2001 - Odyssee Lebenswissenschaften

Bundesforschungsministerin Bulmahn erklärt 2001 zum Jahr der Lebenswissenschaften

Vor kurzem ergab eine Umfrage, dass 44% der Deutschen glauben, nur in genveränderten Tomaten seien Gene. Vielleicht war es diese Meldung, die Edelgard Bulmahn, Bundesministerin für Bildung und Forschung, dazu inspirierte, das kommende Jahr 2001 zum Jahr der Lebenswissenschaften auszurufen. Auf einer Pressekonferenz vergangenen Freitag in Berlin sagte sie, die "spektakulären Ergebnisse der Genomforschung" zeigten, wie wichtig es sei, den "Dialog zwischen der Wissenschaft und der breiten Öffentlichkeit" zu fördern. "Wissenschaft und Forschung können heute nicht mehr im Elfenbeinturm stattfinden."

Deshalb habe sie Mitte letzten Jahres mit dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und den großen Forschungsorganisationen die Initiative Wissenschaft im Dialog ins Leben gerufen. Jedes Jahr werde nun unter das Motto einer Wissenschaft gestellt. Das "Jahr der Lebenswissenschaften" löse das derzeit laufende "Jahr der Physik" ab. Da Physik und Chemie das letzte Jahrhundert geprägt hätten, habe es einen "symbolischen Charakter", die Lebenswissenschaften - in denen sich Biologie und Medizin vereinen - an den Anfang des neuen Jahrhunderts zu stellen.

"Die Wissenschaft geht auf die Straße! Gehen Sie mit!"

Die Auftaktveranstaltung des Jahres der Lebenswissenschaften wird am 1. Februar 2001 im Berliner Martin-Gropius-Bau stattfinden. Sie ist der Erforschung des menschlichen Genoms gewidmet und wird von der Bundesforschungsministerin eröffnet. "Hochrangig besetzte Podien" würden mit dem Publikum über "die neuesten Erkenntnisse der bio- und gentechnologischen Forschung" diskutieren, schreibt das Ministerium in einer Presseerklärung. Insgesamt seien aus dem Haushalt des Forschungsministeriums 4 Millionen DM für weitere Großveranstaltungen veranschlagt worden, die über das Jahr hinweg und quer durch die Republik in Leipzig, Hamburg, Göttingen, München, Berlin, Köln und Frankfurt am Main stattfinden sollen. Thematisch wird fast der gesamte Bereich der Life Sciences abgedeckt - u.a. werden die aktuellen Entwicklungen in Krebsforschung, Genetik, Hirnforschung und Verhaltensbiologie behandelt. Die Organisation und Durchführung der Veranstaltungen wurde einer PR-Agentur übertragen.

Von "herausragender Bedeutung" für das Veranstaltungskonzept sei die Beteiligung zahlreicher Forscherinnen und Forscher aus den Lebenswissenschaften, betonte Frau Bulmahn auf der Pressekonferenz. Unter dem Motto "Die Wissenschaft geht auf die Straße! Gehen Sie mit!" sollen die Forscher ihre Arbeit der Öffentlichkeit vorstellen - z.B. zwischen "Bahnsteig und Fahrkartenschalter" auf dem Leipziger Hauptbahnhof im April 2001. Wobei man sich schon plastisch vorstellen kann, wie die zum Zug eilenden Fahrgäste von Genforschern am Einsteigen gehindert werden. Die gelungenste "Science Street"-Präsentation wird dann prämiert. "Denn schließlich geht es um die Kunst der Vermittlung" schreibt das Ministerium. "Nutzen sie diese Aufmerksamkeit, um sich aktiv in den Dialog mit der Bevölkerung einzubringen und zu zeigen, wie wichtig Ihre Forschungsarbeiten für die Gesellschaft sind!" rief Ministerin Bulmahn noch einmal alle BiowissenschaftlerInnen auf, sich an den Veranstaltungen zu beteiligen. .

