2014: Drei Schritte zum "Transhumanismus"

Der Start des Google-Projekts "Endet den Tod", die Intensivierung der BRAIN-Initiative und die Gründung der "Transhumanistischen Partei" in den USA waren 2014 Schritte auf dem Weg zu einer "transhumanistischen" Gesellschaft

Am wichtigsten ist vielleicht, dass die radikale Technikcommunity zur konkreten politischen Kraft wurde - mit Wachstumsperspektive, aber ungewissem Ausgang, sagt der in den USA tätige Politologe und Soziologe Roland Benedikter. Er ist Mitautor zweier White Papers des Pentagon und des U.S. Generalstabs über die Zukunft von Neurotechnologie und Neurokriegsführung (2013 und 2014), von Büchern über globalstrategische Fragen (darunter zwei über das China Xi Jinpings im Jahr 2014) und des neuen Buches "Neuroscience and Neuroethics: How They Will Impact Human Futures" (gemeinsam mit James Giordano, Springer New York), das 2015 erscheint. Das Interview führten Katja Siepmann und Annabella McIntosh.

In Ihrem gemeinsam mit Pentagon-Berater und Georgetown-Neuroethiker James Giordano verfassten Buch "Neurowissenschaft und Neurotechnologie: Wie sie unsere Zukunft beeinflussen werden" sagen Sie, dass diese beiden Gebiete in den kommenden Jahren möglicherweise größere Änderungen herbeiführen werden als die herkömmliche Politik oder Wirtschaft. Der Grund: Die Technik wird zur immer bestimmenderen gesellschaftlichen Kraft - und zwar nicht nur sektorial oder national, sondern global.
Roland Benedikter: Ja, die Technik zeichnet sich nun als konkrete politische Kraft ab, doch das traditionelle Politische ist darauf kaum vorbereitet. Was heute in einem einzigen Jahr beispielsweise an der Schnittstelle zwischen menschlichem Gehirn und Technik geschieht, ist bis vor kurzem nicht in einem Jahrzehnt geschehen. Es handelt sich um eine exponentielle Entwicklung. Die Technisierung von Gesellschaft und Mensch erfolgt unter anderem am Hebel einer Medizin, die - etwa in Gestalt der Neurokriegsführung - immer stärker auch militärisch genutzt wird. Sie wird durch die Befürworter des "Human Enhancement" ("Verbesserung des Menschen"), das Wissenschaftler, Unternehmer und Politiker über Sprach- und Ideologiegrenzen hinweg verbindet, als fortschrittlicher Transformationspfad des 21. Jahrhunderts propagiert.
Die Verschmelzung von Mensch und Computer im Besonderen wird von Vertretern der "Transhumanistischen" Bewegung, die sich seit den 1980er Jahren organisiert, mittels Regierungs-, Wissenschafts- und Unternehmensberatung vorangetrieben. Empfohlen werden unter anderem die breite Anwendung von Gehirn-Computer-Schnittstellen (Brain-Computer-Interfaces, BCI’s) auch in alltäglichen Lebensbereichen, Implantate zur Steigerung der kognitiven Fähigkeiten, Neural Engeneering zur allgemeinen Erweiterung menschlichen Bewusstseins und Cyborgisierung auch gesunden Körpergewebes, um Widerstandsfähigkeit und Lebensdauer zu steigern.
Roland Benedikter
Worum geht es dabei im Kern?
Roland Benedikter: Der Name "Transhumanismus" ist das zentrale Programm: Man will über den bisherigen Menschen hinausgehen. Das heisst im Kern über die "conditio humana", den Seinszustand des bisherigen "natürlichen" Menschen, der geboren wird, relativ kurz und unbewusst lebt und dann stirbt. Jedenfalls wollen die Vertreter des "Human Enhancement" und des "Transhumanismus" gemeinsam die bisherigen physischen, kognitiven und vielleicht auch "geistigen" Grenzen unseres Menschseins überschreiten. Dazu rüsten sie den Menschen biotechnologisch "auf" und versuchen das Altern - und am Ende im Maximalanspruch sogar den Tod abzuschaffen.
Sie sagen, es könnte nun ein erster Durchbruch dieser Entwicklung bevorstehen - im Guten ebenso wie in den damit unübersehbar verbundenen ethischen Problemen?
