"Wanderer" angespielt: VR-Grafikperle im Stil von "Myst"

Grafisch anspruchsvolle VR-Fans haben es derzeit nicht leicht. Mit "Wanderer" gibt es endlich mal wieder ein hübsches Abenteuer.

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(Bild: M-Theory)

Von
  • Jan Wöbbeking

Zeitreisen, bizarre Maschinen und geheimnisvolle Tempel: Auf den ersten Blick besitzt "Wanderer" alles, was Adventure-Freunde neugierig macht. Vor allem, wenn sie seit den Neunzigern eine Vorliebe für "Myst" besitzen. "Wanderer" ist am 27. Januar auch für PlayStation VR erschienen. Da frühe Screenshots so einen hübschen Eindruck machten, habe ich aber auf Ultra-Einstellungen in die SteamVR-Fassung hineingeschnuppert. Nachdem ich die Quest 2 per Air-Link mit einem Spiele-PC verbunden hatte, lief das Erlebnis auf einer GeForce RTX 2080 Ti angenehm flüssig.

Das überschwemmte Boston des Jahres 2061, Nikola Teslas Werkstatt und sogar den Mond besucht man in "Wanderer". Vor allem im verlassenen Apartment von Ash Neumanns Großvater warten viele liebevoll modellierte, hübsch glänzende Apparaturen darauf, enträtselt zu werden. Schnell wird deutlich, dass mit der apokalyptischen Zeitlinie etwas nicht stimmt. Und dass ich das Malheur mit meinen Zeitreisen wieder geradebiegen soll. Nicht alle Schauplätze können mit aufwendigen Grafik-Highlights wie "Lone Echo 2" mithalten. An manchen Schauplätzen wie den Pyramiden oder dem "Woods-Rock"-Festival haben sich hier und da hässlich grobe, stumpf beleuchtete Wände und Texturen eingeschlichen.

"Wanderer" angespielt (5 Bilder)

Nach einigen Stunden wechselt man pausenlos zwischen den Zeitlinien. (Bild: heise online)

Schön ist hingegen, dass mir auf der Reise die vermutlich beste Smartwatch der Welt zur Seite steht. Das extrem gesprächige und vielseitige Gadget am Handgelenk trägt den Namen Samuel und ermöglicht die Reise zu anderen Orten bzw. Zeitlinien. Im Gegensatz zur Apple Watch ist sie sogar anpass- und erweiterbar, um mehr Dinge in ihrem Inventar zu verstauen. "Sam" gibt zur Not auch Hinweise, wenn ich im Minutentakt zwischen Opas alter Wohnung, uralten Tempeln oder der Enigma-Maschine wechsle.

Das Schlüpfen in die Haut anderer Zeitzeugen und viele untereinander verflochtene Puzzles sorgen schon in den ersten Stunden für einen schönen Knobel-Rhythmus. So nehme ich zum Beispiel eine Angel in Teslas Werkstatt mit, um zwischen blitzenden Maschinen nach einem Schlüssel zu fischen. Am Rande einer Pyramide wechsle ich sogar innerhalb des Schauplatzes zwischen zwei räumlich getrennten Figuren – fast wie im VR-Adventure "Maskmaker". Nur wenn sich beide gegenseitig mit Kultgegenständen aushelfen, öffnen sich rumpelnd die Tore.

Leider erschweren Bugs häufig das Weiterkommen. Insgesamt wirkte die Review-Version von Wanderer noch nicht ganz fertig. Das zeigte sich auch darin, dass ich gerne mal am Rande eines Bootes hängen blieb und erneut vom letzten Speicherpunkt starten musste. Auch beim Rätseldesign macht sich manchmal das junge Alter der neuseeländischen Studios M-Theory und Oddboy bemerkbar.

Am Balancing hakt es ebenfalls. Im Vergleich zu "Half-Life: Alyx" wirkt etwa das futuristische Verfolgen glühender Linien reichlich simpel, in komplexeren Momenten kann dagegen Frust aufkommen. Bei einigen steinernen Schlangenfragmenten hatte ich auf Anhieb die richtige Idee, versuchte aber nicht ausdauernd genug, sie umzusetzen. Nur im richtigen Winkel flutschen die Steine sie zu einem kompletten Kultgegenstand zusammen, der am rotierenden Steinpuzzle die Grabkammer öffnet. Da fehlt noch etwas Feinschliff.

Solch urige Maschinen-, Zahnrad- und Mechanik-Puzzles gibt es in "Wanderer" zuhauf. Wer stattdessen entspannt durch ein narratives Abenteuer im Telltale-Stil rauschen möchte, ist hier aber falsch. Auch im Vergleich zu den häppchenweisen Puzzles in "Twilight Path" wird es deutlich kniffliger und komplexer. Das liegt natürlich auch an der freien Bewegung durch etwas größere Areale. Bei der Bewegung mit dem Stick hatte ich bislang keinerlei Übelkeitsprobleme. Für empfindliche Naturen gibt es einige Komfort-Optionen sowie eine alternative Bewegung per Teleport.

Das meistens hübsch inszenierte "Wanderer" erinnert trotz moderner VR-Bedienung angenehm an klassische Adventures. Technik und Spieldesign wirken zwar noch nicht immer ausgefeilt – trotzdem hatte ich schon eine Menge Spaß an den rätsellastigen Zeitreisen.

"Wanderer" ist am Donnerstag, 27. Januar 2022 für Windows (SteamVR) und PlayStation VR erschienen. Der Preis liegt zwischen 33,99 und 39,99 Euro. USK ab 18. Für unser Angespielt haben wir auf dem PC geknobelt – mit einer per Air-Link verbundenen Quest 2.

(dahe)