"Vampire – The Masquerade Swansong" angespielt: Rollenspiel mal anders​

"Vampire – The Masquerade: Swansong" kombiniert Rollenspiel und Detektivabenteuer. Doch die technische Umsetzung vermiest diesen spannenden Genremix.

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(Bild: Nacon)

Von
  • Andreas Müller

Sherlock Holmes trifft Dracula – so könnten wir "Vampire – The Masquerade: Swansong" kurz umschreiben. Im Ableger der bekannten Tabletop-Reihe "World of Darkness" begeben sich Spieler und Spielerinnen auf Spurensuche durch das nächtliche Vampirleben Bostons, um ein grausames Verbrechen aufzuklären. Statt Kämpfe liefern sich die Vampire pointierte Dialoge, bei denen Durchsetzungskraft und die besseren Argumente über Erfolg und Niederlage entscheiden.

Es herrscht Chaos in der Camarilla Bostons. Der örtliche Vampirorden muss nicht nur interne Machtkämpfe austragen, sondern wird auch von besonders rücksichtslosen Vampirjägern des Vatikans bedroht. Auf den ersten Blick klingt die Story nach viel Action, aber denkste: "Swansong" ist ein Mix aus Detektivabenteuer und Rollenspiel, das sich beim geistigen Vorläufer "The Council" vom gleichen Entwicklungsstudio, den Visual Novels von Quantic Dream oder sogar der "Hitman"-Reihe bedient. Wo sich sonst die Helden mit Schwertern und Pistolen duellieren, liefern sich hier die Vampire eine Art Kampf-Dialog. Statt beim Rollenaufstieg Attributspunkte in "Stärke" und "Geschick" zu verteilen, sind es hier "Psychologie" und "Präsenz".

Die wenigen Kämpfe laufen nach dem gleichen Muster ab: Zwei Konkurrenten oder Konkurrentinnen treffen aufeinander, wählen aus Dialogoptionen und beeinflussen das Ergebnis mit ihren Attributswerten. Aber das ist nur ein Teil des Spiels. Im Rest der Zeit laufen Spieler und Spielerinnen durch die Gegend und lösen kleine Rätsel. Die sind gar nicht mal ohne, denn zur Lösung müssen Akten gelesen und andere Hinweisen gesucht werden. Dank ihrer Vampirsinne erkennen die Untoten auch Umgebungsdetails, die Sterblichen nie auffallen. Wir mussten etwa mit unserer Vampirin geheime Wege durch unterirdische Kanäle finden oder verkleidet in die Festung des Feindes eindringen, um unliebsame Gegner in "Hitman"-Manier auszuschalten.

"Vampire - The Masquerade Swansong" angespielt (5 Bilder)

Originelles Spielprinzip trifft auf sperrige Umsetzung: "Vampire – The Masquerade: Swansong" fehlt es an allen Ecken an Feinschliff. (Bild: Nacon)

Dieses Spielprinzip erinnert an "The Council", den unmittelbaren Vorgänger des Entwicklungsstudios. Die Ergebnisse vieler Dialoge haben entscheidende Konsequenzen für das Spiel. Gelingt eine Flucht unbemerkt oder wird unsere Vampirin erwischt und landet auf der Folterbank? Selten haben unsere Entscheidungen den Spielverlauf so beeinflusst wie hier.

In einem Durchlauf sind kaum alle Rätsel zu lösen. Die Statistik nach einer Mission zeigt immer an, was wir verpasst haben, und motiviert so zum Neustart. Deshalb sollte niemand versuchen, gleich von Beginn an den etwas rätselhaften Fähigkeitenbaum zu begreifen, sondern einfach loslegen. In eine Sackgasse sind wir in unseren Anspielstunden nie geraten. Jede Mission kann auf einem neuen Speicherplatz wiederholt werden. Ähnlich wie bei "Detroit: Become Human" oder den "Hitman"-Spielen entfaltet "Swansong" erst beim Ausprobieren und Wiederholen der Missionen seinen Reiz.

Bis es so weit ist, müssen Spieler und Spielerinnen zwei gewaltige Hürden nehmen. Einerseits ist es das langsame Spieltempo, das uns in den ersten Stunden unmotiviert durch die Gegend tapsen lässt. Hintergrundinfos zur Spielwelt gibt es nicht – Fans des Tabletop-Originals sind hier im Vorteil. Andererseits ist es die technische und visuelle Umsetzung. Die Animationen und die Mimik der Figuren sind so detailarm und lieblos umgesetzt, dass sie gerade mal frühes PS4-Niveau erreichen. Dazu kommen zwar gut gesprochene, aber vom Ton her schlecht abgemischte Dialoge. Bei einem Spiel, dass so viel von der Story und den Spielentscheidungen lebt, ist das eine herbe Enttäuschung.

Nach knapp 3 Stunden Spielzeit hätten wir "Vampire – The Masquerade: Swansong" am liebsten zur Seite gelegt. Zu langsam entwickelte sich die Geschichte, die Figuren blieben selbst für Vampire zu blass und schließlich hämmerte die miserable technische Umsetzung den vermeintlich letzten Nagel in unseren Sarg voller verpasster Möglichkeiten. Dann machte es aber doch noch Klick: Die Missionen werden im Spielverlauf komplexer und die Story kommt endlich in die Gänge. Wer sich nämlich auf die vielfältigen Spielentscheidungen und das ungewöhnliche Spielprinzip einlässt, wird mit einem hohen Wiederspielwert belohnt.

"Vampire – The Masquerade: Swansong" ist am 19. Mai für Windows, PS4/5, Xbox One / Series erschienen. Es kostet ca. 60 €. USK ab 18. Für unser Angespielt haben wir uns ein paar Stunden in die PS5-Version verbissen.

(dahe)