13ter Stock: Life according to Korsakow

Zwei Künstler und die "Unterschicht"

Neuerdings ist ja gern wieder von den "Unterschicht" die Rede, vor allem in der Mittelschicht, die fürchtet, demnächst nach unten durchzusacken. Medien wie z.B. der Spiegel haben eine bestimmte Form der Sozialekelprosa wieder entdeckt und warten wöchentlich mit neuen Details aus dem lässigen und lasterhaften Leben in den Prologhettos der Republik auf.

Fotos: 13ter Stock

Florian Thalhofer und Kolja Mensing haben sich mit ihrem "interaktiven Heimatfilm" ein wenig mehr Mühe gemacht. In Bremen gibt es eine Hochhaussiedlung namens Grohner Düne. Wer dort wohnt, tut das nur deswegen, weil ihm nichts anderes übrig bleibt, behauptet das Pressematerial zu "13ter Stock" und man braucht sich nicht lange auf der DVD umzusehen, um herauszufinden, dass die Bewohner das genauso sehen.

Nichts und sehr viel

Die Siedlung, in den Siebzigern als Modellprojekt für modernes Wohnen geplant, entwickelte sich bald zu einem sozialen Brennpunkt, und ist es bis heute geblieben. Neuerdings versucht man, den Problemen mit vielen, vielen Überwachungskameras beizukommen, und das scheint einer der Impulse für die beiden Autoren Florian Thalhofer und Kolja Mensing gewesen zu sein, sich für vier Wochen in der Siedlung einzumieten, um sie auf ihre Art zu "überwachen".

Thalhofer und Mensing sind keine Unbekannten, der erste hat bereits im Alleingang ein vergleichbares Projekt über seine bayerische Heimatgemeinde erstellt, der zweite ist Journalist und Buchautor. Was ist nun in den vier Wochen passiert, in denen sich die beiden Künstler der Unterschicht angenommen haben? Nichts und sehr viel - das kommt wirklich auf den Blickwinkel an. Sie haben Gespräche mit den Bewohnern geführt, deren Geschichten aufgeschrieben und kommentiert, wie es ihnen passte; sie haben die richtige Musik ausgewählt, und dann haben sie das alles zu einem filmischen Essay arrangiert.

Man kann sich Aufregenderes vorstellen als die Bottroper Protokolle für das Internetzeitalter, aber in der Tat ist den beiden etwas gelungen, wovon die landläufigen Experten bei Spiegel, Stern etc. nicht einmal träumen: eine überaus packende Dokumentation, die auf Sozialarbeiterimpulse, Romantisierungen, Verachtung und Klischees vollkommen verzichten kann. Das liegt an verschiedenen Dingen. Zum Beispiel an dem Gemisch aus Selbstehrlichkeit und Unerschrockenheit, mit dem die beiden an ihren Untersuchungsgegenstand herantreten.

In einer Schlüsselszene bekennt sich Mensing dazu, keineswegs ein idealer, unvoreingenommener Beobachter zu sein, er steht zu seinen Vorurteilen, macht sie so erst für den Zuschauer transparent. Darüber hinaus bezeichnet er sich selbst als Wegelagerer, der den Bewohnern der Grohner Düne ihre Geschichten stiehlt, um sie in seine Geschichte über sie einzubauen. Das bedeutet, dass er diese Geschichten als Diebesgut ernst nimmt. Dass er und Thalhofer auf die Herablassung der Illustriertensoziologen verzichten, heißt ja gerade nicht, dass die Leute von der Grohner Düne geschont oder verklärt werden. Die Kamera der beiden sitzt oft sehr dicht auf den Gesichtern der Hochhausbewohner, und die beiden Dokumentarfilmer geben den Leuten ausführlich Gelegenheit, von sich selbst zu sprechen - der Wahn ihres Lebens wird nicht vom Textchef über sie verhängt, sondern spricht aus ihnen selbst.