Roland Benedikter: Möglicherweise. Diejenigen, die den Menschen der nahen Zukunft als technoides Wesen, wenn nicht gar als integralen Teil der Technik sehen - wie etwa Google-Chefingenieur Ray Kurzweil oder Oxford-Philosophieprofessor Nick Bostrom, der Leiter des "Zukunft der Menschheit Instituts" an der dortigen Fakultät für Philosophie und der James Martin 21st Century School -, sehen das Jahr 2045 als wahrscheinlichen Zeitpunkt, an dem die Technik so etwas wie "Bewusstsein" entwickeln oder, wie es in ihrem Fachjargon heißt, eine "Singularität" werden könnte. Kurzweil nennt neuerdings sogar das Datum 2029 als Zeitpunkt, an dem die Technik "intelligenzmässig" auf menschliches Niveaugelangen könnte. Wenn das auch nur annähernd geschieht, werden davon praktisch alle Bereiche betroffen sein, auch wenn es vermutlich unspektakulärer erfolgen wird, als von manchen prophezeit.
Warum?
Roland Benedikter: Weil jede "Singularität" als ersten und grundlegenden Trieb den Selbsterhaltungstrieb hat und diesen bei ausreichendem Bewusstsein antizipativ anwendet. Daher stellt sich laut Bostrom bis Mitte des Jahrhunderts nicht als wichtigste Frage, wie wir Kriege vermeiden oder internationale Beziehungen am besten gestalten, sondern noch wichtiger, wie wir eine immer intelligentere Technik - eine "Superintelligenz", die durch die Kombination künstlicher Intelligenz mit biologischen Elementen im Entstehen begriffen ist - mit einem "Kontrollmechanismus" versehen können, der verhindert, dass sie sich aus Selbsterhaltungsgründen gegen den Menschen wendet.
Sie sagen, in Richtung "Technik als universaler Faktor" hat das Jahr 2014 drei wichtige Entwicklungsschritte gebracht, die manche für Meilensteine auf dem Weg zum "Transhumanismus" halten. Welche sind das?
Roland Benedikter: Erstens: Der "untypische", ja "transversale" Firmenriese Google, der sich neuerdings immer stärker auf transdisziplinäre "moon shots" oder "große Würfe" konzentriert, die andere für Utopie oder Hirngespinste halten, hat im Herbst 2014 unter Führung seines Technologie-Direktors Ray Kurzweil mit großem Mittelaufwand das Projekt "Endet das Altern und den Tod" gestartet. Es versucht, mittels Zusammenführung und "Selbstlernbefähigung" riesiger, von Googles Suchmaschinen gesammelter und verglichener Datenmengen Informationen "intelligent" zu machen, so dass sich diese sozusagen selbst weiterentwickeln, indem sie sich kombinieren und selbstständig neue Informationen generieren. Das soll in einem ersten Schritt dazu dienen, Krankheiten zu beseitigen und die Lebensdauer des menschlichen Körpers auf ein Mehrfaches zu erhöhen, um schließlich - wenn irgend möglich - den Tod zu besiegen. Einzelne Technologien wie die Verhinderung der Telomeren-Verkürzung oder genetische Modifikation stehen dazu nach Auskunft der Projektverantwortlichen bereit, müssen aber durch die Zusammenführung mit künstlicher Intelligenz ausgereift und besser integriert werden, um einen Niveausprung zu erreichen.
Führende Transhumanisten, etwa der Mitbegründer der Transhumanistischen Bewegung Nick Bostrom, beraten seit Sommer 2014 verstärkt die BRAIN-Initiative der USA in Fragen der Bioethik. BRAIN ist auf Initiative von US-Präsident Barack Obama sehr generell der "Verbesserung" des menschlichen Gehirns und Erkennens gewidmet ("Cognitive Enhancement"), befasst sich dabei aber nur mehr sekundär mit grundsätzlichen Fragen der Ethik und des Menschseins auf der Grundlage des Humanismus, sondern eher mit Machbarkeitsverantwortung in der Perspektive der nun möglichen Umformung des bisherigen Menschseins. Das setzt - gewollt oder ungewollt, und ich möchte genauso wenig wie die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen urteilen, einen Trend mit stark transhumanistischem Beigeschmack frei, der sich nicht nur in den USA, sondern international auswirken wird - und der bereits eifrig von Staaten wie China im Rahmen ihrer Möglichkeiten imitiert wird.
