2020: Neuer Hitzerekord

Deutsches Forschungsschiff Polarstern, Aufnahme von September 2019. Bild: Alfred Wegener Institute/S. Hendricks - CC BY-SA 3.0 IGO

Die Energie- und Klimawochenschau: Ein neues Rekordjahr, schwindendes Eis, Lust von RWE an sinnloser Zerstörung und ein des Völkermords beschuldigter Präsident

Alles redet von der Corona-Pandemie, aber weder die Zerstörungswut des Energiekonzerns RWE im Rheinland noch die Klimaveränderungen machen eine Pause. Die vom japanischen Wetterdienst analysierten Daten zeigen, dass 2020 mit sehr knappem Vorsprung vor 2016 das wärmste Jahr war, seit es hinreichende Messdaten gibt, um daraus ein globales Mittel zu bestimmen.

Die Japaner setzen dafür übrigens das Jahr 1890 an, andere Gruppen bilden schon ab 1880 oder gar 1850 einen globalen Mittelwert. Je weiter man zurückgeht, desto größer ist der Messfehler. Andererseits gibt es in verschiedenen Ländern auch ältere Temperaturzeichnungen aus Logbüchern und ähnlichem zu digitalisieren, um sie, sofern Kenntnisse über die verwendeten Instrumente und Messbedingungen vorhanden sind, mit späteren Daten vergleichbar zu machen.

2010 war das bisher wärmste Jahr. Abweichung der über den ganzen Planeten und jeweils ein Jahr gemittelten Temperatur vom Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010. Die rote Gerade beschreibt den linearen Trend über die ganze Zeitreihe. Bild: Japanischer Wetterdienst

Der Abstand zu 2016 ist dabei übrigens im Bereich der Messgenauigkeiten, das heißt, die beiden Jahre können als gleich warm angesehen werden. Das Besondere daran: 2016 war ein Jahr mit einem ausgesprochen starkem El-Niño-Ereignis.

Dieses quasi-periodisch auftretende Phänomen, bei dem größere Teile des tropischen Pazifiks und angrenzende Regionen wärmer als sonst sind, drückt für gewöhnlich den globalen Durchschnitt nach oben. Das Gegenstück dazu sind die kühleren La-Niña-Ereignisse, von denen sich eines in den letzten Monaten 2020 entwickelte.

In der obigen Grafik ist als rote Gerade der lineare Trend über die gesamte Zeitreihe dargestellt. An ihm lässt sich absehen, dass von jährlichen oder auch längeren Schwankungen abgesehen der Temperaturanstieg pro Jahrhundert 0,75 Grad Celsius beträgt. Zugleich sieht man an der Abbildung aber auch, dass die Erwärmung ab der zweiten Hälfte der 1970er Jahre deutlich schneller voranschreitet.

Arktis erwärmt sich rasant

Besonders besorgniserregend ist dabei, dass die Entwicklung an den Polen nochmals schneller verläuft. Schon im September vergangenen Jahres hatte die US-Raumfahrtagentur NASA auf einem ihrer Twitter-Accounts geschrieben, dass sich die Arktis inzwischen dreimal so schnell wie der Rest des Planeten erwärmt. Anlass war seinerzeit, dass das Meereis auf dem nördlichen Ozean fast einen neuen Minusrekord mit seinem sommerlichen Minimum aufgestellt hatte.

Aktuell liegen in einigen Regionen im hohen Norden die Temperaturen bis zu über 20 Grad über dem für die Jahreszeit normalen Messwert. An Spitzbergens Südspitze, wo längst tiefer Winter herrschen sollte, wurden zu Wochenbeginn Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt gemessen. Höhere Wintertemperaturen über der Arktis bedeuten, dass das Eis dünner bleibt und im nächsten Sommer leichter durch Wind und Sonne dezimiert werden kann. (Hier ein Bericht über die Erforschung der Arktis mit einer ganzjährigen Expedition des deutschen Forschungsschiffes "Polarstern" 2019/2020.)

Aktuelle Eisbedeckung in der Arktis. Die magentafarbene Linie zeigt den Median an, das heißt, in der Hälfte der Jahre 1981 bis 2010 war die Eisgrenze diesseits und in der anderen Hälfte jenseits dieser Linie. Bild: National Snow and Ice Data Center der USA

Entsprechend befindet sich derzeit viel zu wenig Eis auf dem Arktischen Ozean und den angrenzenden Meeren. Die Ostsee ist zum Beispiel noch weitestgehend eisfrei, wie die an der Uni Bremen aufbereiteten Satellitendaten zeigen.

Für die Ostsee-Ringelrobbe ist das ein besonderes Problem, da sie auf Eis angewiesen ist, wenn sie ihre Jungen im Februar und März zu Welt bringt und zunächst in Schneehöhlen aufzieht. Im letzten Winter waren Hunderte junger Robben gestorben, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete.

