250 Stimmen aus Eureka noch nicht ausgezählt: Welcome to Nevada

Karte: silverstateelection.nv.gov/

Wer verstehen will, was rund um die Präsidentenwahl in vielen Teilen der USA gerade vor sich geht, sollte den Blick auch auf die ländlichen Gegenden wenden

Einer der (derzeit) noch nicht final ausgezählten Bundesstaaten glänzt mit schier unendlichen Weiten und dünn besiedelten, imposanten Landschaften: Nevada. Die Karte zur Wahl zeigt die Gegensätze: Nevada ist rot, fast komplett. Zahlreiche Counties - manche sprichwörtlich in der Wüste - wählen mit fast sozialistisch anmutenden 85 oder 90 Prozent Trump, oder jeden anderen Republikaner, der ihnen vor die Flinte kommt - seit Jahrzehnten.

Doch aus der Sicht dieser Wähler hat das enttäuschend wenig Einfluss auf die Gesamtsituation: Die drei größten Städte Nevadas (Reno, Carson City und Las Vegas mit ihren Vororten) bestimmen, welche Wahlmänner nach D.C. geschickt werden, nicht die abertausende Quadratkilometer Trump-Land. Zwei Counties, Washoe (Reno) mit ein paar hunderttausend Wählern und Clark (Las Vegas) mit über eine Million, wiegen da auch 2020 das gesamte Hinterland plus Carson City (ca. 30.000 Wähler) auf.

Counties und Quoten

Nevadas Counties, die ungefähr unseren Landkreisen entsprechen, erstrecken sich über große Flächen, haben aber nur wenige Wähler vorzuweisen, und so kommt Nevada zu einer roten Flächenfarbe, aber einer demokratischen Mehrheit in der Vorhersage. Wenn Biden so wie am 5.11. mit 10.000 bis 12.000 Stimmen vorne liegt, dann ist das bis zu zehnmal mehr als viele Bezirke des Staates Wähler aufweisen können.

Nevada hat noch drei Tage nach der Wahl fast unverändert 75% Auszählungsquote zu verzeichnen. Sehr wahrscheinlich wird Clark County für den Staat ausschlaggebend sein, wo noch hunderttausende Stimmen auszuzählen sind, die meisten aus Briefwahl und für Biden. Keine Frage, dort ist das eine Aufgabe, die lange braucht.

Counties wie Esmeralda oder Eureka County schaffen es gerade mal auf 800 oder 1000 Wähler. Das gigantische Nye County versammelt auf 47 000 km² weniger als 2 % der Wähler Nevadas (46.500 Einwohner). Alle drei haben zwei Sachen gemeinsam: Annähernd 90% der Wähler wählten Trump und es sind dort bisher nur 75 % der lokalen Wählerstimmen ausgezählt. Das Biden wählende Clark County jedoch hat knapp 2,3 Millionen Einwohner, dank Las Vegas und seiner Vororte, und zählt 70.000 Stimmen pro Tag aus. Zum Vergleich: Deutschlands größter Landkreis ist die Mecklenburgische Seenplatte mit 5.500 Quadratkilometern, die meisten Einwohner hat der Landkreis Hannover (fast 1,2 Millionen).

Silber, Uran und Jobs

Auch der Blick auf die Webseiten der kleinen Counties lohnt sich. An Atomkraft Interessierte kennen vielleicht Yucca Mountain, das ehemalige Atommüllendlager der USA. Das liegt im Eureka County und dürfte dort neben der Silbermine der größte Arbeitgeber sein. Sheriff-Coroner Jesse J. Watts sucht übrigens dringend Deputies, die für einen Stundenlohn von üppigen 23.95$ (Entry level) loslegen, Krankenversicherung und Urlaub inklusive, Erfahrungen oder Zertifizierungen braucht man nicht. Und selbstverständlich macht man bei der Offender Map mit: Verurteilte Sexualstraftäter melden sich bitte wie überall beim Sheriff, wenn sie in Eureka ankommen.

Und wo liegen jetzt die 250 Stimmen aus Eureka gerade, die seit Dienstagabend auf die Auszählung warten? Im offiziellen Election Summary Report des County tauchen sie nicht auf. Selbst eine einzelne Person könnte doch 250 Stimmen innerhalb eines Tages auszählen, zumindest nach europäischen Maßstäben. Doch die greifen nicht wirklich - für uns, die wir Bundestags-, Kommunal- und Europawahlen gewohnt sind, ist es gelegentlich schwer nachzuvollziehen, wie das US-Wahlsystem funktioniert - und sicher haben sich auch in diesen Text Fehler dazu eingeschlichen.

Komplett anders, irgendwie

Der Föderalismus der USA zieht sich hinab bis in die kleinsten Details und Counties. Die Unterschiede können gravierend sein, auch im Handling von Mail-in- oder Absentee Ballots - was für sich schon mal eine interessante Betrachtung wert wäre. Und, wie der Eureka Election Summary Report zeigt, ist es auch in den USA nicht unüblich, über einzelne Richter, Gesetze, den Sheriff oder auch den "Eureka County Television District Seat 4E" abzustimmen. Die Wahlunterlagen in Kalifornien können schon mal 100 Seiten lang sein, mit "Official Voter Information Guide".

