2018: Der "böseste Mann von der Welt" ist gemeinfrei

Aleister Crowley bei seiner Expedition zum K2, mit Familie - und wie man ihn kennt (1902, 1910 und 1912).

Neben den Werken von Aleister Crowley sind ab 1. Januar auch die von Hans Fallada, Luigi Russolo und Max Planck kostenlos verfügbar

Über einen der interessantesten Autoren und - wenn man so will - Aktionskünstler, dessen Werk 2018 gemeinfrei wurde, hat Hans Schmid bereits ausführlich in Telepolis geschrieben (vgl. Der böseste Mann von der Welt): Aleister Crowley, der am 1. Dezember 1947 (angeblich mit dem Satz "I'm perplexed" auf den Lippen) im beschaulichen Seebad Hastings an Herzversagen starb, war ein großer Ritual- und Religionserfinder, was sich unter anderem in seinem erstmals in den Nuller Jahren des letzten Jahrhunderts erschienenen Werk Liber AL vel Legis nachlesen lässt. Aus ihm stammen von Hippies, Libertären und Transhumanisten aufgegriffene Slogans wie "Do what thou wilt shall be the whole of the Law", "Every man and every woman is a star", "Love is the law, love under will" oder "Death is forbidden, o man, unto thee".

Der Satanist, als der er und nach ihm gestaltete Figuren in zahlreichen Werken der Popkultur dargestellt werden, war Crowley "eher nicht", wie Hans Schmid in seiner ausgesprochen lesenswerten Schilderung zeigt. Dafür war der von der Mythologie des antiken Ägypten faszinierte Spross apokalypsefaszinierter Bibelgläubiger unter anderem Mitglied im okkulten Geheimbund Order of the Golden Dawn, selbsternannter "Sexualmagier", Drogenpionier, Hochgebirgs-Bergsteiger, und Vertreter eines evolutionseuphorischen Zeitgeists wie man ihn auch in den Werken von Herbert Spencer und Friedrich Nietzsche findet. Neben seinem oben genannten Hauptwerk gibt es von ihm zahlreiche Artikel, Gedichte, eine zweibändige Autohagiographie, einem Drogentagebuch, acht Yoga-Lektionen und weitere protoreligiöse Schriften wie das bekannte Book of Lies und Magick in Theory and Practise.

Während Übersetzungen von Werken Aleister Crowleys (wie beispielsweise die des Berliner Wizards-of-OS-Veranstalters Volker Grassmuck - vgl. Wissen zwischen Kontrolle und Freiheit) noch nicht gemeinfrei sind, dürfen die Werke des 5. Februar 1947 verstorbenen Hans Fallada ab dem 1. Januar 2018 kostenlos auf Deutsch verbreitet werden. Der Greifswalder Schriftsteller, der eigentlich Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen hieß, entnahm sein Pseudonym dem wahrheitssprechenden Pferdekopf aus dem grimmschen Märchen von der Gänsemagd und wurde international mit dem 1932 veröffentlichten und zwei Jahre darauf vom Hollywood-Regisseur Frank Borzage verfilmten Depressionsroman Kleiner Mann - was nun? weltweit bekannt.

Hans Fallada, gezeichnet vom 1944 verstorbenen Erich Ohser

Vorher hatte der Morphinist, der nur 53 Jahren alt wurde, zwei Mal im Gefängnis gesessen, weil er zur Finanzierung seiner Sucht Unterschlagungen und Betrügereien beging. Zur so genannten "Neuen Sachlichkeit" hatte der Schulabbrecher bereits in seiner 1931 erschienenen Milieustudie Bauern, Bonzen und Bomben gefunden, in dem sich Landwirte gegen Zwangspfändungen zur Wehr setzen. Die Ereignisse, die diesem Roman zugrunde liegen, hatte er 1929 als Lokalreporter in Schleswig-Holstein selbst miterlebt. Im 1937 erschienenen Wolf unter Wölfen beschäftigt er sich mit den ebenfalls selbst erlebten Verwerfungen der Inflationszeit; im kurz vor seinem Tod fertiggestellten Jeder stirbt für sich allein mit dem der Unmöglichkeit offener politischer Gegnerschaft in einem totalitären System.

