Adreno 680 Galaxy Book S 0,33 / 3,13 k.A. 6054
Core i5-L16G7 UHD Galaxy Book S 1,45 / 2,98 670 / 1454 3562
Core i7-1165G7 Iris Xe ZenBook Flip S 1,91 / 6,54 1542 / 4901 12251
Core i5-1035G7 Iris Plus Gram 14 1,44 / 5,18 1168 / 2790 5266
Core i5-10210U UHD ThinkBook Plus 1,62 / 4,64 1054 / 2730 4621
Ryzen 5 Pro 4650U Radeon Vega 6 ThinkPad T14s G1 1,93 / 10,54 1107 / 4872 10956
Ryzen 7 4800H Radeon Vega 7 MateBook 14 2,03 / 17,40 1160 / 6460 12021

Wir haben die Tests parallel auf zwei Surface Pro X mit identischem Softwarestand unter Windows 10 2004 (Build 19041.572) durchgeführt. Die von Microsoft angekündigte Emulation von 64-Bit-x86-Software ist weder darin noch im jüngst veröffentlichten Update auf Windows 10 20H2 (Build 19042.xxx) enthalten, sondern wird abseits von explizit an Tester adressierten Windows-Insider-Beta-Versionen frühestens mit der nächsten Windows-10-Version 21H1 in ein paar Monaten kommen. Bis dahin können SQ1 und SQ2 – und alle anderen Windows-on-ARM-Geräte – also außer den immer noch höchst selten anzutreffenden nativen ARM-Anwendungen weiterhin nur 32-Bit-Windows-Software ausführen. Beim mittels Emulation ausgeführten Cinebench R11.5 – anders als beim Cinebench R15 oder R20 gibt es hiervon noch eine 32-Bit-Version – kann sich der SQ2 wie bei nativer Software nur minimal vom SQ1 absetzen.

Die von Microsoft im Zusammenhang mit dem überarbeiteten Surface Pro X beworbene längere Akkulaufzeit geht wiederum auf generelle zwischenzeitliche Produktpflege zurück. Sie kommt mittels Treiber- und Firmware-Updates auch älteren SQ1-Modellen zugute – und App-Optimierungen (Chromium-Edge, Teams) gar allen WoA-Geräten. Bei einem ersten Laufzeittest (ruhender Desktop, volle Bildschirmhelligkeit) lief unser SQ2-Modell mit 6,2 zu 5,9 Stunden zwar knapp länger, hatte aber auch einen nagelneuen Akku mit 40.500 mWh. Der Akku des ein Jahr alten SQ1-Modells meldet sich mittlerweile hingegen nur noch mit 37.260 mWh – wodurch das SQ1-Modell mit errechneter mittlerer Leistungsaufnahme von 6,4 Watt zu 6,5 Watt sogar minimal sparsamer agierte.

Weitere (Laufzeit-)Tests werden wir in einer künftigen c't-Ausgabe veröffentlichen. Es steht nicht zu erwarten, dass das Microsoft-Tablet die von Qualcomm für Windows-on-ARM-Geräte beworbenen Laufzeiten von 24 plus x Stunden schafft: Im vor einem Jahr veröffentlichten Test des Surface Pro X reichte es selbst im Optimalfall nur für gut 11 Stunden.

Microsoft hat sowohl seinem Surface Pro X mit der nun erhältlichen Überarbeitung als auch dem gesamten Windows-on-ARM-Ökosystem im vergangenen Jahr sinnvolle Produktpflege angedeihen lassen. Die war und ist allerdings auch bitter nötig: In der x86-Welt sind mehrere Prozessoroptionen pro Gerätegeneration beispielsweise die Norm – erst recht bei Geräten mit vierstelligen Preisschildern. Die bislang immerhin angekündigte, aber eben auch nur angekündigte 64-Bit-Emulation kommt arg spät. Vielleicht sogar zu spät: Andere Hersteller hatten schließlich bereits vor dem Surface Pro X zwei Windows-on-ARM-Gerätegenerationen veröffentlicht – und angesichts der anhaltenden Henne-Ei-Problematik von wenigen (und teuren) Geräten sowie fehlenden ARM-Apps mittlerweile das Interesse verloren.

Windows on ARM dürfte auch nur wenig vom anstehenden x86-zu-ARM-Wechsel bei Apple profitieren können. Denn während Apple kurz- bis mittelfristig die gesamte Mac-Welt umstellt, werden ARM-Prozessoren unter Windows absehbar eine enge Nische bleiben. Apple hat zudem mit seinen iPhone- und iPad-CPUs gezeigt, dass man hausintern sehr leistungsfähige ARM-Chips entwickeln kann. Microsofts Techniklieferant Qualcomm hat hingegen für den knapp zwei Jahre alten Snapdragon 8cx weiterhin keinen Nachfolger angekündigt – der dann erfahrungsgemäß wohl auch nicht sofort, sondern erst mit einem weiteren Jahr Versatz käme. Und für den schwächeren Ableger Snapdragon 7c, der eigentlich für günstige Windows-on-ARM-Geräte gedacht war, gab es bislang kaum Interessenten, sodass der Chip nun erst mal in Chromebooks Verwendung findet.

(mue)