Zurück nach Nevada: Der normale Weg der Mail-In-Ballots wäre (vermutlich) von der Urne im "Polling Place" im Wahlbezirk (Voting Precinct) zum Wahlkreisleiter (der/die County Clerk) und dann zum Innenministerium von Nevada (NV Secretary of State). Gezählt wird normalerweise im lokalen Gericht - was zufälligerweise neben Yucca Mountain und der alten Silbermine die andere historische Sehenswürdigkeit in Eureka County ist.

Verschwörungstheorien

Wo also hängen die 250 Stimmen? Die Hipster von der Westküste haben da eine eigene Erklärung: Sie bezeichnen die Landbewohner im Outback der Flächenstaaten gern als Hicks oder Hillbillies, Landeier würde man hierzulande wohl sagen. Die Stereotype reichen von stur, desinteressiert bis zu passiv-aggressiv und gefährlich. Angesichts einer 80prozentigen Zustimmung zu einem Kandidaten, einem im County schon lange vor der Wahl entschiedenen und vor allem auswirkungslosen Rennen um die Präsidentschaft sei vieles vorstellbar. "Why bother ...?" - warum sich aufregen, ist doch eh alles schon entschieden: "Vergiss die Ballots, Mann, lass uns auf ein paar Büchsen oder Koyoten schießen."

Manch Aluhut dagegen schwört, die Mafia habe ihre Finger im Spiel. Der gehöre halb Las Vegas und weite Teile Kaliforniens, und die halte die Wahl offen, so lange es geht, weil man so mehr Umsatz in den Wettbüros erzielen könne. Dass im ansonsten glücksspielfreundlichen Nevada das Wetten auf Wahlergebnisse seit 2013 nicht mehr erlaubt ist, ignoriert man geflissentlich. Nicht vergessen: New Mexiko mit seinen Aliens ist nicht weit.

Die Mafia oder doch das Virus?

Auch wenn hier sicher nicht die Mafia schuld sein dürfte, möchten die Bürger von Nevada ebenso sicher nicht das Zünglein an der Waage sein, die Joe Biden zum Präsidenten machen. Könnten die Stimmen für Trump etwas bewirken, würde das sicher anders aussehen.

Am wahrscheinlichsten jedoch dürfte eine ganz andere Problematik sein: COVID-19. Das Virus war ja auch das einzige Ereignis, das es jemals schaffte, die Casinos in Las Vegas leer zu räumen. Nicht nur der Sheriff von Eureka County sucht derzeit händeringend Hilfe, auch Lisa Hoehne, "Eureka County Clerk Recorder" und damit so etwas wie die Wahlleiterin des County, warnte bereits im März vor Ressourcenmangel für die Vorwahlen im Juni, die sogenannten "Primaries". Für die hatte man an alle Wähler Briefwahlunterlagen verschickt, wegen Corona, auf Weisung des Innenministers von Nevada. Hoehne bat in einem Schreiben alle Wähler, die Briefwahlunterlagen doch bitte "zur Urne zu bringen". Das helfe, eine freie, transparente und korrekte Wahl sicherzustellen.

21. Jahrhundert und die Briefwahl per Fax

Man solle nicht immer gleich Verschwörungstheorien bemühen, wenn die Probleme ganz woanders liegen, so ähnlich lautet Hanlon's Razor, eines der fundamentalen Internetgesetze. Vielleicht gibt es ja noch andere, noch einfachere Erklärungen, wo die wenigen hundert Stimmen aus den diversen "roten" Bezirken Nevadas gelandet sind - ohne einen Anruf vor Ort könnte das schwierig werden, vielleicht löst sich alles auch in Luft auf.

Aber auch das sind amerikanische Staatsbürger durchaus gewohnt, auch bei Wahlen: Viele Expats in Deutschland folgten dem Rat, ihre Stimmzettel per Fax in die USA zu schicken, nachdem sie vorher bei der Gegenstelle angerufen hatten und so sicherstellten, dass das Fax an und Papier eingelegt ist und die Unterlagen entgegengenommen werden.

Auf Nachfrage in Eureka teilte uns Frau Hoehne übrigens mit, man werde aufgrund der Größe von Eureka bis zum 12. November keine Stimmen mehr zählen. Alle Stimmen, die vorlägen, müssten warten, bis das "Voting Board" wieder zusammen kommt. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Bis dahin lohnt es sich vielleicht, sich die Zeit mit den besten Memes aus Twitter und Co zu vertreiben. Einfach mal nach #Nevada suchen, da finden sich einige Perlen. Aber man kann auch den Live-Stream der Auszählung in Washoe County verfolgen, oder einfach mal virtuell durch Eureka fahren. Nevada selbst ist mittlerweile bei 84% ausgezählten Stimmen angekommen.

Original der Antwort

Because of our size, we will not county any more ballots until November 12th. All ballots that have come in are being held until November 12th when the counting board reconvenes. Thank you.

Lisa Hoehne
Eureka County Clerk Recorder

(Markus Feilner)