Etwas weniger unterhaltsam als Aleister Crowley oder Hans Fallada lesen sich die Werke von Max Planck, dem Pionier der Quantenphysik, der am 4. Oktober 1947 in Göttingen starb. Der Nobelpreisträger wählte sein Fach 1874 trotz der Warnung des Münchner Professors Philipp von Jolly, dass in der Physik "schon fast alles erforscht sei, und es gelte, nur noch einige unbedeutende Lücken zu schließen". Als Otto Hahn Planck während der Herrschaft Hitlers dazu bewegen wollte, sich in einem gemeinsamen Professorenappell schützend vor jüdische Kollegen zu stellen, antwortete ihm der jetzt gemeinfreie Physiker in Kenntnis der Konkurrenz an Hochschulen: "Wenn Sie heute 30 solcher Herren zusammenbringen, dann kommen morgen 150, die dagegen sprechen, weil sie die Stellen der anderen haben wollen."

Max Planck um 1930

Das bekam auch Planck selbst zu spüren, als er und andere verhältnismäßig moderesistente theoretische Physiker von Vertretern der damaligen Zeitgeistströmung der "Deutschen Physik" wegen ihrer Weigerung, die ergebnisoffene Suche nach der Wahrheit einer geforderten Haltung unterzuordnen, als "weiße Juden" angegriffen wurden. Als Bomben aus Flugzeugen der Alliierten, im Februar 1944 sein Haus in Berlin zerstörten, wurde der bereits betagte Max Planck obdachlos, bis er in einer Melkerkate unterkam. Nach dem Krieg beauftragte man ihn damit, die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wieder aufzubauen, die heute seinen Namen trägt.

Während der Hobbymusiker Max Planck eine Operette mit dem Titel "Die Liebe im Walde" komponierte, die dem alliierten Bombenangriff zum Opfer fiel, wollte der am 4. Februar 1947 in Cerro di Laveno verstorbene Italiener Luigi Russolo die Musik an die veränderten Gegebenheiten des Industriezeitalters anpassen. Dazu veröffentlichte der Anhänger des Futurismus, der eigentlich Maler war, 1913 das Manifest L'arte dei rumori - übersetzt: "Die Kunst der Geräusche".

Luigi Russolos Geräuschmaschinen, 1913

Außerdem erfand er drei Jahrzehnte vor der Musique concrète Instrumente wie den "Knatterer", den "Explodierer" oder den "Heuler", die Umweltgeräusche ohne das (damals noch nicht existierende) Tonband auf die Bühne brachten. Sein "Großes Futuristisches Konzert", das am 21. April 1914 im Mailänder Teatro Dal Verme stattfand, wurde von der Polizei beendet, nachdem sich dort Futuristen mit pfeifenden und gemüsewerfenden Traditionalisten eine Saalschlacht lieferten (vgl. Das Tempo des Lebens: Vorsichtige Annäherung an den Futurismus).

Im Zweifelsfall noch nicht gemeinfrei muss man das Werk des am 30. November 1947 in Los Angeles verstorbenen Berliners Ernst Lubitsch behandeln. Das liegt daran, dass an den Filmen des Regisseurs trotz dessen klar erkennbarer Handschrift viele andere Akteure mitwirkten, über deren Anteil und dessen Schöpfungshöhe sich trefflich streiten lässt. Am ehesten lässt sich Gemeinfreiheit für die stummen Komödien und Kostümfilme annehmen, die Lubitsch drehte, bevor er 1922 nach Hollywood ging. Zur vollen Geltung kam sein Talent erst mit dem Tonfilm und dessen Dialog- Musik- und Geräuschmöglichkeiten. Neben seinen bekanntesten Werken To Be or Not to Be, Ninotchka, The Love Parade, Trouble in Paradise und Design for Living empfiehlt sich vor allem sein 1940 entstandener The Shop Around the Corner, über den Hans Schmid bereits ausführlich geschrieben hat (vgl. Weihnachten mit Matuschek und Company).

Ebenfalls komplizierter ist die Urheberrechtslage beim Werk des am 7. April 1947 in der von ihm aufgebauten Autostadt Dearborn verstorben Unternehmers Henry Ford. Der Mann, dessen Name heute nicht nur für eine Produktionsweise, sondern für ein ganzes Zeitalter steht, revolutionierte nicht nur den Automobilbau, sondern gab auch ein Buch mit dem Titel The International Jew heraus, was ihm bei Adolf Hitler und anderen Nationalsozialisten zu großem Ansehen verhalf. Die Texte in dem vierbändigen Werk, das unter seinem Namen erschien, stammen jedoch nicht von Ford selbst, sondern von Autoren seiner Wochenzeitung The Dearborn Independent wie beispielsweise Ernest Gustav Liebold, der erst am 4. März 1956 verstarb. Tatsächlich gemeinfrei ist dagegen Fords Autobiographie My Life and Work. (Peter Mühlbauer)

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