Tropenstürme über Australien

Derweil ist zwar die atlantische Hurrikan-Saison vorbei, dafür fängt aber nun auf der Südhalbkugel die Zeit der Tropenstürme an. Am Wochenende zeigte die aktuelle Übersicht der Weltmeteorologieorganisation WMO einen Wirbelsturm über dem Indischen Ozean, der fernab aller Küsten keinen Schaden anrichten konnte, ein weiterer bildete sich über Nordaustralien. Dieser zweite Sturm sorgte zu Beginn der Woche im Nordosten des Landes für reichlich Niederschlag und manche Überschwemmung.

Über dem Nordatlantik hatte die Anfang Dezember beendete Hurrikan-Season geradezu historische Ausmaße angenommen. Für gewöhnlich werden dort rund ein Dutzend größerer und daher benannter Stürme gezählt. Doch 2020 waren es 30.

13 dieser Unwetterphänomene waren ausgewachsene Hurrikane und sechs davon besonders große der Kategorie drei und höher, berichtet Inside Climate News. Normal sind über dem Nordatlantik in einer Saison sechs Hurrikans und drei in den höchsten Kategorien. Besonders hart wurden einige Staaten Mittelamerikas wird Nicaragua getroffen. Aber auch der US-Bundesstaat Louisiana wurde gleich von fünf tropischen Stürmen heimgesucht, soviel wie nie zuvor in seiner Geschichte.

Hurrikane bilden sich über warmen Meeresoberflächen, aus denen sie einen großen Teil ihrer Energie beziehen. Der Golf von Mexiko war in diesem Jahr besonders warm und zwar auch in etwas größeren Tiefen.

Normalerweise dämpfen sich starke Hurrikane selbst, indem ihre starken Winde das Meer aufwühlen und kühleres Wasser an die Oberfläche bringen. Das scheint aber in einem wärmeren Klima nicht mehr so gut zu funktionieren, da die Erwärmung mehr und mehr in die Ozeane eindringt.

Letztes Jahr hatte es über Griechenland ja sogar einen der seltenen Mittelmeer-Hurrikane gegeben, von denen einige Klimawissenschaftler erwarten, dass sie in Zukunft vermehrt zu beobachten sind. Aktuell sind in der Region zwar keine Wirbelstürme, aber starke Niederschläge zu erwarten.

Auch auf den griechischen Inseln vor der türkischen Küste, wo auf Lesbos Tausende Flüchtlinge hinter Stacheldraht auf ein mit Munitionsresten verseuchten Gelände gesperrt und unzureichend mit Essen und sanitären Einrichtungen versorgt werden.

Oder auf dem Balkan, wo in Bosnien Flüchtlinge nach dem Brand eines Lagers bei Bihac unter freien Himmel oder in Zelten ohne Boden übernachten müssen. Und dies bei Temperaturen um die null Grad Celsius.

Vandalismus unter Polizeischutz

Im rheinischen Braunkohlerevier widersetzten sich am Dienstag Klimaschützer dem Abriss von Häusern im kleinen Dörfchen Lützerath, das zur Stadt Erkelenz gehört. Das Dorf grenzt an den Tagebau Garzweiler an und wird noch von vier Familien bewohnt. Ein ansässiger Bauer weigert sich bisher standhaft, an RWE zu verkaufen, wie das Bündnis Alle Dörfer bleiben in einer Pressemitteilung schreibt.

Der Verdacht liegt nahe, dass der Abriss der Zermürbung der letzten Anwohner dient, wie auch schon das Fällen von Bäumen mitten im Dorf. Am Dienstag haben Anwohner und vor allem Unterstützer aus benachbarten Dörfern und Städten mit Protesten und einer Sitzblockade auf dem Dach eines der zum Abriss bestimmten Häuser die Zerstörungsaktionen der RWE-Arbeiter erheblich verzögert.

Der Abriss erzeugt natürlich einen unerträglichen Druck auf die Menschen, die immer noch in Lützerath wohnen. RWE power möchte die Lage eskalieren und Fakten schaffen: Erst wird die Straße abgebaggert, dann werden alle Bäume im Dorf gerodet und nun sollen die Häuser abgerissen werden. Ab jetzt droht ein Leben zwischen Trümmern und Schutt.

Katharina Kaspers-Siebert von der Initiative "Die Kirche(n) im Dorf lassen

Ein massives Polizeiaufgebot wurde aufgefahren, das die Aktivistinnen und Aktivisten schließlich mit einer Hebebühne vom Dach holte. Hier finden sich ein paar kürzere und ein längeres Video der Aktivistinnen und Aktivisten mit Eindrücken und Stellungnahmen.

Das Bündnis verweist in seiner Pressemitteilung darauf, dass der weitere Abbau von Braunkohle nicht mit der Pariser Klimaübereinkunft zu vereinbaren sei. Auch im neuen Jahr habe sich bei RWE nichts geändert. Entgegen der eigenen Image-Kampagne bleibe Klimazerstörung das Kerngeschäft des Konzerns, meint Bündnis-Sprecher David Dresen.