Der Zweck des "Jahres der Lebenswissenschaften" liege dabei nicht in einer "Akzeptanzkampagne für kritische Themen in der Medizin oder Biotechnologie" unterstrich die Forschungsministerin. Vielmehr gehe es darum, zu "informieren und einen breiten Dialog" darüber zu führen, "in welcher Weise" die Lebenswissenschaften "die Gesellschaft, aber auch jeden Einzelnen, in der Zukunft berühren" werden. Also "über die Chancen und auch über die Risiken" dieses Feldes zu diskutieren. Es gehe um "Information", aufgrund derer man sich dann "so oder so entscheiden" könne, sagte sie auf der Pressekonferenz. Die Wissenschaft wolle nicht nach dem Prinzip des "Nürnberger Trichters" verfahren, nach dem oben Informationen hineingeschüttet werden und dann schon das Richtige herauskommen werde. Die Zielsetzung der Veranstaltungen sei es, die "Bedeutung und Wichtigkeit" der Lebenswissenschaften herauszustellen, und nicht, "die totale Akzeptanz zu erreichen".

Erst im Mai 2000 hatte die Kampagne "Wissenschaft im Dialog", deren Logo übrigens irgendwie an ein Zyklopenauge erinnert, einen Rückschlag erhalten, als das 1,5 Millionen Mark teure "Science live-Mobil" - ein Sattelzug mit Anschauungsmaterial zur Genforschung - in Gießen einem Brandanschlag zum Opfer fiel. Auch Prof. Manfred Ehrhardt, Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, bemüht sich, dem eigentlich naheliegenden und "von Anfang an geäußerten" Vorwurf zu begegnen, die Initiative "Wissenschaft im Dialog" sei "nur Marketing und Akzeptanzbeschaffung" gewidmet. Schließlich ziele Marketing darauf ab, bestimmte Produkte zu verkaufen, also Geld zu verdienen. Mit Dialog sei aber der gegenseitige Austausch im Gespräch gemeint, schreibt Ehrhardt. Es ginge nicht um die "Verkündung von Fachwissen als Einbahnstrasse", sondern um "Vermittlungskompetenz" der Wissenschaftler gegenüber der Öffentlichkeit. Dafür sei eine "intensive Kooperation von Wissenschaftlern mit Medienexperten, Partnern aus Industrie, Schulen, Kindergärten usw. nötig."

Leitfiguren, die die Freude an der Wissenschaft verkörpern

Nun kann man sich ja schon fragen, warum der Information über wissenschaftliche Zusammenhänge solch eine Wichtigkeit zugeschrieben wird, dass sie bis in die Kindergärten verlängert werden muss, und warum gerade so wenig interessenneutralen Institutionen wie Regierung und Wissenschaftsverbänden an solch selbstloser Information der Bevölkerung gelegen sein soll.

In einem Memorandum zum "Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft" wird der Stifterverband etwas deutlicher als die oben zitierten Personen. Ziel müsse es zum einen sein, "Begeisterung" für die Wissenschaft zu vermitteln. Man brauche "Leitfiguren", die diese "Freude" verkörperten. Da die Wissenschaften immer stärker "individuell spürbar die Bedingungen des Lebens verändern", seien sie außerdem aufgefordert, "solche Veränderungen öffentlich zu rechtfertigen". Die Verfasser schreiben, es gehe um die "Information der Öffentlichkeit zur Legitimation wissenschaftlichen Tuns." Diese Beschreibung kommt der Intention hinter der Information also schon etwas näher.

Was mit dem herzustellenden "public understanding of science" jenseits aller Rhetorik von "Chancen und Risiken" eigentlich gemeint ist, wird auch in einem Konzeptpapier für den Wissenschaftssommer Berlin deutlich. Hier heißt es, "die Wissenschaft muss ihren Platz im Inneren der Menschen bekommen". Erst wenn "breite Kreise unserer Gesellschaft sich wissenschaftliches Denken so zu eigen gemacht haben, lässt sich von einem öffentlichen Verständnis für Wissenschaft sprechen." In diesem Prozess der "Verinnerlichung" wissenschaftlichen Denkens bedürften vor allem die Lebenswissenschaften einer Verbindung mit der Kunst. Da die Kunst "die Wahrnehmung und die Erlebnisfähigkeit der Menschen" anspreche, sei sie "möglicherweise eine wichtige Bedingung zur Herstellung dieses neuen Bewusstseins." .