Diebe, aber keine Denunzianten

Wenn die Anhängerin der Zeugin Jehovas von ihrer Beziehung zu Gott erzählt und über den Terrorismus schwadroniert, wenn supercoole Zwölfjährige mit ihren sexuellen Erlebnissen prahlen, kleinkriminelle Jugendliche in die Kamera rappen oder von ihren Raubzügen berichten, dann gerinnt das unter den Händen von Thalhofer und Mensing durch geschickte Schnitte und sparsame, aber wirkungsvolle Kameraführung zu "authentischer" Footage, die in dieser Form ihresgleichen sucht. Dafür, dass all diese gestohlenen Geschichten nicht der Lächerlichkeit preisgegeben werden, (nach dem Motto: "Seht, wie sie leben!"), stehen Mensing und Thalhofer mit ihrer Art des Erzählens ein, denn sie sind zwar Diebe, aber keine Denunzianten.

Die von ihnen verfassten Kommentare, Zwischengeschichten und Überleitungen binden das Material in eine Großerzählung von der Grohner Düne ein, die bittersten Ernst mit einer manchmal unglaublichen Facilité vermittelt oder das eine im anderen erst hervorruft. Es macht ihren Rang als Autoren aus, dass sie das können, und sich trotzdem nicht in den Vordergrund spielen. Der dritte Hauptfaktor, der zum Gelingen des Unternehmens beigetragen hat, heißt "Korsakow". Die Autoren nennen ihren "Heimatfilm" interaktiv, weil der Betrachter bis zu einem gewissen Grad den Verlauf der Geschichte selbst bestimmt. Das von Thalhofer so getaufte Korsakow-System unterteilt bei "13ter Stock" den Bildschirm immer in vier Teilbildschirme, einen großen und drei kleine.

Hang zum Fabulieren

Die im großen Bildschirm ablaufende Szene kann jederzeit durch eine der drei zur Auswahl angebotenen Alternativen auf den "Thumbnail"-Bildschirmen ersetzt werden, und so manövriert sich der Betrachter auf einfache, aber wirkungsvolle Weise durch die vielen Geschichten, aus denen die Geschichte besteht. Mitte der Neunziger hätte man sich angesichts dieser Darstellungsform fast nicht mehr eingekriegt vor lauter Begeisterung über "nonlineares Erzählen" und ähnlichen Unfug mehr. Zum Glück ist der Hype vorbei, und Thalhofer kann einfach sein Ding machen - wobei hier, wie überall bei ihm, die Selbstironie aus den Knopflöchern lugt: Das Korsakow-Syndrom ist eine oftmals durch Alkoholismus hervorgerufene Hirnschädigung, bei der dem Kranken das Kurzzeitgedächtnis verloren geht. Der Mangel an kontinuierlich erlebter Zeit wird dann durch einen Hang zum Fabulieren ausgeglichen. Der ironische Zusammenhang zur Erzählung von der Grohner Düne, die nur aus cut ups besteht, ist offensichtlich.

Das einzige, was manchmal leicht unangenehm auffällt, ist Mensings Sprecherstimme. Als Autor und Dokumentarfilmer ergänzt er sich ideal mit Thalhofer. Aber im Bemühen, nicht auf die Tränendrüse zu drücken, spricht er manchmal mit einer forcierten Fröhlichkeit, die den traurigen unter seinen Geschichten dann doch nicht angemessen ist. Es wäre vielleicht besser gewesen, alle Texte von Thalhofer lesen zu lassen, der die Leichtigkeit hat, die Mensing nur simuliert, und dennoch Text und Thema nie verfehlt - was schon "Meine Kleine Welt" zu einem solchen Genuss machte.

Aber das sind wirklich Nebensachen. War es nicht der serbische Autor Aleksandar Tisma, der einmal gesagt hat, dass Schriftsteller Vampire sind, die Blut aus allem saugen, was geschieht? Die einzige Rechtfertigung für diese Art von Blutsaugerei kann natürlich nur die Qualität des geschaffenen Kunstwerks sein. Was das angeht, fällt die Rechtfertigung für Florian Thalhofers und Kolja Mensings Arbeit leicht (Marcus Hammerschmitt)

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