227 tödliche Angriffe auf Umweltaktivisten

Illegale Holzentnahme in Brasilien. Bild: Wilson Dias/Agência Brasil/CC BY 3.0 BR

Global Witness: Im vergangenen Jahr wurden mehr Land- und Umweltschützer gewaltsam ums Leben gebracht als je zuvor

Ausbeutung und Gier sind Treiber der Klimakrise; Mord und Totschlag, begangen an Umweltaktivisten, legen die Brutalität einer rücksichtslosen Wirtschaftsweise offen, so der Kern des aktuellen Berichts der NGO Global Witness in nuce. Er zählt 227 Menschen, die wegen ihres Einsatzes gegen Ausbeutung von Land und Ressourcen im vergangenen Jahr getötet wurden.

Das sei nur ein Ausschnitt, betont der Bericht, der Namen der getöteten Aktivisten auflistet und Einzelfälle exemplarisch vorstellt. Die Zahl der gewaltsam zu Tode gebrachten "Umweltaktivisten" würde jährlich steigen, berichtet die NGO. Im Lauf des Jahres 2020 seien mehr Umweltschützerinnen und Umweltschützer getötet worden, als je zuvor gezählt wurden. Im Jahr zuvor waren es 212.

Nach eigenen Angaben geht Global Witness bekannten und gut dokumentieren Fällen nach und zählt nur diese auf.

Jeder Mord ist eine komplexe und zutiefst persönliche Tragödie, die ihre Wurzeln in einem räuberischen, von Gier getriebenen Wirtschaftsmodell hat. Es mag sich morbid anfühlen, jeden Tod eines Land- und Umweltschützers aufzuzeichnen und zu analysieren. Aber es ist wichtig zu verstehen, was diese scheinbar disparaten Fälle miteinander verbindet - von den Wasserschützern, die im Norden Mexikos ermordet wurden, bis hin zu der südafrikanischen Großmutter, die vor ihrem Haus erschossen wurde, weil sie sich offenbar gegen die Erweiterung einer nahe gelegenen Kohlemine wehrte.

Die Analyse des gesamten Datensatzes hilft uns, die Überschneidungen zwischen den Ursachen dieser Angriffe zu verstehen, was sie darstellen, was auf dem Spiel steht und welche Maßnahmen Regierungen und Unternehmen ergreifen müssen, um sie zu verhindern.

Global Witness, Last Line of Defence

Die Grauzone sei groß. Man geht davon aus, dass viele Angriffe, Drohungen und Einschüchterungen der Öffentlichkeit unentdeckt bleiben, da Unternehmen und die Regierungen die Macht haben, sich gut abzuschirmen - nicht nur vor der Öffentlichkeit, sondern auch vor Gericht. An der Jahrzehnte alten Praxis, dass Regierungen bei großen Unternehmen nicht genau hinschauen, wenn es um Bodenrechte, Ausbeutung der Ressourcen, Umweltschutz und nicht zuletzt Menschenrechte geht, hat sich nichts Grundlegendes geändert, wie aus dem Bericht hervorgeht.

Die meisten Todesfälle wurden in südamerikanischen Ländern gezählt. In Kolumbien wurden im vergangenen Jahr 65 ermordete "Land- und Umweltschützer" gezählt. Das sei die höchste Zahl im zweiten Jahr in Folge. In Mexiko wurden 2020 dreißig tödliche Angriffe auf Land- und Umweltschützer dokumentiert - ein Anstieg um 67 Prozent gegenüber 2019. In Nicaragua waren es zwölf solcher Mordfälle. Umgerechnet auf die Einwohnerzahl sei es statistisch das "gefährlichste Land für Land- und Umweltschützer".

Sieben der zehn Länder mit den meisten Angriffen liegen in Lateinamerika. In Brasilien (20 Mordfälle) und Peru (6) fanden fast drei Viertel der erfassten Angriffe in der Amazonasregion statt, so die Beobachtung der NGO. Als Auffälligkeit wird herausgestrichen, dass die brutalen Akte mit Ausnahme eines Falles sämtlich im Globalen Süden stattfanden. "In dem Zeitraum, seit Global Witness mit der Datenerfassung begonnen hat, wurden weniger als ein Prozent aller erfassten tödlichen Angriffe im Globalen Norden dokumentiert."

Als Sektor mit den meisten Morden wird die Rodung von Wäldern angegeben. "Abholzen (i.O. logging) war mit 23 Fällen der Sektor mit den meisten Morden - mit Angriffen in Brasilien, Nicaragua, Peru und den Philippinen. Mexiko verzeichnete einen starken Anstieg der Morde im Zusammenhang mit Entwaldung (9 im Jahr 2020)."

Am Beispiel der Philippinen wird erläutert, wie sehr der Ausbau der Machtbefugnisse infolge der Corona-Pandemie auch dazu genutzt wurde, gegen politischen Dissenz vorzugehen. Für die Philippinen notiert die NGO 29 Morde an Umweltaktivisten. Mehr als die Hälfte der tödlichen Angriffe stehen laut Global Witness in "direktem Zusammenhang mit dem Widerstand gegen Bergbau-, Abholzungs- und Staudammprojekte".

Die Regierung nutzte die Pandemie auch, um im Eiltempo das Antiterrorismusgesetz zu verabschieden, das im Juni in Kraft trat. Kritiker argumentieren, dass dies die "rote Markierung" - die Kennzeichnung von Aktivisten und sozialen Führern als kommunistische Rebellen - beschleunigen und zu einem Anstieg der Gewalt gegen Umweltschützer und indigene Völker führen wird. Der Präsident hat dem Bergbau für die wirtschaftliche Erholung von der Pandemie Vorrang eingeräumt, indem er den Betrieb der Industrie bis 2020 erlaubte und kürzlich ein Verbot des Tagebaus aufhob.

Global Witness, Last Line of Defence

Ziel der brutalen Attacken sind meist Indigene. Zwischen 2015 und 2019 sollen mehr als ein Drittel aller tödlichen Angriffe auf indigene Menschen gerichtet gewesen sein - "und das, obwohl indigene Gemeinschaften nur 5 % der Weltbevölkerung ausmachen. Sie gehören zu den am stärksten gefährdeten Gemeinschaften". (Thomas Pany)