10 Jahre Lehman-Pleite: die Finanzmarktbranche und die Mathematik

Ohne die Mathematik wäre die Krise 2008 wahrscheinlich nicht ausgebrochen oder hätte sie nicht diese Dimension erreicht

Die Finanzmarktkrise von 2008 zeichnete sich bereits 2007 ab. Aber erst mit der Lehman-Pleite verbreitete sie sich über die ganze Welt. Die Konsequenz waren unter anderem die Griechenlandkrise und ein Anstieg der Staatsverschuldung der Industrienationen, die bald in Staatsschuldenkrise umgetauft wurde, obwohl die Finanzbranche sie verursacht hatte. Allein in Deutschland erhöhte sich die Staatsschuld durch Rettungsmaßnahmen für die Wirtschaft und Bankenbranche in nur zwei Jahren um 400 Milliarden Euro; legt man das Wachstum der vorherigen Jahre zugrunde, so müsste die Schuld lediglich um etwa 150 Milliarden angestiegen sein.

Die wenigen kritischen Stimmen hatten schon Mitte der 1980er Jahre davor gewarnt, dass die neoliberale Wirtschaftspolitik, die auch durch den Big Bang in London fortsetzt wurde (Aufhebung von Kontrollen der Börse), zu Unternehmenspleiten und Bankenkrisen führen würde. Die Deregulierung der New Yorker Börse durch Bill Clinton setzte den Hype der Finanzmarktindustrie fort. Die "speculation economy", die 1929 zum Börsencrash geführt hatte, entdeckte schon damals die gewerbliche Wirtschaft als Objekt der Begierde. Das Wort des spanisch-amerikanischen Philosophen George Santayana, dass, wer seine Geschichte nicht kennt, sie wiederhole, bewahrheitete sich erneut.

Waren nach 1929 lange Jahre erneut die warenproduzierenden Unternehmen im Fokus des Interesses, wurde die Finanzmarktindustrie mit der Etablierung des Euro-Dollar-Marktes Ende der 1950er Jahre wieder einflussreicher. Noch hatten die Banken, besonders in Deutschland, meist sehr enge Beziehungen zu ihren Kreditnehmern, verstanden das Geschäft und waren - wie Ludwig Erhard das vorsah - daran interessiert, ein stetiges, mäßiges Wachstum zu erzeugen. Mit dem Erstarken der Finanzbranche änderte sich das erneut.

Die "Trägheit" der Warenproduzenten, die eben Zeit brauchten, um Produkte herzustellen, kollidierten mit dem Tempo der Finanzelite, die Milliarden in Sekundenbruchteilen rund um die Welt schicken konnten und die Industrie wieder als Spekulationsobjekt sahen, um rasch Geld zu machen. Firmen und Firmenteile wurden immer häufiger gehandelt und dann auch in komplizierte Produktpakete verwandelt, besonders im Immobilienmarkt, mit denen man an der Börse handeln konnte.

Besonders eine Wissenschaft, die meist im Verborgenen agiert, war dazu unerlässlich: die Mathematik! Ohne sie und ohne die technische Geschwindigkeitsanwendung durch Computer und Software wäre die Krise 2008 wahrscheinlich erst gar nicht ausgebrochen oder hätte sie zumindest nicht diese Dimension erreicht.

Die oft überheblichen Mathematiker oder theoretischen Physiker (das sind im Prinzip Mathematiker), die so genannten "Quants", die auf Anfrage nicht immer offen für Interviews sind, insbesondere wenn kritisch nachgefragt wird, sehen sich kaum in der Verantwortung für die Misere von 2008. Es sind ja nicht sie gewesen, sondern nur die unfähigen Händler oder Manager, die ihre mathematischen Modelle falsch angewandt oder nicht verstanden haben.

Friedrich Kittler, der verstorbene Medientheoretiker und kritische Beobachter der technologischen Welt, hatte in einem Interview unterstrichen, dass ohne die Rolle der Mathematiker die Atombombe hätte gar nicht gebaut werden können, weil sie die Berechnungen durchführten, die unerlässlich waren für den Bau dieser Tötungstechnologie. Kritisiert wurden in der Regel nur die Physiker, die für das Publikum anschaulicher waren und sind. Die Mathematiker konnten sich erneut hinter ihre abstrakte Wissenschaft verbergen, die doch keinen Bezug zur Wirklichkeit habe. Für den Missbrauch ist man nicht verantwortlich. Es gibt bis heute kaum kritische Bücher, die sich mit der schwierigen und auch problematischen Rolle der Mathematik in unserer modernen Welt, besonders auch der Wirtschaft befassen.

Schon im 19. Jahrhundert waren die Menschen fasziniert, was die naturwissenschaftlich-mathematisch basierte Technologie alles erreichte (Eisenbahnen, Maschinen, Hochöfen, faszinierende Bauten der Weltausstellungen). Selbst Geisteswissenschaftler sahen sich in ihren Bann gezogen, wie der deutsche Literaturwissenschaftler Wilhelm Scherer. Natürlich packte diese Faszination auch die Ökonomen, die mit Hilfe der Mathematik danach strebten, genauso exakt und großartig zu sein. Léon Walras war einer der wichtigsten Vertreter. Alles sollte mathematisch taxiert werden können.

Heute sind mathematische Berechnungen oder Modelle aus den Wirtschaftswissenschaften nicht mehr wegzudenken. Sie sollen die Leistung optimieren; mit KPIs (Key Performance Indicators) möchte man noch das letzte aus den Arbeitnehmern herausholen. Darüber wird vergessen, dass zahlenbasierte Systeme oder mathematische Modelle immer nur Ausschnitte wahrnehmen und mathematisieren können, während sie das menschliche Verhalten in seiner Komplexität und auch die komplexen gesellschaftlichen Prozesse zwangsläufig vernachlässigen.

Übersehen wird im Übrigen auch, dass Potentiale brachliegen, die zum Beispiel KPIs nicht erfassen können. Wird also zu sehr auf diese rational-mathematischen und idealen Modelle vertraut, dann prallen Wirklichkeit und Modell unweigerlich zusammen, wie das 2008 der Fall war. Die Konsequenzen sind bekannt.

Die Krisen der Ökonomie, insbesondere der Finanzmarktindustrie, sind auch Krisen einer Rationalität, die durch Berechnung Gewinn und Rendite optimieren möchte. Natürlich ist in unserer modernen Welt Mathematik unerlässlich. Sie sollte aber dort mit spitzen Fingern angewandt werden, wo menschliche und soziale Prozesse das Wesen der Wirklichkeit sind. Der Glaube, mit klugen Algorithmen, Software und schnellen Computern sicher Finanzmarktprozesse steuern zu können, wird Abstürze wiederholen. Da werden auch noch so kluge und komplizierte Berechnungen nicht helfen.

Die nächste Finanzmarktkrise soll übrigens, so ist zu hören, noch schlimmer werden als die von 2008. Emotionen wie "Gier nach Mehr" verweigern sich eben mathematischer Logik. (Klaus Weinert)

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