Drittens hat sich der Transhumanismus im Herbst 2014 erstmals als konkrete politische Kraft organisiert und damit eine neue Stufe seines Einflusses erreicht, unabhängig davon, welchen Erfolg die Partei im Einzelnen haben kann oder haben wird. Im Oktober 2014 hat der amerikanische Philosoph und Futurist Zoltan Istvan die "Transhumanist Party" der USA gegründet. Er will damit 2016 für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten kandidieren. Istvan hat 2013 das Buch "The Transhumanist Wager" veröffentlicht, das zum Nr.1 Bestseller bei Amazon wurde, und er ist der Begründer der philosophischen Strömung des "Teleologischen Egozentrischen Funktionalismus" (TEF), die für die radikale Bemühung um Selbststeigerung des Einzelnen unter anderem durch "Verbesserung" seines Körpers und Gehirns eintritt. Istvan möchte das zum politischen Programm erheben, das im US-Präsidentschaftswahlkampf eine konkrete Rolle spielt. Er hat dazu offenbar sehr potente Sponsoren an der Hand, die seiner Partei im stark finanzabhängigen US-Wahlkampf öffentliche Aufmerksamkeit sichern sollen.
Istvans Schritt erfolgte doch nicht einfach so aus dem Nichts?
Roland Benedikter: Die Parteigründung der "Transhumanisten" baut auf mehrere Vorinitiativen auf. Ein Impuls zur politischen Mobilmachung der radikalen Technophilen war der offene Brief des zweiten "Weltzukunftskongresses 2045" am 11. März 2013 an UN-Generalsekretär Ban-ki Moon. Darin forderten bedeutende Philanthropen wie James Martin und Mitglieder wichtiger Universitäten wie Oxford sowie Meinungsmacher und Unternehmer aus den USA, Großbritannien, Russland und Kanada unter anderem die staatliche Förderung der Entwicklung künstlicher Körper (Avatar-Roboter), deren Kombination mit weiterentwickelten Gehirn-Computer-Schnittstellen, der Weiterentwicklung lebensverlängernder Maßnahmen insbesondere für das menschliche Gehirn - eventuell auch abgetrennt vom restlichen physischen Körper -, der Entwicklung eines "vollständigen technischen Äquivalents des menschlichen Gehirns" und schließlich dessen "Verkörperung in einem nicht-biologischen technologischen Substrat" zum Zweck der Unsterblichkeit, was praktisch die Abbildung des menschlichen Geistes als Computerprogramm bedeutet.
Die Kongressteilnehmer 2013 gingen davon aus, dass die heutige Menschheit an einer "Entwicklungsschwelle" steht und dass nur eine radikale Technologieoffensive, die den Menschen von zahlreichen seiner bisherigen Bedürfnisse und Probleme "befreit", Kriege verhindern, das globale Ressourcenproblem lösen und den Weg zu einer individualitätszentrierten globalen Gesellschaft öffnen kann. Diese Ziele entsprechen in etwa denen der neuen "Transhumanistischen Partei" der USA von 2014. Die geplante Kandidatur von Istvan für die US-Präsidentschaft 2016 stellt nun in relativ kurzem Abstand die nächsthöhere Stufe dieses Begehrens dar.
In diesem Sinn fragten vor einiger Zeit internationale Medien, ob der nächste US-Präsident ein Cyborg sein wird - und ob die großenteils religiösen Amerikaner das wollen oder auch nur die Kandidatur zulassen sollten.
Roland Benedikter: Zoltan antwortete mit einem ausgeklügelten Manifest, in dem er erklärt, warum sich ein Transhumanist für die US-Präsidentschaft bewerben sollte, obwohl es natürlich unrealistisch ist, dass er die nächsten Präsidentschaftswahlen gewinnt. Die politische Vision der "Transhumanist Party" ist im Wesentlichen eine dreifache, wie Istvan darstellt: 1) Den Wissenschaftlern und Technologen der USA die Mittel zur Verfügung zu stellen, um den "menschlichen Tod" und das Altern innerhalb von 15-20 Jahren zu überwinden - ein Ziel, das laut Istvan eine wachsende Zahl von führenden Wissenschaftlern für realistisch hält. 2) Eine "kulturelle Mentalität" in den USA zu kreieren, die von der Annahme ausgeht, dass "radikale Technologie zu akzeptieren und zu produzieren" im besten Interesse der USA und der Menschheit "als Spezies" sei. 3) Die Bürger vor dem Missbrauch von Technologie zu schützen und die planetaren Gefahren, die der Eintritt in die "transhumanistische Ära" bedeutet, zu erklären.