Vielleicht ist es die Botschaft vom neuen Bewusstsein, die der bereits erwähnte Prof. Manfred Ehrhardt, Generalsekretär des Stifterverbandes meinte, als er gegenüber der Presse sagte: "Wir brauchen Sie" - also die Journalisten - weil "Botschaften ohne die Medien heute kaum noch in die breite Öffentlichkeit zu transportieren" seien. Botschaften? Sollte es bei der Initiative Wissenschaft im Dialog" nicht um "Information" gehen? Aus den bis jetzt zitierten Äußerungen lässt sich also die Botschaft der Initiative "Wissenschaft im Dialog" so zusammenfassen, dass es um die Herstellung eines neuen Bewusstseins geht, das die Begeisterung für die Wissenschaft verinnerlicht hat und ihre Legitimität nicht anzweifelt.

Die Industrie übt sich in Strategien für das Verhalten in öffentlichen Debatten

Abgesehen von den in die Kampagne "Jahr der Lebenswissenschaften" des Bundesforschungsministeriums und der "Wissenschaft im Dialog"-GmbH eingeschriebenen Interessen könnte man in einem weiteren grundsätzlichen Schritt die Begriffe der "Information" und des "Dialogs" in Zweifel ziehen.

Wenn das Bundesforschungsministerium schreibt, im Mittelpunkt der Kampagne stünde die "Information" der Bevölkerung, suggeriert dies, eine wertneutrale, objektive und unparteiische Darstellung der Biowissenschaften sei überhaupt möglich. Es wird unterschlagen, dass "Informationen" nie unabhängig von ihrer Darstellung, ihrem Kontext und den daran beteiligten Personen weitergegeben werden können. Wissen ist nichts objektives und ist standpunktabhängig.

Auch die Rede von dem "Dialog", den es zu führen gelte, kann aufs Glatteis führen. Unter einem Dialog stellt man sich idealerweise einen relativ gleichberechtigten Austausch zwischen zwei Gesprächspartnern vor. Muss per Namensgebung schon so herausgehoben werden, dass sich hier die "Wissenschaft im Dialog" befindet, erfährt man damit zunächst einmal, dass die Wissenschaft offenbar normalerweise monologisiert, also nur mit sich selbst spricht und ein Dialog somit etwas erst Herzustellendes ist.

Zudem wird unterschlagen, dass gerade ein Dialog massiv von bestimmten Interessen strukturiert wird. So haben die großen Interessenverbände der Biotech-Industrie Ratschläge für das Verhalten in öffentlichen Debatten erarbeitet - die Europäische Föderation Biotechnologie (EFB) betreibt beispielsweise eine "Arbeitsgruppe für die öffentliche Akzeptanz der Biotechnologie". In dem Faltblatt "Biotechnologie im Dialog" werden zwei verschiedene Diskursstrategien beschrieben: der Konflikt und der Dialog.

Bei der Konfliktstrategie versuchten die Parteien, "sich gegenseitig mit Argumenten und emotionalen Appellen an die Öffentlichkeit zu übertrumpfen." Es lasse sich hierbei "nur schwer vorhersagen, wie ein solcher Konflikt enden wird. Und selbst wenn die Biotechnologiebefürworter siegen, könnte die unvermeidbare Polarisation des Themas für Verärgerung gesorgt haben. Dies wiederum könnte sich direkt oder indirekt auf den wirtschaftlichen Erfolg von biotechnologischen Produkten auswirken."

Deshalb empfiehlt die EFB die Dialogstrategie. Sie versuche, "es nicht zu einer Polarisation der Meinungen kommen zu lassen". Denn dann "ergreifen womöglich selbst gemäßigte Gruppen aus der Mitte Partei für die eine oder andere Seite." In einem Dialog würden sich die "gemäßigteren Parteien zumindest bei einem Teil der Probleme einigen können." Vorteilhaft sei auch, dass man die Vorgehensweise des Gegners besser kennen lerne - und somit "die weitere Entwicklung vorhersehen" und die "Strategien entsprechend anpassen" könne. (Von Fabian Kröger)