10 Sekunden für eine Entscheidung im Kriegslärm

Bild: Hossein Mersadi/Fars News/CC BY-SA-4.0

Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden gibt Einzelheiten und Umstände des Abschusses der ukrainischen Passagiermaschine bekannt. Es zeigt sich, wie berechtigt Warnungen vor einer Eskalation im Konflikt zwischen den USA und Iran sind

Zehn Sekunden Zeit hatte der Mann am iranischen Tor-M-1-Luftabwehrsystem, um zu entscheiden, ob er den Knopf drückt, erklärte der für die Luftabwehr zuständige Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden (IRGC), Amirali Hadschisadeh (auch: Amir-Ali Hajizadeh) in einer Pressekonferenz zum Hergang des Abschusses (Video hier) der ukrainischen Passagiermaschine am vergangenen Mittwoch.

Der operator machte einen katastrophalen Fehler. Er entschied sich dafür, die Boeing für eine feindliche Rakete zu halten. Die von ihm abgeschossene Tor-Rakete traf nach bisherigem Informationsstand das Cockpit der Boeing, was zum Absturz der Passagiermaschine führte - und zum Tod von 176 Menschen, die nichts mit den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Iran und den USA zu tun hatten.

Er traf die schlechte Entscheidung

Der Mann hatte keine Kommunikationsverbindung zu Vorgesetzten im Kommando, so Hadschisadeh: "Sein Kommunikationssystem war offensichtlich gestört, entweder weil es gejammt worden war oder wegen des hohen Verkehrs." Die genaue Ursache der Störung muss noch geklärt werden, viele weitere Fragen sind noch offen. Feststeht laut dem iranischen Kommandeur, dass der Verantwortliche am Luftabwehrsystem 10 Sekunden hatte, um zu entscheiden, ob er das Ziel treffen will oder nicht.

Er traf die schlechte Entscheidung, sagt Hadschisadeh - "unter diesen Umständen". Die Luftabwehr war in höchste Alarmbereitschaft versetzt, erklärt er die Umstände. Es habe Anzeichen gegeben, die für einen Angriff von feindlichen Missiles sprachen.

Mehrfach wurde die Abwehrsysteme, eingeschlossen dasjenige, das in den Vorfall involviert ist, vom Abwehrnetzwerk in Kenntnis gesetzt, dass Cruise Missiles auf das Land abgefeuert wurden. Eine Male haben sie Berichte bekommen, dass "die Cruise Missiles kommen, seid vorbereitet".

Amirali Hadschisadeh

Eskalationspotential realisiert

Dass diese Nachrichten sehr ernst genommen wurden, hing, wie der Kommandeur erklärte, mit der Drohung des US-Präsidenten Trump zusammen, wonach die USA 52 iranische Ziele im Visier hätten. Trump hatte dies am vergangenen Samstag über Twitter verkündet, zusammen mit der Warnung in Großbuchstaben, dass die USA sehr schnell und sehr hart zuschlagen könnten.

Die Twitter-Botschaft erfolgte im Zusammenhang mit etwaigen iranischen Vergeltungsschlägen aufgrund der Ermordung des iranischen Generals Soleimani Tage zuvor durch US-Drohnen. Vor der katastrophal-fatalen Entscheidung des iranischen Revolutionswächters am Luftabwehrsystem in der Umgebung Teherans hatte Iran mit Raketen zwei Militärbasen im Irak angegriffen, die die US-Armee nutzt.

Die Situation und die Entscheidung des Mannes führen in brutaler Deutlichkeit vor, dass das Kriegsgeklirr, das Trump gerne über Twitter veranstaltet, das Risiko in sich trägt, dass es nicht bei einem verbalen Schlagabtausch mit fiktiven Drohungen bleibt. Das Eskalationspotential, das darin steckt und vor dem viele warnen, hat sich in diesem Fall - anders als erwartet - realisiert.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass der US-Präsident für den katastrophalen Akt verantwortlich ist. Das behauptet auch der Revolutionsgarden-Kommandeur Hadschisadeh nicht. Aber Trumps Warnung, dass die USA Ziele im Iran im Visier haben, gehört zu den weiteren Umständen, in der eine falsche Entscheidung getroffen wurde, die weit über hundert Iranern das Leben gekostet hat.