Der dritte Punkt ist in Zeiten des NSA-Überwachungsskandals, der in den USA für großen Unmut bei der Bevölkerung sorgt und 2014 sogar zur Anzeige der Regierung durch den Republikaner Rand Paul wegen Persönlichkeitsverletzung geführt hat, ein cleverer Schritt, der die beiden ersten Punkte legitimiert. Dabei wird er von den beiden ersteren in vielerlei Hinsicht ad absurdum geführt, denn wenn "radikale Technologie" das Ziel ist, wer sagt dann, wo die Grenzen sind und der Schutz beginnen soll? Das ist nur einer der vielen Widersprüche des "Transhumanismus", und damit auch von Istvans Wahlprogramm.
Sind diese Ziele denn realistisch?
Roland Benedikter: Das wohl spektakulärste Ziel der transhumanistischen Partei ist, den Tod und das Altern in den nächsten 15-20 Jahren zu "überwinden". Diesen Zeitraum halte ich für unrealistisch, die Überwindung des Todes ist vorerst außer Reichweite, wenn auch Fortschritte in die angegebene Richtung der Lebensverlängerung durchaus schnell erfolgen könnten. Wichtiger in realpolitischer Perspektive ist wahrscheinlich, dass die Partei von Zoltan Istvan mit ihrer politischen Initiative offenbar eine Mentalität in der amerikanischen Bevölkerung zu kreieren versucht, radikale Technologie und Wissenschaft als die beste Lösung für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu betrachten. Das wird dasjenige, was heute bereits im Silicon Valley als Grundüberzeugung gang und gebe ist, in die konkrete parteipolitische Dimension überführen - und das wird Wirkungen zeitigen für die gesamte Konstellation der USA.
So wie es in den USA die Grünen gibt, die zwar institutionell kaum präsent sind, aber Einfluss auf Kreise der Demokraten ausüben und damit zumindest indirekt ein einflussreicher Faktor in der US-Innenpolitik sind, so könnten nun auch die Technophilen eine Rolle spielen - und stärker beide großen Volksparteien der USA beeinflussen, weil Technologie als "nicht-ideologisch" gilt und parteiübergreifend sowohl von Konservativen wie Liberalen positiv gesehen wird. Wobei es natürlich nicht stimmt, dass sie "nicht-ideologisch" ist. Sie ist es sehr wohl, da sie ein bestimmtes Menschenbild für die Zukunft als einzig sinnvolles vorgibt. Das ist vielleicht sogar die grundlegendere und radikalere - auch radikaler ausgrenzende - Ideologie als alle bisherigen, weil es hier nicht mehr nur um gesellschaftliche Ausrichtungen, sondern um die künftige Gestalt des Menschen an sich geht.
Was wird insgesamt mit der Parteigründung beabsichtigt?
Roland Benedikter: Dass sich die radikale internationale Technikcommunity an das Ringen um konkrete politische Macht gewöhnt und der Transhumanismus zu einem dauerhaften politischen Faktor in der öffentlichen Rationalität wird - ausgehend von der sowohl technologisch führenden wie politisch stärksten Macht der Erde, den USA. Man sieht das aber nur als Ausgangspunkt, denn der Transhumanismus ist, so paradox es klingen mag, ein "globaler materialistischer Idealismus": Er will die ganze Menschheit erreichen und ihr "helfen", den - angeblich - "nächsten Schritt" über den bisherigen menschlichen Körper hinaus zu machen, ohne den die Menschheit angeblich in eine Sackgasse gerät, wie etwa Nick Bostrom in einigen seiner auf seiner Homepage veröffentlichten Gedichte "On the bank at the end" ("Am Ende, am Ufer") dargestellt hat.
Was bedeuten diese Entwicklungen für die Politik?
