"1991 ist das entscheidende Jahr für unsere Region"

Aktham Suliman. Screenshot: TP

Der bei Al-Dschasira ausgestiegene Star-Journalist Aktham Suliman über die unsichtbare Verbindungslinie zwischen dem Islamischen Staat, dem Arabischen Frühling, dem Irak-Krieg und dem Bürgerkrieg in Syrien

Aktham Suliman, Jahrgang 1970, ist ein deutsch-syrischer Nahostexperte und Journalist. Als er im Sommer 2012 aus Protest gegen zunehmend tendenziöse Berichterstattung seinen Job beim weltbekannten arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira nach über 10 Jahren kündigte, schrieb der Focus: "Mr. Al-Dschasira geht." Einem breiten deutschen Publikum wurde er durch seine Teilnahme an TV-Diskussionsrunden und Talkshows zu Nahost-Themen bekannt. Er studierte Publizistik, Politologie und Islamwissenschaft und lebt als freier Autor in Berlin. Gerade ist sein neues Buch erschienen: Krieg und Chaos in Nahost - eine arabische Sicht.

Anzeige
Herr Suliman, gerne möchte ich unser Gespräch mit einer aktuellen Frage beginnen. Die syrische Stadt Raqqa wurde von den Truppen der so genannten Anti-IS-Allianz befreit. Sehen Sie als gebürtiger Syrer daher zuversichtlich in die Zukunft, bezüglich der Lage in Syrien?
Aktham Suliman: Die einzige rational und emotional vertretbare Antwort auf diese Frage ist ein großes JEIN. Natürlich freuen sich viele Syrer - und nicht nur diese - über jeden Quadratzentimeter zurückeroberten Gebiets vom IS, über jeden Quadratzentimeter weniger Barbarei. Dennoch wissen vor allem die Menschen im Nahen Osten, dass die Geschichte von der zivilisierten Welt gegen den bösen IS nur eine heuchlerische Schwarzweißmalerei ist, die viele Aspekte der Realität auf dem Boden links liegen lässt.
Dazu gehört die hohe Opferzahl durch die Luftangriffe der Anti-IS-Allianz unter den Zivilisten in Raqqa, die einige unabhängige Nichtregierungsorganisationen auf über 1000 alleine seit Juni 2017 schätzen. Diese unschuldigen Menschen fanden - genauso wie die Tatsache, dass Raqqa heute eine Geisterstadt ist - keine große öffentliche Beachtung im Westen, weil vom Westen selbst getötet wurde. Zu den unbequemen Realitäten gehört auch, dass die Anti-IS-Allianz nicht nur eine so genannte, sondern und vor allem eine selbsternannte Anti-IS-Allianz ist, die weder ein UNO-Mandat hat, noch von den Syrern eingeladen wurde. Im Grunde operiert diese illegal in Syrien und verfolgt eher geostrategische Ziele, weit über die Terrorbekämpfung hinaus.
Sie scheinen ein Anhänger der geopolitischen Ansätze im Zusammenhang mit dem Krieg in Syrien zu sein, wonach Saudis, Türken und Amerikaner von Anfang an das Ziel verfolgten, Assad vom Iran zu trennen und dafür einen Pakt mit den radikal-islamischen Salafisten eingingen?
Aktham Suliman: Regional ist die Gegnerschaft zwischen Saudi-Arabien und dem Iran sehr wichtig für das Verständnis des Syrien-Krieges, international ist es jene zwischen den USA bzw. dem Westen einerseits und Russland andererseits. Das sieht man auch am Beispiel des Anti-IS-Kampfes. Zur Befreiung Raqqas versprach Außenminister Sigmar Gabriel Hilfe von 10 Mio. Euro und erklärte schriftlich, dass man sich nun "im Rahmen der internationalen Anti-IS-Koalition für lokale Verwaltungsstrukturen" stark mache, die "die Bevölkerung von Raqqa repräsentieren".
Der französische Präsident Emmanuel Macron hat sich in Paris fast zeitgleich ähnlich geäußert. Auch das Pentagon denkt laut US-Medien nicht an einen Rückzug nach der Schlacht um Raqqa und sieht die US-Militärpräsenz im Osten Syriens als Garantie für den Wiederaufbau. Das hört sich alles auf den ersten Blick gut an: Verwaltung, Struktur und Wiederaufbau. Konkret heißt das aber, dass die Region um Raqqa zu einem westlichen Einflussgebiet gemacht wird, das als Verhandlungsmasse bei späteren Gesprächen mit den Russen zur Zukunft Syriens dienen soll. Letztere waren ihrerseits sehr erfolgreich mit der regulären syrischen Armee bei der Zurückeroberung weiter IS-Gebiete zwischen der historischen Stadt Palmyra im Zentralsyrien und der erdölreichen Stadt Deir ez-Zor am Euphrat im Osten des Landes, in den letzten Wochen und Monaten.