Besondere Brisanz erhält der Vorgang, durch ein kurz vor Weihnachten bekannt gewordenes Gutachten, dessen Veröffentlichung das Bundeswirtschaftsministerium über ein Jahr verzögert hatte, wie der Spiegel schrieb. (Hier ein kurzer Beitrag auf Sat1, in dem Anwohner zur Sprache kommen.)

Nach diesem Gutachten könnten mit den Maßgaben des Kohleausstiegs bis 2038 sechs der sieben vom Abriss bedrohten Dörfer gerettet werden. Rund ein Drittel der Kohle in Garzweiler II, für den gerade Lützerath vandalisiert wird, könnte im Boden bleiben, hielte sich RWE an den Beschluss der sogenannten Kohlekommission auf den sich im Januar 2019 Kohlekonzerne, Wissenschaftler, Kommunalpolitiker, Anwohner und Umweltschützer geeinigt hatten (Kohlekommission: Ein fauler Kompromiss).

In das zwischenzeitlich verabschiedete Kohlegesetz, das den Ausstieg bis 2038 vorsieht, hatte das Gutachten keinen Eingang gefunden. Stattdessen wird dem Tagebau Garzweiler II im Paragraph 48 "die energiepolitische und energiewirtschaftliche Notwendigkeit und der vordringliche Bedarf (…) in den Grenzen der Leitentscheidung der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen (...) vom 5. Juli 2016" bescheinigt und zwar ohne irgendeinen überprüfbaren Nachweis.

Das nun veröffentlichte Gutachten zeigt vielmehr, dass es einen solchen Nachweis gar nicht geben kann, dennoch kann sich RWE nun auf das Kohlegesetz stützen, um die Menschen aus ihren Dörfern zu vertreiben. Das Bündnis hatte wegen diesem Umgang mit Fakten und Gutachten im Dezember den Rücktritt von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier gefordert.

CO2-Abgabe auf Kraftstoffe

Ansonsten gibt es seit Jahresbeginn nun auch einen Preis für das Kohlendioxid, das bei der Verbrennung von PKW-Kraftstoffen und Erddgas entsteht. Zunächst werden 25 Euro pro Tonne erhoben, bis 2025 soll der Preis dann auf 55 Euro pro Tonne steigen. Das Umweltbundesamt schätzte 2016 den von einer Tonne CO2 verursachten Schaden auf 180 Euro pro Tonne.

Die SPD hat im Zusammenhang mit der neuen Steuer den Gedanken ins Spiel gebracht, auch Vermieter an den CO2-Kosten zu beteiligen. So könnte nach ihren Vorstellungen ein Anreiz für Vermieter geschaffen werden, Häuser besser zu dämmen und den Heizaufwand zu vermindern. Wegen unterschiedlicher Abrechnungs- und Heizsysteme dürfte das aber schwierig werden.

Benzin hat sich durch den neuen CO2-Preis um rund sieben Prozent verteuert und der Dieselpreis wird in der gleichen Größenordnung steigen. Damit bewegen sich die Kraftstoffpreise immer noch in der Schwankungsbreite der letzten Jahre.

Zuletzt war der Liter Superbenzin so niedrig wie seit 2009 nicht mehr und bewegte sich mit durchschnittlich 129,5 Cent pro Liter eher auf dem Niveau von Mitte der 2000er Jahre, wie die Daten von statista.com zeigen. Mit dem neuen Aufschlag wird der Kraftstoff immer noch billiger sein als in den meisten Jahren des vergangenen Jahrzehnts.

Dafür sorgt nicht zuletzt der weiter niedrige Ölpreis, der angesichts der in vielen Ländern außerhalb Ostasiens um sich greifenden Rezession sicherlich noch auf längere Sichte im Keller bleiben wird und den Lieferländern wie auch Energiekonzernen mächtig zu schaffen macht. Viele teure, unkonventionelle Fördermethoden wie der Teersandabbau in Kanada und das sogenannte Fracking in den USA werden mehr und mehr unprofitabel.

Jair Bolsonaro in Den Haag angezeigt

Und zum Schluss die gute Nachricht der Woche. Brasiliens rechtsextremer Präsident Jair Bolsonaro wurde von Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angezeigt.

Das Gericht hat die Anzeige akzeptiert und Vorermittlungen angenommen, berichtet die deutsche Organisation "Rettet den Regenwald".

Die am Gerichtshof zuständige Anklägerin, Fatou Bensouda, soll nun ermitteln, ob Bolsonaro zum Völkermord aufgestachelt und systematische Angriffe auf indigene Völker unternommen hat. Besonders fragwürdig sei auch die Rolle aggressiver evangelikaler Sekten und Freikirchen, die dem Rechtsradikalen Bolsonaro ins Amt geholfen haben und seine Politik unterstützen, schreibt "Rettet den Regenwald", die die Anzeige mit einer Petition unterstützen.

Die Angriffe auf Brasiliens Indigene – Telepolis berichtete wiederholt über die Ermordung von führenden Vertretern der Gemeinden – hängen eng mit der Zerstörung des Regenwaldes im Amazonasbecken zusammen.