Roland Benedikter: Sie sind meines Erachtens ernstzunehmende Herausforderungen an die traditionellen Parteien sowohl in den USA wie in Europa, ohne dass diese es noch bemerkt haben - mittelfristig wahrscheinlich auch für nicht-demokratische Parteien wie die kommunistische in China. Vielleicht ist die 2014 begonnene politische Organisation der Technophilen sogar die größte Herausforderung an die traditionellen Parteien. Es könnte ein bisschen so sein wie in der Entwicklung des Fernsehens: von breiten Sammelkanälen zu Spezial- und Themenkanälen, von Volksparteien zu Spezialisierungsparteien, von Ideologien zu Anwendungen. Die Botschaft ist: Die Technik wird alles lösen, sie ist der universale Hebel, und sie steht jenseits aller bisherigen Parteien und Ideologien. 2014 hat diese Ideologie angefangen, eine neue Politik zu begründen.
Der Humanismus des 20. Jahrhunderts hatte eine solche direkte politische Sammel-Organisationsform nicht.
Roland Benedikter: Und er hat sie heute im Zeitalter von Internet und "Human Engeneering" erst recht nicht, wogegen der Transhumanismus nun offen auf die politische Macht zugreift und klar seinen Anspruch auf sie äussert. Müssen wir uns nun daran gewöhnen, dass technophile Weltanschauungen, die vor allem in den neueren Generationen des Internet und des Mobiltelefons nicht mehr wegzudenken sind, politisch aufsteigen jenseits der traditionellen Parteien? Das wird eine der großen Fragen der kommenden Jahre sein - in den USA, aber davon ausstrahlend auch darüber hinaus.
Was ist das größte Problem?
Roland Benedikter: Angestrebt wird, den bisherigen Menschen durch einen neuen zu ersetzen - und in eine "Neo-Menschheit" zu überführen, wie es der zweite Weltzukunftskongress formulierte. Die "Transhumanisten" benutzen "Neo-Humanismus" gleichbedeutend mit "Transhumanismus". Dem müssen die Humanisten in konstruktiver Weise eine andere Wortbedeutung von "Neo-Humanismus" entgegensetzen. Wir haben ja noch kaum begonnen zu begreifen, was der Mensch is, und worin unsere Menschlichkeit besteht. Bevor wir den Transhumanismus in den Blick nehmen, sollten wir also zunächst den Humanismus vollenden. Davon sind wir weit entfernt - zum Schaden des menschlichen Selbstverständnisses.
Weil der Humanismus zu schwach ist und teilweise veralteten Ideen anhängt, kann der Transhumanismus gedeihen. Wir brauchen deshalb neue globale Programme des Humanismus - vor allem ein Entwicklungsprogramm für die Menschheit und eine konstruktive Auseinandersetzung mit den neuen Technologien. Das kann nicht nur von Privaten ausgehen, sondern daran sollten sich auch Institutionen - zum Beispiel Universitäten - und Staaten beteiligen, in ihrem eigenen Interesse. Die Spaltung der Bevölkerungen in neue Weltanschauungskämpfe um den Menschen und das Menschsein sollte vermieden werden. Ein vernünftiger Dialog ist zu allseitigem Vorteil - auch für die Transhumanisten selbst.
Was wäre ein Beispiel für die Unterschiede zwischen Humanisten und Transhumanisten in konkreten Fragen?
Roland Benedikter: Ein zentrales Problem ist nicht mehr nur auf wirtschaftlichem und sozialem, sondern auch auf technischem Gebiet mittlerweile tatsächlich, wie Nick Bostrom im August 2014 vor dem US-Ethikrat sagte und wie es interessanterweise etwa gleichzeitig auch der eher humanistisch ausgerichtete Miterfinder des Internets, Tim Berners-Lee, im Dezember darstellte, die Ungleichheit. Aber die Meinungen gehen auseinander, wie mit ihr umzugehen ist.
Berners-Lee forderte als Reaktion auf den Bericht der von ihm geleiteten "World Wide Web Foundation", die den Beitrag des Internet zu sozialem, wirtschaftlichem und politischem Fortschritt in 86 Ländern misst, die Anerkennung des Internetzugangs als Menschenrecht. Das würde den Transhumanisten nie einfallen - einfach, weil sie den klassischen Begriff des Menschen, und damit auch der Menschenrechte, überwinden wollen. Den Transhumanisten kommt von den klassischen Weltbildern wohl noch am ehesten der Shintoismus entgegen, wo alles: Dinge, Pflanzen, Tiere und Menschen beseelt und gleichermaßen "wertvoll" ist, wo es also im Prinzip keinen Unterschied zwischen einem Ding und einem Menschen gibt.