Vor Augen geführt wird, dass das beständige Schüren von Konflikten, die mit stolzen Hinweisen auf militärische Fähigkeiten unterlegt werden, zu Situationen führt, in der die absichtlich herbeigeführte Unsicherheit und Nervosität tragische Überreaktionen begünstigen.

(Nachtrag: Anzufügen ist, dass auch diverse Sprecher der Revolutionsgarden bei der verbalen Eskalation kräftig mitmischen.)

Warum wurde der Luftraum nicht für zivile Flugzeuge gesperrt?

Darüber hinaus stellen sich eine Menge Fragen zu den Umständen, für die iranische Entscheidungsträger verantwortlich sind. Zum Beispiel danach, warum der Verantwortliche am Flugabwehrsystem allem Anschein nach nicht miteinkalkuliert hatte, dass es auch zivilen Luftverkehr am Teheraner Flughafen gab, dass zuvor schon zehn Maschinen gestartet waren, wie das Blog Moon of Alabama berichtet.

Vorgehalten wird iranischen Verantwortungsträgern auch, dass sie den zivilen Flugverkehr zu diesen empfindlich aufgeladenen Zeiten überhaupt zugelassen haben. Laut den Ausführungen Hadschisadehs bei der Pressekonferenz habe der Mann, der die Luftabwehrrakete auf das Passagierflugzeug abgeschossen hat, bei seiner Befragung geäußert, dass man "mehrmals gefordert habe, dass der Luftraum des Landes frei von zivilen Flügen bleibe".

"Bestimmte Erwägungen"

"Bei der Alarmstufe 3 (die höchste, Anm. d.A.) ist es normal, dass solche Forderungen gestellt werden", erklärte Hadschisadeh. "Unsere lieben Brüder haben dem allerdings nicht entsprochen aus bestimmten Erwägungen heraus. So flogen die Flugzeuge trotz einer kriegsähnlichen Situation (' wartime situation')."

Ob noch geklärt wird, wie die "bestimmten Erwägungen" konkret aussahen? Geht es nach Mitteilungen iranischer Nachrichtenagenturen, so drängen ranghohe Vertreter, Ayatollah Khamenei, Präsident Rouhani, Vizepräsident Jahangiri sowie der Parlamentssprecher Laridschani, auf genaue Aufklärung des Falles und der Umstände. Auch der ukrainische Präsident Selenskij fordert dies mit Nachdruck.

Dass Iran die Black-Box-Aufzeichnungen Experten in Paris übertragen hat, weil man selbst nicht dazu imstande sei, die Aufzeichnungen der Boeing-Maschine zu entziffern, ohne einen Schaden zu riskieren, ist ein Anzeichen dafür, dass man es in Teheran ernst meint mit der Aufklärung der Katastrophe, die von einem Mitglied der Revolutionsgarden verursacht wurde.

Hadschisadeh erklärte in der Pressekonferenz ebenfalls, warum sich die Prozedur bis zum heutigen Eingeständnis des Abschusses und des Fehlers einige Tage hinzog. Erst habe man im Hintergrund alle nötigen Instanzen einschalten und ein Überprüfungsergebnis abwarten müssen.

Informationen im Kriegslärm

Die Einschätzung in der Öffentlichkeit dazu ist geteilt, wie man Medienberichten ablesen kann: Es gibt schwere Vorwürfe gegen Iran einerseits wegen der Dementis zuvor, anderseits gibt es Stimmen, die den iranischen Verantwortlichen bescheinigen, dass sie vergleichsweise schnell und transparent reagiert haben. Ein solches Eingeständnis fällt in Zeiten, in denen der Kriegslärm laut tönt und Nachrichten Teil eines Informationskrieges sind, nicht leicht. Denn der Gegner kann daraus seine Vorteile ziehen.

Wie schwierig Einordnungen sind, zeigte sich auch heute. Eine Journalistin der New York Times, die über Iran berichtet, macht auf Proteste gegen die Führung in Teheran aufmerksam, die sich am Abschuss der Maschine mit vielen iranischen Passagieren entzünden. In iranischen Medien finden sich bis zum späten Samstagnachmittag noch keine Berichte dazu. (Thomas Pany)