Hat der Bürgerkrieg in Syrien, das ideologische Fundament, auf dem die regierende Baath-Partei ruht, das Konzept des arabischen Nationalismus säkularer Prägung eher gestärkt oder geschwächt?
Anzeige
Aktham Suliman: Ich verwende im Fall Syrien lieber den Begriff des postmodernen Krieges. Dieser weist Eigenschaften von klassischen, aber auch von Bürger- und Stellvertreterkriegen auf. Doch einmal von der Begrifflichkeit ganz abgesehen hat die ohnehin schon geschwächte Ideologie des arabischen Nationalismus in den letzten Kriegsjahren natürlich gelitten. Dafür gibt es psychologische Ausdrucksformen, etwa, dass momentan viele Syrer emotional nichts mehr mit Zielen wie einem vereinten arabischen Land verbindet, nachdem sie den "arabischen Bruder" in Form von Selbstmordattentätern aus Tunesien und Libyen oder in Form von Terror-Finanziers aus Katar und Saudi-Arabien erlebt haben.
Dafür gibt es aber durchaus auch politischen Ausdrucksformen. Im Rahmen der Reformversuche der syrischen Regierung nach dem Ausbruch der Proteste wurde im Jahr 2011 ein neues relativ modernes Parteiengesetz erlassen, wonach allerdings praktisch fast alle traditionell relevanten Strömungen bzw. Parteien des Landes, allen voran die Baath-Partei, vor einer fast unlösbaren Aufgabe standen: eine rein syrische Partei zu sein. Die Baath-Partei musste also ihre panarabische Dimension aufgeben und sogar ihre gesamt-arabische Nationalführung vor einigen Wochen auflösen. Die Syrisch-Nationalistische Partei, die Großsyrien als Einheit betrachtet, steht mitten in einem ähnlichen Prozess - von den Linken ganz abgesehen, die ebenfalls die Grenzen eines Landes namens Syrien niemals als die eigenen sahen. Doch die Probleme aller dieser progressiven und säkularen Ideologien fingen viel früher an - vor ca. 25 Jahren.
In Ihrem neuen Buch "Krieg und Chaos in Nahost. Eine Arabische Sicht" bieten Sie Ihren Lesern eine spezielle arabische Sicht auf die historischen Abläufe in der Region des Nahen und Mittleren Ostens in just diesen letzten 25 Jahren seit dem 2. Golfkrieges 1991. Hätte nicht auch das Jahr 1979 mit den drei entscheidenden Ereignissen der islamischen Revolution im Iran, dem Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan, sowie dem religiösen Aufruhr in Mekka in Saudi-Arabien dienen können?
Aktham Suliman: Nein. Denn es geht in diesem Buch um eine arabische Sicht, nicht um eine westliche, mit dem üblichen Islam-Kartoffelsalat an Ende. Diesmal schaut endlich ein Araber, der die Jahre 1991-2016 privat und beruflich zwischen dem Westen und der arabischen Welt verbracht hat, auf die Entwicklungen in und zwischen der alten und der neuen Heimat. Diesmal spricht der Betroffene und lässt sich von außen, genauer vom Westen, nichts mehr sagen. Nein, die Rote Armee in Afghanistan 1979 war anfänglich aus rein arabischer Sicht nicht so entscheidend, weil Afghanistan kein arabisches Land ist.
Die Strecke zwischen meiner Stadt Damaskus und Kabul ist mit 3800 km ca. 100 km länger als die zwischen Damaskus und Berlin. Erst die Operation Cyclone der CIA und des pakistanischen Geheimdienstes zur Mobilisierung, Bewaffnung, Ausbildung und Finanzierung der Mudschaheddin katapultierte Tausende Araber in den Kampf gegen die prosowjetische ungläubige Regierung in Kabul, zog den Nahen Osten in diese Wirren.
Die islamische Revolution im Iran mag für den einen oder anderen inspirierend gewesen sein, sie fand aber auch in einem nicht-arabischen und - in diesem Zusammenhang noch wichtiger - schiitischen Land statt. Die Araber sind aber mehrheitlich Sunniten. Hinzu kam, dass der Nahe Osten Ende der 70er Jahre, Anfang der 80er Jahre noch voller Alternativströmungen und -ideologien war: marxistische, sozialistische und nationalistische.
Und was war nun genau 1991 anders?