Wird die Technisierung der Lebenswelt durch die Kombination von künstlicher Intelligenz und Internet voranschreiten?
Roland Benedikter: Anzeichen dafür gibt es, der Prozess verläuft auf beiden Seiten des Pazifik gleichzeitig. Das chinesische Google-Pendant Baidu arbeitet ebenfalls daran, über die Nutzung seiner Datenmengen und seines Netzwerks durch die Vernetzung von zehntausenden Computern eine "lernende Intelligenz" zu schaffen, wozu der Stanford-Forscher Andrew Ng 2014 eine neue Forschungseinrichtung für Baidu in Kalifornien gegründet hat. Zugleich geht auch Facebook neue Wege: 2014 arbeitete man intensiv an einem sogenannten "digitalen Assistenten" für die User. Es handelt sich um eine Funktion künstlicher Intelligenz mit Selbstlernmechanismus hinsichtlich Identifikationsaufgaben, die u.a. durch die Kombination von künstlicher Intelligenz und Identifikationstechnologien verhindert, dass User Bilder von sich in betrunkenem Zustand posten.
Das zentrale Problem bei all diesen Bemühungen ist, die rasch voranschreitende künstliche Intelligenz und die daraus möglicherweise entstehende "Singularität" einfach mit dem menschlichen Bewusstsein gleichzusetzen. Eine formale, wenn auch hochentwickelnde und "lernende" operative Logik ist in Wirklichkeit nicht dasselbe wie ein ontologisches, das heisst ein seiner Akte während dieser Akte bewusstes Selbst-Bewusstsein. Ironischerweise sagt gerade Ray Kurzweil, dass Bewusstsein, vor allem menschliches Bewusstsein, mehr ist als reine Logik und lernende Kombination von Elementen - was ja auch der Fall ist.
Ist die Technisierung eine unausweichliche Entwicklung?
Roland Benedikter: Unausweichlich nicht, aber Technik und Mensch wachsen in der Tat auf vielen verschiedenen Ebenen mit exponentieller Geschwindigkeit zusammen, gerade auch mit Blick auf den Alltag. Jeans, die bereits so gemacht werden, dass sie Drahtlossignale blockieren, damit man nicht die Zahlungscodes aus den Mobiltelefonen stehlen kann, oder die Apple-Uhr, die voraussichtlich nur der erste Schritt ist, permanent auch physisch mit intelligenter Technologie verbunden zu sein (oder, wie Lev Grossman das nennt, "niemals mehr offline zu sein"): Das sind, wenn wir realistisch sind, Signale weniger einer Anthropologisierung der Technik als doch eher der Technisierung des Menschen. Technologie hat im Jahr 2014 vielleicht die wichtigsten Impulse gesetzt und in der größten Spannbreite gewirkt. Das sollte uns zu denken geben, gerade im Hinblick auf die Zukunft des Politischen.
Die Transhumanisten betonen selbst immer wieder, dass der Übergang in ein transhumanistisches Zeitalter mit erheblichen Gefahren verbunden ist. Welche Möglichkeiten des Missbrauchs der neuen Technologien sehen Sie und was bedeutet das für die künftige Sicherheitspolitik der USA?
Roland Benedikter: Nick Bostrom hat in seinem neuen Buch "Superintelligence", das im Sommer 2014 erschienen ist und kontrovers diskutiert wurde, in der Tat eloquent auf die Gefahren hingewiesen. Das bereits erwähnte Kontrollproblem wird eine zentrale Frage sein, um das Verhältnis zwischen künstlicher Intelligenz, Technologie und Mensch für die kommenden Jahre zu definieren und abzusichern. Was er aber nicht erwähnt, sind die inneren Widersprüche und blinden Flecken des Transhumanismus, dessen Denk-Probleme, die Verhältnisse, was das Menschsein und insbesondere die spezifische Form des menschlichen Bewusstseins und seiner Beziehung zum Körper betrifft, etwas tiefer anzuschauen.
