Volkswagens E-Fahrzeug ID.3 im Test: E-Auto für jedermann?

VW will mit dem batterieelektrischen ID.3 ein E-Auto für jedermann auf den Markt bringen. Doch bei der innovativen Software made in Germany hapert es noch.

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Von
  • Sven Hansen

Seit zwei Wochen wird er ausgeliefert: Der batterieelektrische ID.3 ist Volkswagens Versuch, im Markt für E-Autos Fuß zu fassen. Das Versprechen: solide Hardware und innovative Software made in Germany. Doch bei letzterer hapert es zwei Wochen nach Auslieferungsstart noch.

Einige sehen im ID.3 den Versuch der Deutschen, Tesla zumindest in der Mittelklasse Paroli zu bieten, andere die letzte Chance, in Sachen E-Mobilität überhaupt noch Fuß fassen zu können. So waren auch wir „elektrisiert“, als wir den ID.3 für einige Stunden spontan unter die Finger bekommen konnten. Genug Zeit, um VWs Angriff auf den batterieelektrischen Massenmarkt etwas genauer in Augenschein zu nehmen.

VW hat mit der Auslieferung an Kunden bereits begonnen, unser Testwagen schien jedoch noch nicht voll an das Backend angebunden zu sein. Er ließ sich zwar mit der We-Connect-ID-App koppeln, allerdings standen zunächst nur Basisfunktionen wie zum Beispiel die Klimasteuerung bereit. Die Sprachsteuerung funktionierte nur eingeschränkt, die Hotspot-Funktion gar nicht. Eigentlich soll der ID.3 die fest verbaute eSIM gegen Geld auch per WLAN für die Fahrgäste nutzbar machen.

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Im praktischen Einschub in der Mittelkonsole verstaut man das Handy, ohne es dabei kabellos laden zu können. Gleich in der Nähe sind zwei USB-C-Anschlüsse eingebaut. Unser ID.3 konnte Mediendaten vom Handy wiedergeben, verstand sich allerdings weder auf CarPlay noch auf Android Auto. Über das große Mitteldisplay bediente sich das Infotainment-System oft etwas hakelig und ruckelte gelegentlich bei Animationen. In allen Punkten ist da durchaus Luft nach oben.

Das Mitteldisplay mit Touch sorgt mit konfigurierbaren Kacheln für einen guten Überblick.

Das gilt auch für die zugehörige Smartphone-App: Obgleich VW bereits eingeräumt hat, dass diese beim Verkaufsstart nicht den vollen Funktionsumfang haben wird, waren wir doch erstaunt, wie wenig zwei Wochen nach diesem Termin funktioniert. Die Einrichtung geht noch flott von der Hand: In der App einen Account anlegen, das Fahrzeug durch Eingabe der Fahrgestellnummer hinzufügen und dies abschließend auf dem Infotainment-Display bestätigen.

In der Theorie soll die App etwa den gleichen Umfang bieten wie bei anderen Connected-Cars: Dazu zählen Online-Verkehrsdaten, Ver- und Entriegeln per Smartphone sowie die Steuerung der Klimaanlage und des Ladevorgangs aus der Ferne. Zu Beginn unseres Tests war davon lediglich die Steuerung der Klimatisierung verfügbar. Den Versuch, die Temperatur zu verändern, quittierte die App mit einer Fehlermeldung.

Doch offenbar wird hinter den Kulissen bei VW mit Hochdruck an der Konnektivität gearbeitet. Drei Stunden später zeigte sich in der App plötzlich die Akkuladung nebst Restreichweite. Nun ließ sich zum Beispiel der Ladevorgang per App starten und beenden.

Der ID.3 1st Edition wartet mit mehreren Fahrmodi von sparsam bis sportlich auf. Auf Wunsch lassen sich die Charakteristik der Dämpfer, der Lenkung und der Gasannahme auch individuell anpassen. Einen deutlichen Unterschied bemerkten wir indes nur bei der Beschleunigung.

Gewöhnungsbedürftig: Der Schalthebel des ID.3 wächst aus dem Tachodisplay heraus. Beim Rangieren ist das eine fummelige Angelegenheit.

Besonders begeisterte uns der kleine Wendekreis von nur 10,2 Meter. Beim Laden lernt man die Wendigkeit des ID.3 zu schätzen: Die CCS-Buchse sitzt hinten rechts, wo man normalerweise die Tanköffnung findet, weshalb man meist rückwärts an die Ladesäulen fahren muss.

In Sachen Fahrassistenz hatte unsere Plus-Variante der 1st Edition wenig zu bieten. Ein adaptiver Tempomat und ein Spurhalteassistent hielten das Fahrzeug auf Abstand zum Vordermann, allerdings nur leidlich in der Spur. Bei ausgeschaltetem Tempomaten erhielten wir zudem keine Warnung beim Verlassen der Spur.

Dass Volkswagen mit dem ID.3 durchaus mehr vorhat, zeigt das sogenannte „ID-Light“ im Cockpit. Das unter der Windschutzscheibe platzierte LED-Band dient der Kommunikation mit dem Fahrer. Ein Lichtimpuls über die gesamte Breite des Cockpits zeigt etwa eine Abbiegeaufforderung durch das Navi an. Solch elaborierte Komponenten zur Mensch-Maschine-Kommunikation braucht es eigentlich nur für hochautomatisiertes Fahren.

Auf dem Mini-Display hinter dem Lenkrad ist nicht viel Platz für Informationen.

Dass die Software schlichtweg nicht fertig ist, dürfte zumindest technikbegeisterte Erstkäufer gehörig nerven. Alle anderen bekommen davon vielleicht nicht viel mit, sie werden sich über ihr schickes und wendiges E-Mobil freuen. Der ID.3 bewegt sich flott durch die City und ermöglicht dank hoher Reichweite und CCS-Ladung auch komfortables Reisen auf langen Strecken.

Dieser Artikel stammt aus c't 22/2020.

(sha)