WEY Coffee 01 im ersten Fahrbericht: Plug-in-Hybrid mit 40-kWh-Batterie

Mit WEY betritt ein weiterer chinesischer Autohersteller den europäischen Markt. Zum Start wird ein großes SUV mit ungewöhnlichem Plug-in-Hybrid angeboten.

Lesezeit: 7 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 89 Beiträge
WEY Coffee 01
Von
  • Jürgen Wolff
  • Martin Franz
Inhaltsverzeichnis

Plug-in-Hybride wurden von uns schon häufig kritisiert. Meist ist der Stromverbrauch hoch, die Ladeleistung niedrig und die Batterie klein. Wer diese Autos vor allem elektrisch nutzen will, muss also ein entsprechendes Streckenprofil haben und nicht nur oft nachladen, sondern auch reichlich in Strom investieren, damit die Rechnung halbwegs aufgeht. Ausnahmen, bei denen die Hersteller mehr als ein Steuersparmodell auf die Räder gestellt haben, gibt es, doch sie sind rar. Mit WEY könnte ein weiterer Kandidat hinzukommen. Der chinesische Autohersteller will sein erstes Modell für den europäischen Markt ab 2023 hierzulande verkaufen, das SUV Coffee 01 mit ungewöhnlich skaliertem Plug-in-Hybrid.

Zurückhaltung begleitet den europäischen Markteinstieg von WEY ausdrücklich nicht. Der Coffee 01 ist ein voluminöses SUV, das mit 4,87 m fast so lang wie ein BMW X5 ist. Den gewiss nicht kleinen Kia EV6 überragt der WEY um rund 20 cm. Das Platzangebot ist dank eines Radstandes von 2,91 m für die Passagiere reichlich, auch die Sitze hinterließen bei unserer Probefahrt einen bequemen Eindruck. Absolut indiskutabel ist angesichts der üppigen äußeren Abmessungen allerdings das Kofferraumvolumen. 400 Liter sind für ein knapp 4,9 Meter langes Auto dürftig und weit unterhalb dessen, was in diesem Segment üblich ist. Schwacher Trost: Wenigstens gibt es keine störende Ladekante und die Anhängelast ist mit 2000 kg ordentlich.

Das Design wirkt zurückhaltend und ein Stück weit sogar vertraut. Optisch setzt der WEY Coffee 01 keine neuen Akzente.

(Bild: WEY)

Ungewöhnlich ist der Antriebsstrang skaliert – zumindest an einer Stelle. Denn mit 39,67 kWh ist die Batterie für einen Plug-in-Hybriden riesig dimensioniert. Im WLTP nennt WEY einen Verbrauch von 24,4 kWh/100 km und eine E-Reichweite von 146 km. Zur Erinnerung: Reichweite und Verbrauch lassen sich im WLTP nicht einfach mit einem Dreisatz ins Verhältnis setzen – warum, haben wir im verlinkten Artikel näher beleuchtet. Der Speicher ist für einen Plug-in-Hybriden nicht nur ungewöhnlich groß, sondern lässt sich auch vergleichsweise zügig aufladen. An Wechselstrom sind dreiphasig bis zu 11 kW möglich, an Gleichstrom bis zu 50 kW.

WEY Coffee 01 (4 Bilder)

Die Ladeleistung ist vergleich mit fast allen anderen Plug-in-Hybriden sehr hoch: An Wechselstrom sind bis zu 11 kW möglich, an Gleichstrom maximal 50 kW.

Damit ergibt sich die Chance, das SUV über weite Teile eines gewöhnlichen Fahrprofils elektrisch zu nutzen. An einer DC-Säule reichen laut Hersteller 53 Minuten für eine 80-Prozent-Aufladung, an einer Wallbox mit 11 kW dürften knapp vier Stunden reichen, um eine leere Batterie wieder komplett zu füllen. Im Anschluss sind mehr als 100 km im E-Modus auch unter ungünstigen Umständen drin – das ist in dieser Form derzeit konkurrenzlos unter Plug-in-Hybriden.

Nicht auflösen wird der Coffee 01 das Verbrauchsdilemma: Ein Plug-in-Hybrid wird in der Regel beim Stromverbrauch kaum mit einem vergleichbaren Elektroauto konkurrieren können. Meist liegt der Stromverbrauch eines PHEV signifikant über dem eines E-Autos. WEY verspricht für den Coffee 01 im WLTP 24,4 kWh/100 km. Für einen belastbaren Wert war diese erste Ausfahrt viel zu kurz, ein Testwagen, der uns für längere Zeit zur Verfügung steht, ist bereits angefragt.