Beispielsweise behaupten die Transhumanisten gern: "Es gibt kein Ich." Damit wollen sie nahelegen, dass der Mensch nichts Besonderes im Vergleich zur intelligenten Maschine ist - und daher auch mehr oder weniger beliebig "umgebaut" werden kann. Aber wer sagt das - diesen Satz? Ein Ich muss bereits da sein, um ihn überhaupt zu äußern, womit sich der Satz in seiner Akt-Logik, während er ausgesprochen wird, selbst aufhebt. Was ein "Ich" ist, wird im Gegensatz zu dieser Behauptung die Differenz zur "Superintelligence" definieren müssen, und damit das Menschliche in seinem Verhältnis zur künftigen Technik - eine Anschauung an der Basis aller Dinge, die die Transhumanisten wegen ihrer extremen Technophilie nicht in den Blick bekommen.
Glauben Sie, Zoltan Istvan hat mit seinen transhumanistischen Visionen eine realistische Chance im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016?
Roland Benedikter: Meine Prognose: Die Transhumanist Party ist ein cleverer Schritt zumindest für die Transhumanisten. Manche in den USA glauben zwar, er sei kontraproduktiv. Denn solange die Transhumanisten im Hintergrund ihren Einfluss geltend gemacht haben, gab es wenig Widerstand. Nun, da sie politisch kandidieren, wird der Widerstand wachsen. Das wird durchaus der Fall sein. Ich kann mir auch nur schwer vorstellen, dass so ein Programm mehrheitsfähig ist, weil es den meisten Amerikanern viel zu radikal ist. Aber es wird zunächst verstärkte kritische Auseinandersetzung hervorbringen. Mittel- bis langfristig wird es aber viele anziehen. Ich schätze das Potential dieser Partei zumindest in den 13 Weststaaten der USA auf 15-20%.
... auch wenn es so viele Grundsatzfragen gibt? Interessant wäre zum Beispiel die Frage, warum offenbar religiöser Fanatismus mit dem Ziel einer Säuberung der Erde, wie bei ISIS, gleichzeitig mit dem Transhumanismus einhergeht.
Roland Benedikter: Ja. Eine wichtige Frage ist, ob uns mit der politischen Organisation der Technologie nun ähnliche Fundamentalismus-Entscheidungen innerer Natur auch am Schnittpunkt zwischen dem politischen und technologischen Bereich ins Haus stehen wie bisher am Schnittpunkt zwischen dem politischen und religiösen. Wenn eine Gruppierung wie ISIS die Frage aufwirft: Soll ich mein Leben für einen Gott opfern, so könnte die Technik nun die Frage aufwerfen:Ssoll ich mir meine gesunde Hand abnehmen lassen, weil ich demonstrieren will, dass die Technik der Weg des Menschen in die Zukunft ist? Es ist dieselbe innere Entscheidung, derselbe innere Entschlussweg und dieselbe Herausforderung - oder nicht? Beides ist jedenfalls politisch, und manche glauben, auf sehr unterschiedliche Weisen. Aber sind das wirklich so unterschiedliche Herausforderungen?
Welche konkreten Aufgaben für Kulturwissenschaften und Ethik sehen Sie in dieser Debatte? Welche Möglichkeiten gibt es, sich kritisch mit den Auswirkungen des technologischen und naturwissenschaftlichen Fortschritts auseinanderzusetzen? Und wie können auch Aspekte, welche dem Fortschrittsdrang technophiler Forscher und Investoren nicht vollends entsprechen oder sogar entgegengesetzt sind, auf den Transformationsprozess Einfluss nehmen?
Roland Benedikter: Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, wie die Entwicklung zu beeinflussen ist - abgesehen von der besseren und zeitgemäßeren Selbstorganisation des Humanismus und der Entwicklung alternativer Programme, die dann durchaus ins Gespräch mit den Transhumanisten eintreten sollten -, ist: nicht wegzusehen. Wir sollten im Gegenteil möglichst viel Aufmerksamkeit auf die aktuellen "tiefenambivalenten" Tendenzen richten und alles tun, um das gesellschaftliche Gespräch darüber zu intensivieren. Vor allem in Europa ist das Thema meiner Meinung nach noch unterbelichtet. Die meisten Menschen wissen kaum etwas darüber, was da überhaupt vorgeht, weil die Diskussion im Unterschied etwa zu den USA in den europäischen Medien kaum vorkommt. Das sollte sich schnell ändern, damit unsere Diskussionsreife zunimmt.
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