30 Jahre Aufmerksamkeitsstörung ADHS

Verbreitung, Drogen und Therapien geben uns Rätsel auf

Auch dreißig Jahre nach der Kodifizierung der sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gibt es viele offene Fragen. Wussten Sie etwa, dass die Störung in Deutschland bei ca. 6,5% der Jungen, jedoch nur bei ca. 2% der Mädchen diagnostiziert wird? Oder dass eine Diagnose in Bayern, Rheinland-Pfalz oder Thüringen um mehr als 50% wahrscheinlicher ist (ca. 5 bis 5,5%) als etwa in Bremen, Hamburg, Hessen oder Schleswig-Holstein (ca. 2 bis 3,5%)?

In den südöstlichen Bundesländern und Rheinland-Pfalz wurde im Untersuchungszeitraum ADHS am häufigsten diagnostiziert (oben). In der Ansicht nach Kreisen werden aber auch innerhalb der Bundesländer teils erhebliche Unterschiede deutlich (unten). Dass die Abbildungen von links nach rechts blauer werden, spiegelt den Trend wider, dass die Häufigkeit von ADHS-Diagnosen im Zeitraum von 2008 bis 2011 im Mittel von 3,7% auf 4,4% stieg. Quelle: Hering R, Schulz Mandy, Wuppermann A, Bätzing-Feigenbaum J. Versorgungsatlas-Bericht Nr. 14/09/DOI: 10.20364/VA-14.09

Auch das Alter bei der Einschulung der Kinder hat einen großen Einfluss. Verwunderlich ist ebenfalls, dass Expertinnen und Experten die Häufigkeit von ADHS in den USA auf fast 10% schätzen, in Großbritannien aber kaum mehr als 2% der Kinder die Diagnose erhalten. Oder dass Molekularpsychiaterinnen und -Psychiater die Störung zwar für stark erblich halten (76% Erblichkeit), trotz groß angelegter Studien seit Jahrzehnten aber nicht die verantwortlichen Gene finden.

Doch nicht nur auf der Ebene der Daten gibt es offene Fragen. Auch grundlegende Herausforderungen bleiben ungelöst: Ist ADHS eine Gehirnerkrankung? Eine psychische Störung? Eine normale Reaktion auf eine sich verändernde Umwelt? Eine Medikalisierung von Moralvorstellungen? Ein Freifahrtschein zum Drogenkonsum von Kindern wie Jugendlichen - und in zunehmendem Maße auch von Erwachsenen?

Inzwischen konsumieren rund 23% der Deutschen (Männer: 20%, Frauen: 26%) mindestens wöchentlich Psychopharmaka, vor allem Schmerzmittel und Antidepressiva. In den USA führt Schmerzmittelabhängigkeit sogar zu wirtschaftlichen Problemen ("Opioid-Epidemie" wirkt sich auf US-Wirtschaft aus). Medikamentenkonsum für die Arbeit ist auch hier ein bekanntes Phänomen (Eine Million dopt regelmäßig am Arbeitsplatz).

Von ADHS sind insbesondere Kinder und Jugendliche betroffen, doch in zunehmendem Maße auch Erwachsene. Grund genug, das Phänomen in einer zweiteiligen Artikelserie näher zu untersuchen. Dabei muss es auch um die molekularbiologische Psychiatrie gehen.

Ein Blick in die Forschungsdatenbanken offenbart, dass es an Wissen jedenfalls nicht mangelt: In diesem Jahr dürften zum ersten Mal mehr als 3.000 Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften zum Thema ADHS erscheinen, also mehr als acht pro Tag. Insgesamt listet das Web of Science fast 35.000 Publikationen. Diese Fülle kann niemand mehr überblicken.

Die jährliche Anzahl der Publikationen zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung stieg laut ISI Web of Science bis 2007 exponentiell an. Danach setzte sich das Wachstum auf hohem Niveau linear fort. Heute erscheinen täglich mehr als acht Publikationen. Dabei spiegelt die Datenbank auch nur einen Teil der Wissenschaft wider.

Aber gehen wir erst noch einen Schritt zurück: Was ist ADHS überhaupt? Und seit wann wird diese Diagnose gestellt?

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