Aktham Suliman: 1991, als der Araber alleine im Regen stand, ganz nackt, schwächelten alle linken Ideologien - nicht nur im Nahen und Mittleren Osten - anhand des sich anbahnenden Endes der Sowjetunion. Alle nationalistischen Ideologien schwächelten anhand der Zerstörung des modernen Iraks durch die Militäroperation "Wüstensturm" und die Wirtschaftssanktionen. In dieser Zeit kehrten auch die CIA-Mudschaheddin aus Afghanistan in ihre arabischen Länder zurück und prägten diese geistig sowie sicherheitspolitisch - bis heute.
Nein, 1991 ist das entscheidende Jahr für unsere Region, ab da starben langsam die progressiven Ideologien, ab da war der Westen zum ersten Mal seit der Kolonialzeit wieder direkt kriegerisch aktiv in der Region. Ab da und bis heute hatten der liebe Gott und seine Mitarbeiter Mühe gehabt bei der Unterbringung der vielen, sehr vielen Getöteten aus dem Nahen und Mittleren Osten. Denn es folgten der Afghanistan-, der Irak-, der Libyen-, der Syrien- und der Jemen-Krieg.
Sie selbst waren über 10 Jahre Korrespondent des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira. Später, nachdem Sie den Sender verlassen hatten, erhoben Sie schwere Vorwürfe gegen Ihren früheren Arbeitgeber. Ab welchem Zeitpunkt haben Sie die schleichende Einflussnahme wahrgenommen, die Sie rückblickend verurteilten?
Aktham Suliman: Meine persönliche Geschichte mit Al-Dschasira ist Teil des Buches geworden, denn sie ist auch die Geschichte der oben erwähnten Kriege: Ohne den 11. September und den Afghanistan-Krieg 2001 gäbe es nicht das Weltinteresse an Deutschland, dem Land der vermeintlichen "Hamburger Zelle", also jener Zelle aus drei Todespiloten und einem Verbindungsmann nach Afghanistan. Anfang 2002 habe ich meinen Vertrag als Deutschlandkorrespondent des bekanntesten arabischen Nachrichtensenders unterschrieben.
Mit dem Irak-Krieg 2003 und dem klaren schröderschen Nein zum Krieg kurz zuvor etablierte sich das Berliner Büro noch mehr, auch deswegen weil ich mich vier Monate nach der US-Besetzung in den Irak begab und von dort aus für die sechs Folgemonate berichtete.
Bei beiden Kriegen erfüllte die Arbeit für Al-Dschasira mich mit Stolz, denn unser Sender war die Anti-Krieg-Stimme, die Stimme der Opfer, der Afghanen und Iraker. Aktuell und professionell durch Al-Dschasira informiert, gingen 2002/2003 Millionen Menschen in der arabischen Welt als Protest auf die Straße, genauso wie die Deutschen, Spanier und Briten. Manipulativ und unprofessionell durch Al-Dschasira (des)informiert gingen auch im Jahr 2011 viele Araber demonstrieren - aber nicht gegen, sondern für einen Krieg der Nato in Libyen und Syrien.
Ab 2011 erfüllte mich die Arbeit für Al-Dschasira mit Scham. Die Welt der Gefühle ist oft entscheidender als die der rationalen Argumente, die sich oft erst nach der gefallenen Entscheidung formieren. Das Schamgefühl rüttelt jedenfalls einen jeden Profijournalisten wach und lässt sich, anders als Argumente, nicht widerlegen, relativieren oder unterdrücken: Bei meinem letzten Beitrag für Al-Dschasira über die Hannovermesse im Jahr 2012 stand ich vor der Kamera und wollte meinen Beitrag mit dem üblichen Aufsager beenden, bei dem der Korrespondent seinen eigenen Namen und den seines Senders sagt. Nachdem ich meinen Namen in die Kamera sprach, konnte ich den Namen des Senders anschließend nicht aussprechen. So groß war der Scham und die sich daraus ergebende tiefe, innere und zum Teil unbewusste Ablehnung.
Wie beurteilen Sie die westliche Medienberichterstattung der letzten Jahre über die Vorgänge in der islamischen Welt?
Aktham Suliman: Ich sage dazu nur eines: Früher habe ich mich immer wieder beklagt über westliche Kollegen, die nach einigen Tagen Aufenthalt in einem arabischen Land gleich ein ganzes Buch - am liebsten über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieses Landes - schrieben. Heute tue ich das nicht mehr, denn ich stelle fest, es hat mit der kurzen Aufenthaltsdauer und einer vermeintlichen Fremdheit der arabisch-islamischen Welt aus westlicher Sicht nichts zu tun. Viele schreiben den gleichen Blödsinn über das eigene Land trotz lebenslangem Aufenthalt und angeblicher Vertrautheit. Mehr zur Krise des Journalismus sage ich nicht an dieser Stelle, denn ich will dieses Interview veröffentlicht sehen.
Vielen Dank Herr Suliman. (Ramon Schack)
Anzeige