"The Last of Us Part 2" im Test: Im Sog der Gewalt

Gitarren, Romantik und Blutrache: "The Last of Us Part 2" ist ein mitreißender Videospiel-Thriller, der schwer aufs Gemüt schlägt.

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(Bild: Sony)

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Vieles von dem, was man sich beim Spielen von "The Last of Us Part 2" anschauen muss, ist herzzerreißend. Naughty Dogs PS4-Exklusivspiel konfrontiert Spieler mit Momenten massiver Brutalität, manchmal aber auch großer Schönheit. Dieses packende Abenteuer bekommt man so schnell nicht wieder aus dem Kopf.

Teil 2 spielt vier Jahre nach dem Vorgänger: Ellie, die junge Nebenprotagonistin aus "The Last of Us", ist mittlerweile 19. Sie trotzt der Zombie-Apokalypse mit ihrem Ziehvater Joel in einer Survivor-Enklave, geht dort auf Partys und schaut Filme auf alten DVD-Playern. Die vermeintliche Idylle hält nicht lange: Romantische Szenen mit verliebtem Grinsen weichen schnell Abschnitten, die auch aus einem Splatter-Film stammen könnten. Bald steuert man die am Boden zerstörte Ellie auf ihrem Weg nach Seattle, wo sie mit ihrer Partnerin Dina Vergeltung an einer Gruppierung namens "WLF" üben will.

Man muss "The Last of Us Part 2" (TLOU2) anrechnen, dass es bei der Wahl des Rachemotivs keine halben Sachen macht. Überhaupt zeigt sich das Action-Adventure versöhnlichen Kompromissen fundamental abgeneigt: "The Last of Us Part 2" ist randvoll mit Gefühl, aber auch mit Gewalt, Hass, Trauer und Verzweiflung. Darauf muss man gefasst sein, bevor man sich von diesem Mix aus Drama und Thriller unweigerlich die Stimmung verderben lässt.

Als Protagonistin scheint Ellie erst verwundbarer als der abgeklärte Schmuggler Joel, den man in Teil 1 steuerte. Das täuscht: Trotz ihrer Jugend geht Ellie beim Töten von Zombies und Menschen nicht gerade zimperlich vor. Der Brutalitätsgrad von "TLOU2" ist enorm: Widersacher bekommen mit der Shotgun die Gliedmaßen abgetrennt und mit dem Messer die Kehle aufgeschlitzt. Im Kern ähnelt die Spielmechanik stark dem ersten Teil: Ellie schleicht sich aus der Schulterperspektive mal alleine, mal in Begleitung durch Korridore und offene Flächen, um ihre Gegner bevorzugt still und versteckt auszuschalten.

Die Levelstruktur ist mit wenigen Ausnahmen linear, bietet aber auch viel Freilauf zum Erkunden. Neben grasüberwucherten Stadtruinen gibt es zum Beispiel verfallene Büros, Wälder, einen alten Halloween-Laden, Kirchen und Krankenhäuser zu entdecken. Obwohl sich die Handlung hauptsächlich in Seattle abspielt, bekommt man an jeder Ecke Neues zu Gesicht. Überall sieht "TLOU2" großartig aus, dabei läuft das Spiel auf der PS4 Pro ruckelfrei mit beständigen 30 Bildern pro Sekunde – untermalt vom angestrengten Dröhnen der Playstation-Lüfter.

"The Last of Us Part 2" im Videotest (Quelle: heise online)

Das Erkunden der detailgespickten Umgebungen ist nicht nur wegen der Sehenswürdigkeiten empfehlenswert: Abseits des Hauptwegs lassen sich kleine Geschichten, Story-Momente und Ausrüstungsgegenstände finden. Auch einige zusätzliche Fähigkeiten und Waffen-Upgrades kann Ellie freischalten, wenn sie die entsprechenden Items aufspürt.

Für die Navigation durch die Spielwelt verzichtet "TLOU2" standardmäßig auf Positions- und Zielmarker. Was überhaupt gerade zu tun ist, kommuniziert das Spiel ausschließlich über die Dialoge der Figuren. Das Leveldesign macht meist deutlich, wo es als nächstes hingehen soll: Zu jedem herumliegenden Ziegelstein passt ein einschlagbares Fenster, Kabel führen verlässlich zum gesuchten Generator. Wenn man trotzdem mal länger herumirrt, hat "TLOU2" ein Einsehen und blendet dann doch ein Hilfselement ein, das auf den richtigen Weg deutet. In den Optionen lassen sich je nach Vorliebe außerdem weitere visuelle Stützen zuschalten, darunter auch Farbenblindmodi.