Auch bei den Antrieben selbst ist WEY jegliche Zurückhaltung fremd. Der Coffee 01 hat drei Motoren, die zusammen eine Systemleistung von bis zu 350 kW liefern. Im Verbund liegen bis zu 847 Nm bereit. Der Verbrenner spielt hier nur noch eine Nebenrolle. Mit 150 kW hat er zwar die höchste Einzelleistung, doch den Fahreindruck prägen die beiden E-Motoren. Der an der Vorderachse leistet 120, der an der Hinterachse 135 kW. Das 2,3-Tonnen-SUV beschleunigt damit im Standardsprint in fünf Sekunden auf Tempo 100. Wichtiger im Alltag ist aber, dass sich die Kraft viel spontaner abrufen lässt als mit jedem Verbrenner. Das Einsortieren auf eine volle Autobahn beispielsweise gelingt hier mit einer bestechenden Lässigkeit. Schluss ist erst bei 235 km/h.

Unterwegs fällt eine ordentliche Geräuschdämmung auf, die in dieser Klasse erwartet werden darf. Die Lenkung ist gewöhnungsbedürftig leichtgängig, die Federung komfortabel ausgelegt. Leise, angenehm gefedert und mit bequemen Sitzen ausgestattet: Die wichtigsten Zutaten für ein komfortables Reisen sind gegeben. Nicht restlos überzeugt hat uns die Bedienung. Zwar lässt sich das kleine Kombiinstrument gut ablesen, doch viele Funktionen, die man im Alltag häufig nutzt, sind nur über Untermenüs zu erreichen. Die Fahrer-Überwachung mit ihrer in die A-Säule integrierten Kamera motzt schon mal, man solle sich bitte auf die Straße konzentrieren.

WEY Coffee 01 (9 Bilder)

Die Sitze sind dick gepolstert und sehr bequem.

Über ein zweites Display wird die Klimaautomatik bedient. Die lieferte bei einigen Vorserienmodellen keine überzeugende Vorstellung: Bei regnerischem Wetter beschlug alle 15 Minuten die Windschutzscheibe. Dann musste manuell eingegriffen und der Luftstrom Richtung Scheibe geschickt werden. Das lösen andere Autos unauffälliger. Auch an anderer Stelle wirkte der Coffee 01 noch nicht ganz ausgereift. Der Blinker stellte sich nach dem Abbiegen nur selten von selbst zurück. Da der Schalter keinen Druckpunkt bietet, endet der Versuch, ihn auszustellen, oft mit einem wilden Hin- und Hergeblinke. Kurios auch die fehlende Absprache zwischen Parkkameras und Navigation: In jedem Kreisverkehr überlagerte die 360-Grad-Kamera-Sicht die Kartendarstellung. Welche Abfahrt zum Ziel führt, bleibt so verborgen.

Solche Macken abzustellen, ist sicher keine Raketenwissenschaft. Andererseits sollten sie vor dem Serienanlauf abgearbeitet werden. Schließlich hat WEY eigenem Bekunden nach die anspruchsvolle – und solvente – "Premium-Kundschaft" als Zielgruppe ausgemacht. Die Preise liegen trotzdem deutlich unter dem, was die deutsche Konkurrenz für vergleichbar voluminöse Plug-in-Hybrid-SUVs aufruft – erst recht, wenn man die Serienausstattung mit einberechnet. Schon das Basismodell bringt Dinge wie ein Soundsystem, Head-up-Display, 360-Grad-Einparkhilfe und elektrisch verstellbare Sitze mit. Dafür verlangt WEY 55.900 Euro. Für 4000 Euro mehr gibt es die "Premium"-Version, die unter anderem zusätzlich ein großes – und zu öffnendes – Panoramadach, belüftete Sitze mit Alcantara-Bezügen, Augmented Reality Head-up-Display und einen Einpark-Assistenten bietet.

Insgesamt kommt mit dem WEY Coffee 01 also eine interessante Alternative zu anderen PHEV-SUV auf den Markt. Mit ihm fällt es viel leichter, den elektrischen Streckenanteil auszudehnen, und das ist eine gute Nachricht. Ermöglicht wird das nicht nur durch eine vergleichsweise große Batterie, sondern auch durch ein Ladetempo, das kaum ein direkter Konkurrent bietet. SUVs dieser Größe mit batterieelektrischem Antrieb gibt es inzwischen von einigen Herstellern, allerdings sind diese nochmals deutlich kostspieliger. Nicht zu unterschätzen ist außerdem die inkludierte Dreigabe von fünf Jahren Garantie auf das gesamte Auto und acht Jahren auf die Batterie.

(mfz)