"TLOU2" spielt sich zwar oft wie ein Schleichspiel, ist aber beim besten Willen kein "Splinter Cell" oder "Hitman". Ellie ist als Meuchelmörderin deutlich dreckiger als die üblichen Protagonisten von Stealth-Spielen, die das Schleichen zur perfekten Choreografie machen. Es dauert einige Sekunden, bis sie ihrem Gegner die Klinge so weit in den Hals gerammt hat, dass er endlich ausblutet. Immer wieder wird sie dabei entdeckt, muss fliehen, improvisieren, um ihr Leben ringen. Wenn es mit dem versteckten Morden nicht klappt, kommt ein Arsenal aus Schusswaffen, Granaten und Nahkampfwerkzeugen zum Einsatz.

Das Können von Entwickler Naughty Dog zeigt sich in der handwerklichen Meisterklasse von "The Last of Us 2". Die Steuerung ist auf den Punkt, die blutigen Animationen unheimlich realistisch. Gerade in den Nahkämpfen fällt das auf: Obwohl es nur zwei Tasten dafür gibt – "Schlagen" und "Ausweichen" – entsteht ein intensives Gerangel, das wirklich so aussieht, als ginge es gerade um Leben oder Tod.

"The Last of Us Part 2" im Test (6 Bilder)

Die meisten Level in "The Last of Us Part 2" sind grundsätzlich linear, bieten aber viel Freiraum zum Erkunden. In verlassenen Häusern und Straßenwinkeln findet Protagonistin Ellie Munition, kleine Geschichten und neue Waffen.
(Bild: Sony)

Toll sind auch die unterschwelligen Charakteranimationen, mit denen Naughty Dog seinen Figuren Leben einhaucht: Ellie kratzt sich beim Laufen an der Nase und schüttelt sich noch eine Weile die Finger aus, nachdem sie sich einen Stromschlag eingefangen hat. Auch die prägnante Mimik der Figuren ist auf Top-Niveau, besonders die aussagekräftigen Augen. Das trägt viel zur glaubhaften Erzählung bei, die Themen wie Religion, Familie und Schuld anspricht. Mit der Vertonung, auf Deutsch wie auf Englisch, hat Naughty Dog ebenfalls voll ins Schwarze getroffen.

Schon im voreingestellten Schwierigkeitsgrad entpuppen sich die Gefechte und Schleichpassagen von "The Last of Us Part 2" als fordernd. Das liegt auch an der starken KI der Gegner: Zombies taumeln zwar erwartungsgemäß planlos durch die Gegend, Menschen gehen aber koordiniert vor, um Ellie aufzuspüren und auszuschalten. Weil sie immer in Bewegung sind, muss auch Ellie ständig nach dem nächsten Versteck Ausschau halten – tatenloses Warten ist gefährlich. Per Knopfdruck wechselt Ellie in einen Abhörmodus, der schemenhaft die Position naher Feinde anzeigt. Das reicht nur zur groben Orientierung, wachsam muss man trotzdem bleiben.

Action ist in "The Last of Us Part 2" nur Notnagel. Ellie schleicht sich bevorzugt durch hohes Gras, um ihre Gegner möglichst unbemerkt auszuschalten. Im offenen Kampf wird sie schnell überwältit.

(Bild: Sony)

Verschiedene Gegnertypen fordern unterschiedliches Vorgehen: Die sogenannten "Clicker"-Zombies sind zum Beispiel blind, verfügen aber über ein hervorragendes Gehör. Ellie kann sich ihnen also auch von vorne nähern, darf dabei aber keine Geräusche von sich geben. Gerade die Areale, in denen Gegner mit Hunden patrouillieren, stellen den Spieler vor Herausforderungen: Die Vierbeiner können Ellies Fährte aufnehmen und sie so auch ins beste Versteck verfolgen. Allerdings werden die Laufwege der Hunde und ihrer Herrchen dadurch berechenbar: Mithilfe einer geschickt platzierten Mine kann Ellie die Gruppe in eine Falle locken.

Zu Ellies weiterer Ausrüstung gehören Brandbomben, Schalldämpfer für die Pistole und Medkits, mit denen sie ihre Lebenspunkte wiederherstellen kann. Im Lauf des Spiel schaltet sie immer mal wieder neue Waffen und Gadgets frei, die neue Strategien eröffnen: Pfeil und Bogen erlauben es Ellie zum Beispiel, Gegner aus der Distanz still auszuschalten. Die zusätzlichen Fähigkeiten, die sie im Spielverlauf ebenfalls freispielen kann, verbessern ihre Kampf- und Schleichkompetenz weiter. Sie ändern den Spielfluss aber nicht grundlegend.